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Quo Vadis
Sri Lanka
Von Walter Keller
„Was sich da abspielte, war entwürdigend“, heisst es in einem Kommentar
der in Colombo erscheinenden ‚Sunday Times’. Und tatsächlich hat es
wohl in Sri Lanka eine ähnliche Parlamentssitzung seit der Unabhängigkeit
des Landes 1948 noch nicht gegeben. Da wechselten am 8. August während
der Debatte Abgeordnete der oppositionellen ‚United National Party’ (UNP)
das politische Lager und fanden, unter wüsten Beschimpfungen ihrer
ehemaligen Parteikollegen, Platz auf den Bänken der Regierungskoalition.
Von den neuen Kollegen wurden sie sodann stürmisch begrüsst,
umarmt, geherzt, ja sogar geküsst – so einfach funktioniert politische
Fahnenflucht in Sri Lanka.
Hintergrund für den deftigen Streit und das Possenspiel waren die
Inhalte eines neuen Verfassungsentwurfs, den die Regierungskoalition ‚People
Alliance’ (PA) zur Abstimmung eingebracht hatte, vor allem die Passagen,
die der tamilischen Minderheit im Land zukünftig mehr Mitsprache und
politische Unabhängigkeit vom Zentrum zugestehen sollen. „Dezentralisierung
der Macht“ ist das Stichwort, dass auch die Bevölkerung der Inselrepublik
seit langem in verschiedene Lager spaltet.
Zur Annahme der neuen Verfassung durch das Parlament hätte es einer
zwei Drittel Mehrheit bedurft, die von der Regierungskoalition selber nicht
aufgebracht werden konnte. Präsidentin Kumaratunga hatte deshalb insgeheim
auf einige Stimmen aus der Opposition gehofft und schon vor Wochen mehr
direkt als indirekt begonnen, Abgeordnete der oppositionellen ‚United National
Party’ (UNP) zu einem Parteiwechsel zu animieren und bei der entscheidenden
Parlamentssitzung am 8. August mit ihren Stimmen die Annahme der neuen
Verfassung zu garantieren. Tatsächlich verliessen einige Parlamentarier
die UNP und wechselten ins Regierungslager, darunter auch der ehemalige
Finanzminister Ronnie de Mel, der dafür gleich mit einem Ministerposten
belohnt wurde. Aber auch in die andere Richtung gab es Überläufer
wie den Abgeordneten Jayasena Rajakaruna, der sogar noch mit S.W.R.D. Bandaranaike,
dem Vater der jetztigen Präsidentin, Politik gemacht hatte. Zugeständnisse
an die tamilische Minderheit sind für ihn nicht nötig. „Es existiert
kein Minderheitenproblem in Sri Lanka. Wir haben vielmehr ein Problem mit
Terroristen“, glaubt er und hebt damit auf die ‚Liberation Tigers of Tamil
Eelam’ (LTTE) ab, die sich für einen unabhängige Tamilenstaat
auf der Insel einsetzen.
Überläufer in der Politik des Inselstaates sind eigentlich
nichts ungewöhnliches, diesmal soll jedoch viel Geld im Spiel gewesen
sein. Das glauben zumindest politische Beobachter. Trotzdem musste die
Regierung ihre Vorschläge zurückziehen nachdem sich während
der Parlamentsdebatte abzeichnete, dass trotz Überläufer und
politischem Taktieren keine Mehrheit für die Regierungseingabe zu
erzielen sein würde. Eine schwere Niederlage für die Regierung
Kumaratunga, die noch vor Ablauf der Regierungsperiode – das Parlament
muss spätestens am 24. August aufgelöst werden – die neue Verfassung
unter „Dach und Fach“ bringen wollte. Jetzt soll nach den Vorstellungen
der amtierenden Präsidentin das neue Parlament – Neuwahlen werden
im November erwartet – erst einmal in eine verfassungsgebende Versammlung
umgewandelt werden, weil dann für die Annahme der neuen Verfassung
bereits die einfache Mehrheit ausreichen würde. Anschliessend soll
dann die Bevölkerung durch ein Plebiszit ihr Votum für das neue
Grundgesetz abgeben. Um diesen geschickten Schachzug durchführen zu
können, müsste die Regierung erst einmal im Amt bestätigt
werden. Und die Chancen für die ‚Peoples Alliance’ stehen derzeit
ebenso schlecht wie die Annahme der neuen Verfassung durch einen Volksentscheid.
