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Die linke Bewegung in Nepal
und die Maoisten: Hintergründe des 'People's War'
In: Südasien 16,4:49-52
(1996).
Am 12. Februar 1996 begann die Communist Party of
Nepal (Maoist) einen sogenannten Volkskrieg mit dem Ziel, "die reaktionäre
Staatsmacht zu stürzen und einen neuen Volksstaat zu errichten". Kader
der CPN (Maoist), einer der drei Splittergruppen der kommunistischen Partei
Nepals, die der Ideologie der chinesischen Kulturrevolution anhängen,
wie sie heute von dem Revolutionary International Movement (RIM) repräsentiert
wird, begannen im westlichen nepalischen Bergland mit einer Kampagne des
Terrors.
People's War (jana yuddha)
Bereits einige Wochen zuvor war es zu Aktivitäten
dieser extremistischen Organisation gegen politische Opponenten und erklärte
Feudalisten gekommen. Diese waren jedoch von der Polizei in einer sogenannten
Aktion "Romeo" im Keim erstickt worden. So waren die Aktionen der CPN (Maoist)
vom Februar in gewisser Weise eine Art Rache für den vorhergehenden
Fehlschlag. Fast gleichzeitig kam es zu einer Reihe von Anschlägen
auf Polizeiposten in den westlichen Gebirgsdistrikten Rolpa und Rukum sowie
im südöstlich von Kathmandu gelegenen Distrikt Sindhuli. Maskierte
Aktivisten zogen maoistische Slogans ausrufend durch die Bergdörfer,
ermordeten Dorfvorsteher, schlugen "Klassenfeinde" zusammen, plünderten
und sprengten das Haus eines ehemaligen Ministers in die Luft. Ziel der
Angriffe der Aktivisten der CPN (Maoist) waren vor allem Personen, die
seit langem den Ruf lokaler Ausbeuter hatten. Die Regierungsseite spricht
allein für Rolpa von fünf ermordeten Personen und einem Sachschaden
von rund 10 Millionen Rupien.
Die Antwort der Polizei war nicht weniger gewalttätig.
Bei einem einzigen Zusammenstoß wurden sechs bäuerliche Aktivisten
getötet. In Rolpa wurden in neun Dorfentwicklungskomitees (VDC), wie
die lokalen Verwaltungseinheiten heute bezeichnet werden, etwa 1000 Polizisten
stationiert. Nach Polizeiangaben wurden 440 Personen verhaftet, von denen
die meisten jedoch wieder freigelassen worden seien. Gegen 234 Personen
wurde ein Gerichtsverfahren eingeleitet. Kritik kommt jedoch von Menschenrechtsorganisationen.
Vertreter von vier dieser Organisationen (INSEC, INHURED, CIVICT, FOPHUR),
die die Situation vor Ort in Augenschein genommen hatten, erklärten
am 2. April in einer Pressekonferenz: "Unschuldige Menschen werden von
der Polizei unter dem Vorwand, sie hätten an der Bewegung teilgenommen,
des Mordes, der Vergwaltigung und anderer Verbrechen beschuldigt. Sie werden
verhaftet und auf unmenschliche Weise gefoltert. Die Maßnahmen der
Regierung selbst sind eine Unterdrückung mit illegalen, verfassungswidrigen
und inhumanen Mitteln. Die Menschen werden ohne Angabe von Gründen
verhaftet, mißhandelt, gefoltert und nicht innerhalb von 24 Stunden
einem Richter vorgeführt, wie es das Gesetz verlangt. Falsche Beschuldigungen
oder Anklagen werden erhoben. Die Menschen werden Opfer von Polizeischüssen
ohne Vorwarnung."
Die Anfänge der kommunistischen Bewegung
Wer sind jene Maoisten und wie sind sie in der linken
Bewegung Nepals einzustufen? Um dies zu erklären sei ein Blick zurück
in der Parteigeschichte erlaubt. Die Communist Party of Nepal (CPN) wurde
im September 1949, wie fast alle nepalischen Parteien der damaligen Zeit,
in Indien gegründet. Zu den frühen Führern gehörten
Pushpa Lal Shrestha und Man Mohan Adhikari. Mit weniger Mitgliedern, noch
nicht so gut organisiert und vor allem finanziell benachteiligt gegenüber
dem Nepali Congress, wird die CPN heute kaum mit dem Sturz des Rana Regimes
(1950/51) in Verbindung gebracht, obgleich auch diese Partei ihren Beitrag
leistete. Die jungen nepalischen Linken sahen, ähnlich wie die Communist
Party of India (CPI), in der indischen Congress-Regierung eine Fortsetzung
der Kolonialpolitik. Sie waren überzeugt, daß die Regierung
des unabhängigen Indien Expansionsbestrebungen gegenüber Nepal
hegte. Man sprach davon, daß ausländische imperialistische Mächte
in Konspiration mit den Rana Nepal in eine Militärbasis verwandeln
wollten.
