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Home » Countries » Sri Lanka » Sivaram - Ein herausragender Journalist, ermordet von den Feinden der Freiheit

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Sivaram - Ein herausragender Journalist, ermordet von den Feinden der Freiheit

Am Donnerstag, dem 28. April gegen 19.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit erhielt ich die schockierende Nachricht aus Sri Lanka, dass der tamilische Journalist Sivaram Dharmeratnam von vier Männern in einem Geländewagen auf offener Straße mitten in der Hauptstadt Colombo entführt worden war. Die nächsten achteinhalb Stunden war ich, gemeinsam mit vielen anderen Menschen, fieberhaft mit der Suche nach Wegen beschäftigt, Sivarams Leben zu retten. Um 4 Uhr früh MEZ hörte ich dann, dass seine Leiche gefunden worden war. Die Intensität der gemeinsamen Trauer war unerträglich. Tamilen, Singhalesen und Europäer weinten hemmungslos am Telephon. Alle von uns teilten das Gefühl der Ohnmacht. Alle von uns, die wir politisch tätig sind, hatten in der Vergangenheit Erfahrungen mit dem plötzlichen Verlust von Menschen, die uns besonders nahe standen, und die in unseren jeweiligen Kämpfen eine besondere Stellung innehatten. Unsere Trauer um Sivaram ist auch eine Trauer um das, was sich in seinem Tod ausdrückt.

sivaram Sivaram hatte den Kampf der Tamilen erfolgreich ans Licht einer internationalen medialen Öffentlichkeit gebracht, die von den großen Medienholdings dominiert wird. Das ist ein sensationeller Erfolg in einer Welt, wo sich die Stimmen der Unterdrückten gegen die mediale Tatsachenverdrehung kaum noch durchsetzen können. Sivaram stand auf der Höhe seines Könnens und war im Begriff, seine Arbeit in all ihren Aspekten auszubauen. In ihm vereinten sich außergewöhnlicher analytischer Scharfsinn und ein klarer Stil; Insiderwissen darüber, wie Medien funktionieren und ein tiefes Verständnis für die kulturelle Basis der tamilischen Gesellschaft, der er eine Stimme verleihen wollte. Er konnte sein Wissen über das Spiel der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Kräfte in der Welt mit seinem Enthusiasmus über die Möglichkeiten der neuen Medien kombinieren. So ist sein unermüdlicher Beitrag zum Online-Nachrichtendienst TamilNet - einem anerkannten Erfolgsmodell für alle unterdrückten Gesellschaften - unschätzbar.

Doch nicht nur das. Sivaram schrieb eine wöchentliche Glosse in einer der englischsprachigen Mainstream-Tageszeitungen Sri Lankas, dem Daily Mirror. Der Herausgeber der Zeitung bestätigte, dass Sivarams Kollumne (unter dem Namen Taraki) eine "riesige Anhängerschaft" hatte. Jeden Dienstagabend warteten Menschen auf der ganzen Welt vor dem Internet, um seinen neuesten Artikel lesen zu können. Sivaram war einer der besten Militäranalytiker der Welt. Viele seiner Artikel sind schon jetzt Klassiker im Miniaturformat - von wissenschaftlicher Tiefe und doch klar und einfach formuliert. Seine politischen Artikel waren so brillant argumentiert, dass auch diejenigen, die seine Ansichten nicht teilten, sie mit Gewinn und Freude verfolgten. Dabei war Sivaram nie arrogant. Als der tamilische Theologe Professor S.J. Emmanuel ihn kürzlich während einer internationalen Konferenz für seine schnellen und tiefen Einsichten lobte, entgegnete Sivaram ihm in der für ihn so typischen bescheidenen Einfachheit: "Vater, ich bin nur ein einfacher Mensch, der mithilfe eines Computers Informationen sammelt und zusammensetzt." Sivaram bestätigte Galileo Galileis Hypothese, dass in den Wissenschaften die Autorität und Macht von Millionen nichts gegen den kühlen Verstand eines einzelnen Menschen ausrichten können. Auch Galilei hatte um den Preis seines Kampfes gegen die Ideen der Mächtigen und den Status Quo seiner Zeit gewusst.