Wachsende Militanz in der sinhalesischen
Bevölkerung
Vor allem innerhalb der sinhalesischen Mehrheitsbevölkerung macht
sich zunehmend Unmut über die Art und Weise breit, wie die Regierung
versucht, die sogenannte „Nationale Frage“, sprich den Sinhalesen-Tamilen-Konflikt,
zu lösen. Immer mehr sinhalesisch-chauvinistische Gruppierungen und
Parteien, wie die vor kurzem gegründete ‚Sihala Urumaya’, laufen Sturm
gegen die in der neuen Verfassung verankerten Zugeständnisse an die
tamilische Minderheit. Gerade die sinhalesischen Chauvinisten haben die
Stimmung im Land während der letzten Wochen extrem angeheizt. Mit
teilweise gewalttätigen Strassenprotesten, Sitz- und Hungerstreiks
haben sie immer wieder auf die „Gefahren“ aufmerksam gemacht, die eine
neue Verfassung mit den darin festgeschriebenen Rechten für Tamilen
hätte. Dabei werden sie unterstützt von vielen buddhistischen
Mönchen, die sich in der Geschichte des Landes schon immer als Speerspitze
beim Kampf gegen Zugeständnisse an Tamilen sahen. Sie basieren ihren
Protest auf einem diffusen Mix aus sinhalesisch-buddhistischem Herrschaftsdenken
(„Sinhalesen waren die ersten, die sich auf der Insel niederliessen) und
Ängsten, ein föderales Staatskonzept sei der Beginn der Teilung
des Landes und ein grosser Schritt hin zur Etablierung von Tamil Eelam,
dem unabhängigen Tamilenstaat in den Nordost-Gebieten der Insel. Allein
der Gedanke an ein Konzept von „power-sharing“, der Teilung der Macht zwischen
den im Land lebenden ethnischen Gruppen, löst bei ihnen schon hysterische
Reaktionen aus. Von der Diskriminierung der tamilischen Minderheit wollen
sie nichts wissen – es seien eher die Sinhalesen, mit ihrem 70prozentigen
Anteil an der Gesamtbevölkerung, denen gerade während der langen
holländischen, portugiesischen und britischen Kolonialzeit schlimmes
Unheil widerfahren sei und die noch keinen adäquaten Ausgleich für
die ihnen zugefügten Ungerechtigkeiten erfahren hätten. Natürlich
wurden Tamilen, gerade von den Briten im Zusammenhang mit ihrer ‚divide
et impera-Politik’, oftmals Sinhalesen gegenüber bevorzugt. So hielten
sie auch nach der Unabhängigkeit des Landes noch lange einen überproportionalen
Anteil an Stellen im öffentlichen Dienst. Seit Mitte der 50er Jahre,
als S.W.R.D. Bandaranaike mit seiner „Sinhala Only“-Politik begann, hat
sich nicht nur dieser Vorteil ins Gegenteil verkehrt. Heute beträgt
der Anteil der tamilischen Bevölkerung an Stellen in der öffentlichen
Verwaltung bei einem Gesamtbevölkerungsanteil von etwa 13 Prozent
nur noch ganze zwei Prozent und innerhalb des Militärs ist ihr Anteil
prozentual schon nicht mehr messbar. „Natürlich gibt es auch einige
progressive Mönche die versuchen, eine moderne, nach vorne gerichtete
und demokratische Orientierung innerhalb des buddhistischen Klerus zu erreichen.
Aber es sind die einflussreichen Mönche, die keinerlei Reformen zulassen“,
schreibt das wissenschaftliche Magazin ‚Pravada’ in seiner neuesten Ausgabe.
Auch Tamilen unzufrieden
Auf der anderen Seite stehen die Bedenken der tamilischen Bevölkerung
und ihrer gemässigten Politiker wie auch der LTTE gegen die neue Verfassung.