Ähnlich wie die CPI den Indian National Congress
betrachtete die CPN die Führer des Nepali Congress um B. P. Koirala
und Suvarna Shamsher als eine Clique der national-kapitalistischen Bourgeoisie.
Auf der ersten Konferenz der Partei, im September 1951, erklärten
ihre Führer, der Aufstand gegen die Rana vom vorangegangenen Jahr
hätte wegen der Intervention der anglo-amerikanischen Imperialisten
und der Nehru-Regierung nicht zu einer Revolution ausgeweitet werden können.
Der Delhi-Kompromiß laufe auf einen Verrat an der Sache der Revolution
durch die Führer des Nepali Congress hinaus. Man sah daher keinen
Unterschied zwischen der abgeschafften Rana-Regierung und dem Übergangskabinett
von Rana und Nepali Congress. Vielmehr bezeichnete man dieses Kabinett
als Handlanger der indischen Regierung und forderte alle progressiven Kräfte
zur Bildung einer Volksfront auf. Als eine Folge dieser Politik sah sich
die CPN in ihrer anti-indischen Kampagne auf einmal als Partner des konservativ-reaktionären
Nepal Rastravadi Gorkha Parishad, jenem Sammellager der feudalen Kräfte
der Rana-Zeit. Gemeinsam mit Tanka Prasad Acharyas Nepal Praja Parishad
bildete man den Jatiya Janatantrik Samyukta Morcha (National People's United
Front), der zu Beginn der fünfziger Jahre für einige Zeit dem
Nepali Congress Konkurrenz machte. Diese Front hob hervor, daß 75
% des Handels und der Industrie Nepals in indischer Hand lägen; Indien
versuche, Nepal von freundschaftlichen Beziehungen zu China abzuhalten.
Ehe die CPN jedoch aus ihrer erfolgreichen Oppositionspolitik einen Nutzen
ziehen konnte, wurde sie am 25. Januar 1952 wegen ihrer Verwicklung in
den Rakshya Dal-Aufstand vom 20./21. Januar verboten.
Das Wirken der CPN in den fünfziger Jahren
Infolge dieses Verbots konnte die CPN bis 1956 nur
im Untergrund aktiv werden. In dieser Phase verlegte man sich darauf, einige
bis dahin nicht-kommunistische Organisationen ideologisch zu unterwandern.
Außerdem verstärkte man die Arbeit unter den landwirtschaftlichen
Arbeitskräften, insbesondere in den östlichen Tarai-Distrikten
Jhapa, Bara und Rautahat. Die wachsende Popularität der verbotenen
CPN zeigte sich bei den Stadtratswahlen von Kathmandu im September 1953,
als die von der CPN unterstützen Kanditen 5 Sitze und mehr als 50
% der Stimmen erhielten. Man organisierte zahlreiche Steiks und Demonstrationen
im Kathmandutal durch eine neugegründete Organisation, den Jana Adhikar
Surakshya Samiti (Civil Liberties Defence Committee). Die Popularität
der CPN in der Bauernschaft zeigte sich darin, daß bis 1954 die kommunistisch
ausgerichtete Bauernorganisation des Akhil Nepal Kisan Sangh bereits 143.000
Mitglieder aufwies.
Auf einem geheimen Parteikongreß im Januar
1954 wurde eine neue Parteilinie beschlossen, die als "Left Sectarianism"
bezeichnet wurde. Es hieß, unter der persönlichen Diktatur des
Monarchen würden mit Hilfe der indischen Kapitalisten alle progressiven
Kräfte des Landes – Bauern, Arbeiter, Kleinunternehmer, Händler
und Intellektuelle – unterdrückt. Der König repräsentiere
die Interessen der Feudalherren in gleicher Weise wie zuvor das Rana-Regime.
Daher sei es die Aufgabe der CPN, das feudalistische Regime mit dem König
an seiner Spitze durch eine republikanische Verfassung zu ersetzen, die
von einer gewählten verfassunggebenden Versammlung entworfen werden
sollte.