Vor rund einem Jahr war Sivaram in Deutschland. Ich begleitete ihn zu mehreren Treffen mit einflussreichen Personen und war verblüfft über die direkte und überzeugende Art, mit der er erklärte, wie die Interessen der US-amerikanisch-britischen Koalition den Friedensprozess in Sri Lanka destabilisierten. Die USA brauchen für ihre Kriegführung im Mittleren Osten einen Stützpunkt in Südostasien, argumentierte Sivaram, und der soll am Hafen von Trincomalee in den vorwiegend tamilischen Gebieten im Osten Sri Lankas errichtet werden. Sivaram rief zu einer aktiven Unterstützung des Friedensprozesses in Sri Lanka auf, bevor die "Sachzwänge" des amerikanischen Krieges ihn zerstörten (Dazu gibt es auf der Internetseite www.humanrights.de eine Reihe von Videointerviews mit Sivaram). Für Ende Mai 2005 war eine Veranstaltungsreihe in mehreren Regionen der Bundesrepublik geplant, auf der Sivaram einer der Hauptredner sein sollte.

Er war aber nicht nur ein fähiger Propagandist, der Informationen für den westlichen Gebrauch zu verpacken verstand. Die Tiefendimension seiner Beschäftigung mit den politischen Interna der tamilischen Gesellschaft kamen anlässlich Sivarams erstaunlicher Intervention in die Karuna-Affäre ans Tageslicht. Karuna war ein abtrünniger Kommandant der Befreiungstiger von Tamil Eelam, der in der tamilischen Gesellschaft große Zerstörung hätte anrichten können. Karuna stammte aus dem Osten der Insel, wie auch Sivaram. Die beiden kannten sich gut. Karuna, ein erfolgreicher Guerrillakommandant zu Zeiten des Krieges, genoss den Respekt der Tamilen im Osten. Als der Propagandakrieg zwischen den Fraktionen ausbrach, entstand die unvermeidliche Verwirrung und Angst vor dem Ausbruch eines Bruderkrieges. Sivaram war effektiv an der Deeskalation des Konfliktes beteiligt, indem er auf seine unnachahmlich direkte und logisch nachvollziehbare Art aufzeigte, worum es ging. Er erklärte, wer seinen Nutzen aus der Eskalation dieses Konfliktes ziehen würde. Er stand für den Zusammenhalt der Gesellschaft ein.
Sivaram hatte reichhaltige Erfahrung bezüglich des Zusammenbruchs von Gesellschaften in verschiedenen Erdteilen gesammelt. Als er zu Gast in Bremen war, erklärte er uns ausführlich, warum das Morden und die Zerstörung im Kongo für bestimmte multinationale westliche Konzerne so wichtig ist. Mit dem Zerfall der Gesellschaft in mehrere Machtzentren und den allgegenwärtigen rivalisierenden Warlords entstand eine Situation, in der es möglich wurde, normaler Weise extrem teure Substanzen wie Tantal-Erze (Coltan) zu einem sehr billigen Preis einzukaufen. Diese Substanz ist unabdingbar für den Bau von Handys und bestimmten Mikrochips. Millionen Menschen müssen sterben, damit die Mobilfunkindustrie billig an ihren Rohstoff Coltan kommt.
Sivarams Positionsbezug in der Karuna-Affäre fand nicht nur in der tamilischen Gesellschaft breiten Widerhall. Auch außerhalb - bis in die internationalen Medien hinein - wurden seine Stellungnahmen reflektiert. Als Singhalese bezog ich den Großteil meiner Informationen über die Angelegenheit aus den englischsprachigen Artikeln Sivarams. Seine Gedanken und seine Taten waren eins - er sprach innerhalb der tamilischen Gesellschaft die gleichen Gedanken aus, die er auch an die internationale Öffentlichkeit richtete. Mit entwaffnender Ehrlichkeit. Sivaram schätzte seine intellektuelle Eigenständigkeit sehr hoch und verteidigte sie mit der gleichen Verbissenheit, mit der er sich für die Selbstbestimmung seines Volkes einsetzte. In diesem Sinne war er kein Propagandist, sondern ein Mensch, der nach der Wahrheit forschte und für sie kämpfte.