D.B.S. Jeyaraj, selber Tamile und bekannter srilankischer Journalist weiss,
dass man der Minderheit kein schlechtes Produkt verkaufen kann. „Tamilen
sind sehr kritisch und sie wissen, welches Produkt gut ist und welches
nicht. Aber viele Menschen und vor allem die sinhalesischen Politiker im
Süden haben das immer noch nicht verstanden“. Jeyaraj hebt mit seiner
Bemerkung auf die Passagen der neuen Verfassung ab, die sich auf die zukünftige
Form des Zusammenlebens der Völker Sri Lankas, vor allem Tamilen und
Sinhalesen, beziehen. Diese Passagen seien seit dem Regierungswechsel von
1994 und dem Machtantritt von Chandrika Kumaratunga immer wieder diskutiert
worden. Aber in den letzten zwei Jahren seien sie aufgrund des Drucks aus
der sinhalesischen Bevölkerung, den chauvinistischen Organisationen
und des buddhistischen Klerus immer mehr verwässert worden. „Die Regierung
hat einen Teil der ursprünglich gemachten Zusagen zurückgenommen
und so dem Protest aus sinhalesischer Richtung entsprochen“, kritisiert
der Journalist. Zum Schluss seien dann Elemente übergeblieben, die
nicht nur von der LTTE sondern auch den gemässigten tamilischen Parteien
als „bei weitem nicht ausreichend“ abgelehnt wurden. „Tamilen geht es vor
allem um die Anerkennung der Gebiete im Norden und Osten als ‚traditionelle
Heimatgebiete’, wo sie eine grössere Unabhängigkeit von Colombo
garantiert wissen wollen. Ausserdem streben sie den Status einer ‚Nation’,
verbunden mit dem Recht auf Selbstbestimmung, für das tamilische Volk
an. Aber alle diese Forderungen werden von dem neuen Verfassungsentwurf
nicht berücksichtigt“.
In der aktuellen politisch-militärischen Gemengelage werden selbst
bisher gemässigte tamilische Politiker wie der Parlamentarier Joseph
Pararajasingham von der ‚Tamil United Liberation Front’ (TULF) zu Verfechtern
der Strategie der LTTE. „Mir erscheint der Kampf der LTTE für die
Anerkennung der Rechte der Tamilen gerechtfertigt. Wenn es auf Seiten
der sinhalesischen Bevölkerung und der Politik nicht bald zu einem
Umdenken kommt, dann müssen sich wohl alle tamilischen Parteien der
Strategie der LTTE anschliessen“. Das sind harte Worte des Abgeordneten,
der Fraktionsführer der TULF im Parlament ist, die womöglich
noch ein Nachspiel für ihn haben könnten.
Um eine Situation zu vermeiden, wo die bisher zerstrittenen tamilischen
Parteien und Organisationen an einem Strang ziehen und sich der militanten
Vorgehensweise der LTTE anschliessen könnten, appelliert das ‚National
Peace Council’ (NPC) an alle Beteiligten, die nächsten Wochen zu nutzen,
um nicht das Chaos noch grösser werden zu lassen und doch noch einen
Konsens bei der Diskussion um die neue Verfassung zu erreichen. „Der Verfassungsentwurf
wurde in einer Zeit erarbeitet, die von einem wachsenden ethnischen Konflikt,
der Polarisierung der Gesellschaft, der Erosion demokratischer Werte und
einer Kriegssituation in einigen Landesteilen geprägt ist“, heisst
es in einer Presseerklärung Mitte August. Es müsse alles getan
werden, um die extrem angespannte Lage nicht entgleisen zu lassen. Dazu
gehöre auch die Zurückhaltung aller politischer Parteien in Zusammenhang
mit Äußerungen bezüglich der ‚Nationalen Frage’ im
jetzt beginnenden Parlamentswahlkampf.