Die Zeit von 1956 bis 1960 kann als eine Phase der
Unentschlossenheit bezeichnet werden. Es mehrte sich die Zahl der Kommunisten,
die unzufrieden mit der neuen Parteilinie waren, die eine Isolation der
CPN von allen anderen Parteien bedeutete. Man glaubte zu erkennen, der
Aufruf zur Abschaffung der Monarchie habe nicht nur keinen Erfolg gehabt,
er habe auch die Popularität der Partei gesenkt. Daher erklärte
Man Mohan Adhikari unmittelbar nach der Aufhebung des Parteienverbots durch
Tanka Prasad Acharya im April 1956, seine Partei unterstütze die Idee
einer konstitutionellen Monarchie.
Es bildeten sich in der Folgezeit zwei Linien innerhalb
der CPN heraus. Die gemäßigte Linie sprach sich für eine
Politik der Kooperation mit anderen demokratischen Kräften aus, während
die andere, ultra-linke Linie eine sektiererische Politik anstrebte. Zunächst
sah es so aus, als könne sich die gemäßigte Linie durchsetzen;
so wurden im August 1956 die lokalen Parteieinheiten von der Parteiführung
zur Zusammenarbeit mit dem Nepali Congress aufgefordert. Ebenso unterstützte
man die progressive Außenpolitik der Tanka Prasad Acharya-Regierung.
Bald jedoch konnte sich wieder die harte Linie durchsetzen.
Ihr Wortführer, D. P. Adhikari, forderte die Schaffung einer Volksregierung
durch eine agrarische Revolution nach chinesischem Vorbild. Da weit über
90 % der nepalischen Bevölkerung Bauern seien, könne nur von
der Bauernschaft eine demokratische Revolution in Nepal ausgehen. Auf diese
prochinesischen Elemente, die jetzt die Oberhand in der Parteiführung
der CPN erlangten, ging eine Reihe bäuerlicher Unruhen im östlichen
Tarai im Sommer 1957 zurück. Auf dem zweiten Parteikongreß im
Juni 1957 konnte sich zwar auch noch einmal die gemäßigte Linie
zu Wort melden, doch brachte die Einsetzung der K. I. Singh Regierung und
der von ihr eingeleitete Wandel der nepalischen Politik erneut Aufwind
für die radikalen Kräfte in der CPN.
Die innerparteilichen Streitigkeiten konnten vor
den Parlamentswahlen von 1959 nicht mehr ausgeräumt werden. Zunächst
war sogar ein Boykott der Wahlen in Erwägung gezogen worden, doch
entschloß man sich im Juni 1958 für eine Teilnahme. Dennoch
hatten die innerparteilichen Unstimmigkeiten Auswirkung auf das Abschneiden
der CPN bei den Wahlen. Die ideologischen Differenzen zwischen den Parteiführern
verhinderten die Organisation einer nationalen Wahlkampagne. Insbesondere
aber war die CPN hinsichtlich der für den Wahlkampf zur Verfügung
stehenden Mittel eindeutig gegenüber Nepali Congress und Nepal Rastravadi
Gorkha Parishad benachteiligt.
Die CPN auf dem Weg in die Zersplitterung
Das schwache Abschneiden bei den Wahlen von 1959
(4 von 109 Sitzen) bedeutete erneut Aufwind für die radikalen Kräfte
in der Parteiführung. Wieder wurde der Vorwurf erhoben, Indien versuche
Nepals Unabhängigkeit zu unterwandern und das Land in den kalten Krieg
über den Himalaya hinweg einzubeziehen. Es hieß, der indienfreundliche
Nepali Congress stehe unter dem Druck reaktionärer Elemente. Gleichzeitig
kritisierten aber auch einige gemäßigte kommunistische Führer,
wie Man Mohan Adhikari, die chinesische Politik. Es zeigte sich immer mehr,
daß die Frage der Haltung gegenüber China über kurz oder
lang eine Spaltung der Partei herbeiführen könnte.
Diese Spaltung wurde auf dem dritten Parteikongreß
im Jahre 1992 vollzogen. Entsprechend den kommunistisch-ideologischen Weltblöcken
gab es fortan eine mehr an Moskau ausgerichtete Gruppe der CPN, die sich
nach ihrem Führer Kesar Jung Rayamajhi als CPN (Rayamajhi) bezeichnete.
