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Home » Archive » ANZEIGE EINES NEONAZI-ÜBERFALLS MIT KOMPLIZENSCHAFT DER POLIZEI

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Die Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen
{dt. Übersetzung der Anzeige gg. Nazis u. Pol. wg. des rassistischen Überfalls in Arnstadt am 22.10.00}

Ichtershäuser Str. 37-39,
  99310 Arnstadt,
11th November 2000.

Staatsanwaltschaft Meiningen,
Friedenssiedlung 14,
98617 Meiningen,
 

ANZEIGE EINES NEONAZI-ÜBERFALLS MIT KOMPLIZENSCHAFT DER POLIZEI

Wir, Fopa George, Patterson Kenwou und John Adana, wohnhaft in Arnstadt, möchten hiermit unseren Gewissen folgend die Komplizenschaft der Polizei mit Neonazis anzeigen, welche uns in der Nacht vom 21. zum 22.10.00 in Arnstadt brutal angegriffen und erniedrigend behandelt haben.

An diesem 21.10. wurden wir in der Disco Lindeneck verbal und körperlich von einigen Deutschen angegriffen, während wir tanzten. Um ca. 4.00 Uhr verließen wir die Disco; einige Deutsche aus dieser 15köpfigen Gruppe verfolgten uns mit drei Autos bis zum Südbahnhof, andere gingen zu Fuß. Als sie uns verfolgten, riefen sie „Nigger“, „Affe“, „Raus aus Deutschland“ und sie nannten unsere Freundinnen „Schlampen“.

Als wir an der Längwitzer Straße waren, entschieden wir uns, anzuhalten und diese Gruppe vorbeizulassen, weil wir Angst vor einem möglichen Angriff hatten. Die Gruppe Deutscher erreichte uns einige Meter vom Südbahnhof entfernt, direkt vor dem Gedenkstein für die Menschen, die während des Todesmarsches aus dem KZ Buchenwald im April 1945 starben. An dieser Stelle wurde Patterson von einem der 15 deutschen Angreifer geschlagen, welcher ihn außerdem rassistisch beleidigte, in dem er sagte: „Nigger, ich hasse dich! Was machst du in Deutschland? Du mußt raus gehen.“

Nachdem der dieser eine Angreifer immer wieder auf ihn einschlug, schlug Patterson zurück. Daraufhin griffen auch andere aus der Gruppe Patterson mit Baseballschlägern, Knüppeln und zuletzt auch mit einem Messer an. Als John Patterson zu retten versuchte, wurde auch er von den Neonazis angegriffen. John zog sich zurück und rief das erste Mal mit seinem Funktelefon die Polizei an. Nachdem Patterson einige schwere Schläge erhalten hatte, fiel er zu Boden und der Mob trat und schlug weiter auf ihn ein. Bei dem Versuch, Patterson zu retten und ihm aufstehen zu helfen, wurde auch John Adana mit einem Baseballschläger und Knüppeln geschlagen, so daß er verletzt wurde.

John rannte dann weg, um erneut die Polizei anzurufen. In diesem Moment konzentrierten sich alle Angreifer auf Patterson und wurden immer brutaler. Völlig hilflos und in der Angst, von der rassistischen Bande ermordet zu werden, erinnerte sich Patterson daran, daß er eine Spielzeugpistole bei sich hatte. Er holte sie heraus, um dem Mob Angst zu machen, und alle rannten weg und ließen sogar eines ihrer Autos stehen. Als kurz nach der Flucht der Angreifer die Polizei eintraf, übergab John ihr den Schlüssel des zurückgelassenen Autos und zeigte ihr den Fluchtweg der Gruppe. Doch als die Polizei da war, erschien die rassistische Bande wieder, und sie fluchten, sie würden uns diesmal nicht so leicht davonkommen lassen. {i. Orig.: ...and even more aggressive this time swearing to deal with us.} Die Reaktion der Polizisten uns gegenüber war völlig negativ; sie weigerten sich, diese Bande von weiteren Angriffen abzuhalten. Während John gerade dabei war, den Überfall der Polizei zu schildern, schlugen dieselben Täter ohne von der Polizei gehindert zu werden weiter auf ihn ein.

Als er versuchte, sich gegen weitere Attacken zu wehren, wurde John von der Polizei mit Knüppeln geschlagen, wovon er an Hand und Rücken verletzt wurde. Patterson erklärte der Polizei, wie wir von dieser Gruppe angegriffen wurden, doch ein Polizist antwortete, er solle still sein, er sei ein Tier, ein „Nigger“ und solle in den afrikanischen Busch zurückkehren, aus dem er komme. Als die Polizei Patterson Handschellen anlegen wollte, protestierte er und fragte, warum er gefesselt werden solle. Doch die Polizisten bestanden darauf, denn er hätte eine Pistole gehabt, außerdem sei er ein Tier, er hätte das verdient. Die Polizisten wollten Patterson nicht zuhören, als er sagte, es sei nur eine Spielzeugpistole. Während der ganzen Zeit schlugen die Polizisten und, von diesen ermutigt, die anderen Deutschen auf uns ein.

Als Patterson in Anwesenheit der Polizei brutal mißhandelt wurde von diesen 15 Deutschen, wollte George eingreifen, aber die Polizei schlug ihn mit dem Knüppel auf seine linke Schulter und beleidigte ihn mit Worten wie „Nigger“. Einer der Neonazis verlangte, daß George durchsucht wird. George protestierte, doch die Polizisten sagten, er solle sich das gefallen lassen. Also von George unter den Augen der Polizei von den Angreifern durchsucht. Als die Polizei ihm Handschellen anlegen wollte, sagte er, er sei kein Krimineller und er würde freiwillig mitkommen. Darauf sagten die Polizisten, daß sie ihn, wenn er die Handschellen ablehnte, bei dieser Gruppe von Angreifern zurücklassen würde. George war furchtbar erschrocken angesichts der ihm drohenden Gefahr, so daß er seinen Widerstand gegen die Handschellen aufgab.

Jeder von uns wurde auf brutale Weise gefesselt; unterdessen erhielten wir mehr und mehr Schläge von der Polizei und der Bande von Deutschen, die uns angegriffen hatte. Sie zwangen uns, in die Polizeiautos einzusteigen, und fuhren uns zur Polizeistation, während die 15 Deutschen nicht verhaftet wurden. Diese gingen frei in die Polizeistation hinein, um uns erneut anzugreifen. Einer der deutschen Angreifer kaufte an einem Automaten heißen Kaffee und schüttete ihn John Adana ins Gesicht, die anderen lachten darüber und beleidigten uns mit rassistischen Sprüchen. John erstattete den Polizisten davon Bericht, aber ihm wurde lediglich gesagt, er solle sich wieder hinsetzen. Nach all diesen rassistischen Beleidigten wurden wir fotografiert und unsere Identität wurde festgestellt. Ich, John Adana, wurde von 5.00 Uhr bis 11.00 Uhr festgehalten, George Fopa bis 14.00 Uhr und Patterson Kenwou bis 15.00 Uhr ohne Wasser, etwas zu essen und warme Bekleidung zu erhalten. Letzterem wurde selbst das Recht, zur Toilette zu gehen verweigert, als er danach fragte. Wir haben das Vertrauen in die Polizei verloren und fühlen uns in Anwesenheit der Polizei bedrohter und unsicherer. Die Polizei hat uns nicht geschützt in einer Situation, als wir hilflos waren und ihren Schutz brauchten.
 

Patterson Kenwou                       George Fopa                   John Adana
    Kamerun                                    Kamerun                       Sierra Leone
 

Presseerklärung