Politik versus Militanz
Ob es noch vor den anstehenden Parlamentswahlen zu einer entscheidenden
Schlacht zwischen Regierungstruppen und den ‚Tamil Tigers’ auf der Jaffna-Halbinsel
kommen wird, ist derzeit nicht absehbar. Erste kleinere militärische
Auseinandersetzungen hat es in den vergangenen Tagen wieder gegeben, nachdem
die letzten Wochen von einer Art Pattsituation gekennzeichnet waren. Beide
Seiten haben sich aber offenbar auf neue Kämpfe vorbereitet. Die Regierung
hat nach den blamablen Niederlagen der letzten Monate und dem Verlust weiter
Gebiete im Vanni, am Elephant Pass und auf der Jaffna-Halbinsel an die
LTTE alles gekauft, was zu kaufen war. So wurden neue Waffensysteme für
die Armee angeschafft, die Luftwaffe wurde mit israelischen Kfir- und russischen
MIG-27-Kampfbombern verstärkt. Zur Finanzierung der Käufe wurden
zwei Nachtragshaushalte vom Parlament mit seiner ‚Peoples Alliance’-Mehrheit
genehmigt. Stand der alte Etat bereits bei 41 Milliarden Rupien, so wurde
er im April und August um weitere 26 bzw. 28 Milliarden aufgestockt. Damit
werden von der Regierung im laufenden Haushaltsjahr umgerechnet gut zwei
Milliarden Franken für Verteidigung ausgegeben. Die meisten Waffen
kommen aus Israel, womit Sri Lanka seit kurzem wieder diplomatische Beziehungen
unterhält, aber auch Tschechien, die Ukraine und Südafrika liefern
an den Inselstaat. Seit neuestem ist wohl auch Indien bereit, militärische
Ausrüstung an den Nachbarn zu liefern. Für die srilankische Marine
soll ein Patrouillenschiff bereitgestellt werden, damit die Küstengewässer
effizienter überwacht und Waffenlieferungen der LTTE über den
Seeweg aufgespürt werden können.
Ob dieser "deal" jedoch das indische Parlament passieren wird, ist derzeit
noch fraglich. Zu gross könnte die Opposition gegen solche Geschäfte
mit dem Nachbarn vor allem aus dem Süden Indiens sein. Hier hat sich
gerade in den letzten Monaten wieder mehr Sympathie für die Belange
der tamilischen „Brüder und Schwestern“ in Sri Lanka breitgemacht.
Einige kleinere tamilisch-nationalistische Parteien wie die ‚Marumalarchi
Dravida Munnetra Kazagam’ (MDMK) oder die ‚Pattli Makkal Katchi’ (PMK)
fordern sogar offen die Unterstützung der LTTE – die in Indien immerhin
als terroristische Vereinigung verboten ist - zur Etablierung eines Tamilenstaates
auf der Insel. PMK-Führer S. Ramadoss sieht darin die einzige Lösung
des Problems. „Tamilen und Sinhalesen können nicht mehr länger
zusammenleben’. Solche Äusserungen bedürften keiner Erwähnung,
wären nicht die beiden Parteien Mitglied der grossen Regierungskoalition
auf Unionsebene, der ‚National Democratic Alliance’ (NDA). Die mit Abstand
wichtigste Partei innerhalb dieser Koalition, die ‚Bharatiya Janata Party’
(BJP) hat bisher versucht, das brüchige Bündnis nicht an der
‚Sri Lanka Frage’ scheitern zu lassen.
Wie geht es weiter?
Alle Entwicklungen sprechen derzeit nicht für eine Lösung
der zahlreichen Probleme, die Sri Lanka, „Perle im indischen Ozean“, immer
tiefer dem Abgrund zusteuern lassen. Dass die Ergebnisse der Parlamentswahlen
daran etwas zu ändern vermögen, ist kaum vorstellbar. Eher ist
wohl damit zu rechnen, dass die Gräben zwischen den verschiedenen
Bevölkerungsgruppen immer grösser werden und der Konflikt zukünftig
weiter eskaliert. Ob mehr Druck aus dem Ausland daran etwas ändern
kann, bleibt unklar. Norwegische Vermittlungsversuche, die seit Monaten
die beiden Streitparteien, die srilankische Regierung sowie die LTTE, zu
Gesprächen bewegen wollen, liegen offensichtlich derzeit auf Eis.
Auch gegen „diese Einmischung“ aus dem Ausland demonstrieren übrigens
sinhalesische "hardliner" – selbst norwegische nichtstaatliche Hilfsorganisationen
können nicht mehr unbehelligt in Sri Lanka arbeiten. Kürzlich
wurde auf das Büro des norwegischen Zweigs von ‚Save the Children’
ein Bombenanschlag verübt. Für die sinhalesischen Chauvinisten
ist Norwegen so etwas wie das Reich des Bösen. „Eigentlich stehen
die nur auf Seiten der Tamilen und sähen nichts lieber als die Schaffung
eines Tamilenstaates auf unserer Insel“.
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