Demgegenüber befürwortete die Hauplinie der Partei um Pushpa
Lal Shrestha eine mehr prochinesische Ausrichtung. Von der letzteren Gruppe
spaltete sich 1967 Tulsi Lal Amatya ab, indem er eine eigene Splittergruppe
begründete. Letztere Spaltung ist in Zusammenhang mit den Ereignissen
der chinesischen Kulturrevolution und den sowjetisch-chinesischen Auseinandersetzungen
zu sehen. Eine weitere Abspaltung von der CPN (Pushpa Lal) war die Gründung
der Nepal Majdur Kisan Party (Nepal Workers Peasants Party) durch Naryan
Man Bijukche im Jahre 1969.
Die Radikalisierung der kommunistischen Bewegung
Während der Zeit des Panchayat-Systems konnte
die CPN, wie alle Parteien, nur im Untergrund arbeiten. Viele bedeutende
Führer der Partei, wie Man Mohan Adhikari, saßen bis zum Ende
der sechziger Jahre im Gefängnis. So kam es erst zu Beginn der siebziger
Jahre wieder zu nennenswerten Aktivitäten der Kommunisten. Unter dem
Einfluß der Naxaliten-Bewegung im benachbarten Darjeeling-Distrikt
hatten radikale kommunistische Ideen im Südosten Nepals bereits in
den späten sechziger Jahren Fuß gefaßt. 1971 organisierte
das East Koshi Zonal Committee der CPN im Jhapa-Distrikt einen Bauernaufstand,
der der nepalischen Panchayat-Regierung große Schwierigkeiten bereitete.
In dieser Phase bildete sich eine noch sehr junge neue Generation, teilweise
sehr radikaler, kommunistischer Führer heraus. Die Folge war eine
erneute Spaltung der prochinesischen Gruppe der CPN in drei neue Splittergruppen:
CPN (Marxist) [CPN (M)], CPN (Marxist-Leninist) [CPN (ML)] und "Central
Nucleus", die sich ab 1974 als CPN (Fourth Congress) bezeichnete.
Bei der letzteren Gruppe handelte es sich um radikale
Revolutionäre, die sich um Mohan Bikram Singh scharten und zunehmend
von den anderen maoistischen Gruppen, CPN (M) und CPN (ML) distanzierten.
Mohan Bikram Singh war auf dem zweiten Parteikongreß im Jahre 1957
in das Zentralkomitee der CPN gewählt worden. Nach dem Staatsstreich
König Mahendras vom 15. Dezember 1960 war er bis 1971 inhaftiert.
Danach arbeitete er im Untergrund, hielt sich aber auch oft in Indien auf.
Er identifizierte sich zunehmend mit den Ideen des Revolutionary International
Movement (RIM), der die chinesische Politik nach dem Tod Maos als reaktionär
und konterrevolutionär bezeichnete.
1986 kam es erneut zu einer Spaltung dieser linksextremistischen
nepalischen Partei. Eine kleine Gruppe um Nirmal Lama nannte sich weiterhin
CPN (Fourth Congress) während die größere Gruppe um Mohan
Bikram Singh sich fortan als CPN (Masal) bezeichnete. Der Grund für
diese Spaltung lag in der Frage, ob man sich an Wahlen des parteilosen
Panchayat-Systems beteiligen sollte oder nicht. Nirmal Lama sah den Hauptgegner
im Feudalismus und betrachtete die Beseitigung des Rana-Regimes von 1950/51
als eine nicht erfolgreiche Revolution. Er glaubte daher, man müsse
das Panchayat-System bekämpfen, um die feudalen Kräfte endgültig
besiegen zu können. Mohan Bikram Singh andererseits sah den Hauptfeind
in Indien; alle demokratischen Entwicklungen seit 1950 seien Teil der reaktionären
Ausbreitung des indischen Hegemonismus. Er sprach sich daher für eine
"totale Revolution" aus und lehnte jegliche Kooperation mit anderen Kräften
zum Sturz des Panchayat-Systems ab.
Bereits 1987 kam es zu einer erneuten Spaltung der
CPN (Masal). Diesmal blieb Singh mit seiner Gruppe in der Minderheit, als
sich die CPN (Mashal) unter Führung von Mohan Vaidya abspaltete. Nach
der Demokratiebewegung von 1990 schlossen sich Vaidyas CPN (Mashal), Nirmal
Lamas CPN (Fourth Congress) und eine weitere Splittergruppe der CPN (Masal)
zum CPN (Unity Centre) zusammen. Als politischer Flügel dieses Zentrums
trat der Samyukta Jana Morcha Nepal (United People's Front Nepal) (SJMN)
auf, der bei den Parlamentswahlen von 1991 neun Sitze erringen konnte und
damit die drittstärkste Parteigruppierung im Unterhaus wurde.