sivaram Zum Zeitpunkt seiner Ermordung hatte Sivaram die verschiedenen Aspekte seiner Arbeit zu einer bemerkenswerten Synergie kombiniert. Gleichzeitig hatte er aber auch viele Feinde, weil er sich mit vielen verschiedenen Aspekten der Wirklichkeit kritisch beschäftigte. Wer ist für seinen Tod verantwortlich?
Es besteht wenig Anlass zur Hoffnung, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Während Sivaram sich in Bremen aufhielt, wurde sein Kollege Nadesan ermordet. Bisher hat die sri lankische Regierung keinen der Täter ausfindig gemacht. Ein weiterer Journalistenkollege Sivarams, der BBC-Mitarbeiter Nimalrajan, wurde vor mehreren Jahren ermordet. Die Täter sind der Regierung ebenfalls bis heute "unbekannt".
Wer aber ist verantwortlich für Sivarams Tod? Es ist ein bisschen wie beim Mord im Orientexpress. All diejenigen, deren Taten er aufdeckte, sind für Sivarams Tod verantwortlich: Diejenigen, die Ausbeutung befürworten, die Zwistigkeiten unter und zwischen den Völkern säen, die Rassismus schüren, ebenso wie externe Mächte, die um ihrer strategischen Interessen willen Kontrolle über einen Teil der Insel erlangen wollen, etc. etc.

Noch ist der Mord an Sivaram nicht vorbei. Jetzt kommen die Nachrufe, von denen einige an Versuche grenzen, Sivaram nach ihrem eigenen Bild zu rekonstruieren. Da seine journalistischen Leistungen nicht abgestritten werden können, wird versucht, die formelle Qualität seiner Arbeit von den Inhalten zu trennen. Da wird er als Einzelperson gelobt, nur um die tamilische Bewegung zu diskreditieren, für die er einstand. Dabei hatte Sivaram nur dem Aufstand einer Gesellschaft Ausdruck verliehen. Der Kampf der Menschen ist es, der den individuellen Denker Sivaram so brillant gemacht hat, wie er war.

Die volle Entwicklung eines einzelnen Intellektuellen ist nicht möglich ohne die fortschreitende Entwicklung der Gesellschaft um ihn. Goethe, Schiller und Mozart waren brillant insofern als dass sie das wachsende Selbstvertrauen des deutschen Bürgertums zum Ausdruck brachte, das sich gegen die Aristokratie auflehnte. Auch Sivaram verlieh der Wirklichkeit der tamilischen Befreiungsbewegung eine Form.

Bei einer singhalesisch-tamilischen Kulturkonferenz in Colombo wurde er gefragt, warum er in Colombo lebe, wenn er dort so gefährdet sei. Sivaram antwortete, wenn ein tamilischer Journalist nicht in Colombo arbeiten könne, ohne erschossen zu werden, dann sei die letzte Bedingung zur Schaffung eines tamilischen Staates erfüllt.

Ein südamerikanischer Historiker sagte einmal: Wo Geschichte nicht mit der Feder geschrieben werden kann, wird sie von Gewehren gemacht. An uns liegt es jetzt, alle miteinander den mutigen Kampf Sivarams um Frieden wieder aufzubauen und fortzuführen. Wenn uns dies nicht gelingt, ist ein erneuter Krieg unvermeidlich.

Dazu brauchen wir alle internationalistisch denkenden Menschen. Wenden Sie sich an uns, um gemeinsam zu handeln.

Sivaram hinterlässt seine Frau und drei Kinder. Sie brauchen finanzielle Unterstützung. Informationen auf www.tamilnet.com

Viraj Mendis 31.04.05