Der Unity Centre zerbrach jedoch 1993 erneut, was
gleichzeitig das Ende des SJMN als einer wirkungsvollen politischen Kraft
bedeutete. Eine Gruppe um Nirmal Lama und Lila Mani Pokhrel nannte sich
wieder CPN (Fourth Congress), während sich eine andere um Pushpa Kamal
Dahal, besser bekannt als Genosse Prachanda, von nun an als CPN (Maoist)
bezeichnete. Als Sprecher dieser letzteren Slittergruppe trat in der Folgezeit
Dr. Baburam Bhattarai in der Öffentlichkeit auf, der zuvor bereits
als eine Art Koordinator des SJMN in Erscheinung getreten war.
Diese CPN (Maoist) steht hinter dem "Volkskrieg",
der heute in einigen westlichen Gebirgsdistrikten Nepals für Unruhe
und Anarchie sorgt. Die beiden anderen linksextremen Gruppen, CPN (Fourth
Congress) und CPN (Masal) identifizieren sich zwar mit der Philosophie
und den Zielen eines derartigen Krieges, halten den Zeitpunkt jedoch für
falsch. Sie glauben, daß ein solcher Krieg jetzt eher den Interessen
des Kleinbürgertums diene, d. h. den kleinen Geschäftsleuten
und Landbesitzern. Der "Volkskrieg" der CPN (Maoist) sei somit keine Arbeiterbewegung.
Die Rolle der etablierten Parteien
Woraus rekrutiert sich die Anhängerschaft einer
derartigen radikalen Gruppe wie der CPN (Maoist)? Die Gründe für
eine radikale Haltung sind zum einen im nepalischen Gesellschaftssystem
zu suchen. Die Bildung der Bevölkerung hat sich seit 1950 gerade im
städtischen Bereich, aber auch in einigen ländlichen Zentren
enorm verbessert. Dem gegenüber sind die sozialen und wirtschaftlichen
Strukturen, die vielfach eine Folge des vor etwa 250 Jahren beginnenden
nepalischen Einigungsprozesses sind, selbst durch die Verfassung von 1990
und die darauf aufbauende Politik der jüngsten Regierungen kaum verändert
worden. Ansätze kamen lediglich seitens der Adhikari-Regierung, doch
wurde diese nicht zuletzt wegen ihrer diesbezüglichen Politik rasch
wieder von den konservativeren Kräften aus dem Sattel gehoben.
Eine Folge ist, daß sich die immer größer
werdende Zahl der Gebildeten, angesichts des Fehlens einer guten Regierung
und mangels beruflicher und wirtschaftlicher Perspektiven jenen zuwenden,
die die radikalsten Reden schwingen. So sind es insbesondere junge Menschen,
die sich von den beißenden Reden des Genossen Prachanda angezogen
fühlen, der erklärt: "Da es keinen anderen Weg gibt, die gegenwärtige
Krise des Landes zu lösen, ist das Volk zum bewaffneten Kampf und
Propagandakrieg gegen den vom Staat geförderten Terrorismus, die Feudalbürokraten
und Kapitalisten."
Dieser bewaffnete Kampf unterscheidet sich von jenem,
der die politischen Veränderungen des Jahres 1990 herbeiführte
in verschiedenen Punkten. Damals stand eine Mittelschicht nepalischer Intellektueller
den Polizeikräften als der bösen Macht eines autokratischen Königtums
gegenüber. Heute werden die maoistischen Kämpfer von ihrern Führern
gedrängt, die taghaften Forderungen nach Demokratie und Menschenrechten,
wie sie von gemäßigten politischen Führern erhoben werden,
zu verhöhnen. Die Maoisten, die bereit sind zum ausgedehnten Klassenkampf,
betrachten die Verfassung von 1990 als eine Heuchelei und bezeichnen selbst
die CPN (United Marxist-Leninist) [CPN (UML)]als revisionistisch.
Und damit sind wir bei einem weiteren Grund für
die Stärkung der radikalen Kräfte in Nepal. Fünf Jahre,
nachdem erstmals eine demokratische Regierung gewählt werden konnte
– die B. P. Koirala-Regierung von 1959 wurde zwar demokratisch gewählt,
doch war die damalige Verfassung nicht demokratisch –, sind Euphorie und
Illusionen längst dahin. Das Parlament, das von drei Parteien dominiert
wird, in dem jedoch keine dieser Parteien über eine absolute Mehrheit
verfügt, ist kein Repräsentantenhaus des Volkes, sondern ein
Tummelplatz von Abgeordneten, die nach persönlichen Vorteilen und
Privilegien streben. Hierzu ist es nötig, die Macht zu besitzen. Um
in deren Besitz zu gelangen, werden traditionelle Parteiideale vergessen,
sucht man nach Koalitionspartnern, die man zuvor als Feinde des Volkes
und Hauptverursacher der sozialen und wirtschaftlichen Mißstände
bezeichnet hat. Heute liebäugelt sogar die CPN (UML) mit den Royalisten
der National Democratic Party (NDP) um Lokendra Bahadur Chand, nur um die
Deuba-Regierung zu Fall zu bringen.
Die gut 200 Abgeordneten des nepalischen Parlaments
kommen aus allen Gegenden des Landes; 48 von ihnen sitzen sogar im Ministerrat
und bestimmen damit über die Politik des Landes. Dennoch hat sich
die Kluft zwischen dem wirtschaftlich dominierenden Kathmandutal und den
verarmten ländlichen Gegenden seit 1991 noch mehr vergrößert.
Auch für die zunehmende Bedeutung dieser wirtschaftlichen Gegensätze
für eine Radikalisierung der Politik ist die Konzentration des "Volkskriegs"
auf einige westliche Gebirgsdistrikte ein Indiz. Die Distrikte Rolpa und
Rukum gehören zum Hauptsiedlungsgebiet der Magar, einer der größten,
ältesten und wirtschaftlich rückständigsten ethnischen Gruppen
des Landes. Ethnische Forderungen und Argumente, die von den ethnischen
Eliten immer lauter erhoben und begründet werden, werden von radikalen
Parteiführern aufgegriffen. Politische Kreise in Kathmandu neigen
dazu, die ethnischen Organisationen als Linksextremisten abzutun, und verkennen
dabei, daß gerade sie es sind, die die ethnischen Gruppen durch ihre
Politik in die Hände radikaler Parteien treiben.
Doch die Auswahl der Distrikte Rukum und Rolpa als
Ausgangsbasis ihrer kriegerischen Aktivitäten wurde von den linksextremen
Kräften wohl weniger aus ethnischen, sondern eher als praktischen
Erwägungsgründen getroffen. Zum einen ist der maoistische Führer
Mohan Bikram Singh, auch wenn er nicht zu den Rädelsführern des
"Volkskriegs" gehört, in jener Gegend des Landes zu Hause. Die Folge
ist, daß die Linksextremisten dort schon seit lamgem einen sehr großen
Rückhalt in der Bevölkerung haben. Eine Rolle mag auch gespielt
haben, daß der Innenminister der derzeitigen Deuba-Regierung, Khum
Bahadur Khadka (Nepali Congress), aus dieser Gegend stand und im südlich
angrenzenden Distrikt Dangdeukhuri ins Parlament gewählt wurde.
Wie bei allen radikal-extremistischen Bewegungen
nutzen die Führer der CPN (Maoist) geschickt die bestehenden sozialen
und wirtschaftlichen Ungleichheiten, um durch Slogans und Parolen die unzufriedene
Jugend für ihre Sache zu gewinnen. Es liegt an den verantwortlichen
Politikern in Kathmandu, diese Bewegung im Keim zu ersticken. Dies kann
nicht durch durch brutale Polizeieinsätze, willkürliche Verhaftungen
und Folterungen geschehen, sondern lediglich durch eine besonnene Politik,
die sich um eine rasche Beseitigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Mißstände und Ungleichheiten bemüht, wobei auch die Verfassung
von 1990 einiger Nachbesserungen bedarf. Daß die heutigen Politiker
in Kathmandu jedoch zu derartigen Schritten, die einer parteiübergreifenden
Kooperation bedürfen, bereit und in der Lage sind, muß angesichts
der seit 1990 gemachten Erfahrungen bezweifelt werden.
Nachtrag: Dieser Originaltext wurde
von Südasien für die Veröffentlichung redaktionell
überarbeitet.
http://www.nepalresearch.com/publications/samaois2.htm
Copyright © 1996, Karl-Heinz Kraemer |