Offener Brief
An den türkischen Ministerpräsidenten
Bülent Ecevit
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
Wie der Öffentlichkeit bekannt wurde,
haben kurdische StudentInnen, SchülerInnen und Eltern an Universitäten
und Schulen Anträge mit der Forderung gestellt, die kurdische Muttersprache
als Wahlfach bzw. als Schulfach einzuführen. Mit den Anträgen
haben diese Menschen lediglich von ihrem Recht Gebrauch gemacht, welches
in der jüngsten Verfassungsänderung im Artikel 74 festgelegt
wurde.
Nachdem am 20. November die ersten Anträge
gestellt wurden, haben sich inzwischen Zehntausende dieser Forderung mit
eigenem Antrag angeschlossen. Es ist auch zu vernehmen, dass diese Aktion
eine große Zustimmung der demokratischen Einrichtungen ihres Landes
genießt, vor allem der Elternvereine, der Gewerkschaften für
Bildung und Erziehung sowie der Menschenrechtsvereine. Das ist ein klarer
Beweis dafür, dass der Gebrauch der eigenen Muttersprache in der Öffentlichkeit
und in der Bildung ein Traum ist, nach dem sich die Kurden seit Jahrzehnten
sehnen. Dieses demokratische Recht wird mit jedem Tag mehr von breiten
Kreisen eingefordert werden. Dies zu ignorieren könnte zu unvorhersehbaren
Reaktionen führen.
Um so größer ist unsere Sorge,
mit welcher Härte die staatlichen Organe auf diese legitime Forderung
der Kurdinnen und Kurden reagieren. Wie wir aus der Presse entnehmen, beläuft
sich die Zahl der Festnahmen auf Tausende und die Zahl der Verhafteten
inzwischen über 170. Auch wird von Zwangsexmatrikulation an den Universitäten
berichtet. Den AntragstellerInnen soll auch physische Gewalt zugefügt
worden sein.
Die Türkei bringt bei jeder Gelegenheit
zur Sprache, dass sie sich den Prinzipien der EU bezüglich der Menschenrechte
und dem Schutz der Minderheiten verbunden fühlt und diese im Rahmen
der Kopenhagener Kriterien im eigenen Land umsetzen möchte. Sie sind
sich dessen bewusst, dass ohne die Erfüllung der o.g. Kriterien die
Mitgliedschaft in die EU nicht möglich sein wird. Die jüngsten
Verfassungsänderungen, die auch den Gebrauch der kurdischen Sprache
erleichtern sollen, wurden mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen.
Während entsprechende Verordnungen angekündigt
und erwartet wurden, sehen wir mit Bedauern, dass die notwendigen Veränderung
bisher nicht in die Praxis umgesetzt wurden.
Kultur und Sprache sind der Reichtum der Menschheit.
Vor diesem Hintergrund kann die Forderung nach muttersprachlichem Unterricht
nicht als „terroristischer" Akt betrachtet werden, wie es durch den türkischen
Innenminister veröffentlicht wurde. So wie es selbstverständlich
ist, dass unsere türkischstämmigen Mitbewohner in Deutschland
muttersprachliche Bildung erhalten, so muss es auch selbstverständlich
sein, dass Millionen von Kurdinnen und Kurden in der Türkei Bildung
in ihrer Muttersprache erhalten.
Wir, die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner
appellieren an Sie, die notwendigen Verordnungen bzw. gesetzlichen Veränderungen
zur Ermöglichung der muttersprachlichen Bildung zu erlassen. Dies
wird einen großen Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden leisten.
Erstunterzeichnerinnen und Unterzeichner:
Addaemensah-Schneider, David (Junge Europäische
Föderalisten (JEF) Bundesvorsitzender); Baba, Evrim (MdA – PDS); Beer,
Angelika (MdB – Bündnis 90/Die Grünen); Branscheidt, Hans (Medico
International); Buchholz, Daniel (MdA - SPD); Bufe, Klaus (Bündnis
90/Die Grünen/AG Aussenpolitik NRW); Cramer, Michael (MdA – Bündnis
90/Die Grünen); Doering, Uwe (MdA - PDS); Dott, Minka (MdA - PDS);
Schulze, Dr. Stefanie (MdA - PDS); Elci, Ismet (Regisseur/Autor); Esser,
Joachim (MdA – Bündnis 90/Die Grünen); Felgentreu, Dr. Fritz
(MdA - SPD); Freundl, Carola (MdA - PDS); Fugmann-Heesing, Dr. Annette
(MdA - SPD); Prof. Dr. med. Gottstein, Ulrich (IPPNW); Gehrcke, Wolfgang
(MdB – PDS, St. Fraktionsvors.); Grass, Günter (Schriftsteller); Grosse,
Burgunde (MdA - SPD); Hübner, Carsten (MdB – PDS); Hämmerling,
Claudia (MdA – Bündnis 90/Die Grünen); Hertlein, Jutta (MdA -
SPD); Hillenberg, Ralf (MdA - SPD); Hiller, Gabriele (MdA - PDS); Hilsenbeck,
Konrad (Grüne Jugend, Landesvorstand Saar /B’90/Die Grünen Vorstand
BV Saarbrücken-Mitte); Hilse, Torsten (MdA - SPD); Hinz, Delia (MdA
- PDS); Hoff, Benjamin (MdA - PDS); Holtereter, Bernd (MdA - PDS);
Holzheuer-Rothensteiner, Bärbel (MdA - PDS); Jahnke, Frank (MdA
- SPD); Jantzen, Elfi (MdA – Bündnis 90/Die Grünen); Jelpke,
Ulla (MdB – PDS); Kaczmarczyk, Dr. Walter (MdA - PDS); Kleineidam, Thomas
(MdA – Bündnis 90/Die Grünen); Klemm, Gernol (MdA - PDS); Klotz,
Dr. Sibyle (MdA – Bündnis 90/Die Grünen); Krug, Günther
(MdA - SPD); Krüger, Marian (MdA - PDS); Kubala, Felicitas (MdA -
Bündnis 90/ Die Grünen); Lippmann, Heidi (MdB – PDS); Leder,
Jutta (MdA - SPD); Liebich, Stefan (MdA - PDS); Lorenz, Hans-Georg (MdA
- SPD); Lötzsch, Dr. Gesine (MdA - PDS); Matuschek, Jutta (MdA - PDS);
Lüth, Heidemarie (PDS – Fraktion); Michels, Martina (MdA - PDS und
Vizepräsidentin Abgeordnetenhaus Berlin); Müller, Kerstin (MdB
– Bündnis90/Die Grünen); Müller Christa (MdA - SPD); Mutlu,
Özcan (MdA – Bündnis 90/Die Grünen); Neumann, Ulrike (MdA
- SPD); Oesterheld, Barbara (MdA – Bündnis 90/Die Grünen); Over,
Frederik (MdA - PDS); Pape, Andreas (MdA - SPD); Pop, Ramona (MdA - B90
- Die Grünen); Radebold, Jürgen (MdA - SPD); Rössler, Sandra
(Bündnis 90/Grüne KV Heidelberg); Ratzmann, Volker (MdA – Bündnis
90/Die Grünen); Sayan, Giyasettin (MdA - PDS); Schlandt, Paul (Bündnis
90/ Grüne Berlin); Schimmler, Bernd (MdA - SPD); Schruoffeneger, Oliver
(MdA - Bündnis 90/Die Grünen); Seelig, Marion (MdA - PDS); Simon,
Ingeborg (MdA - PDS); Spindler, Jan (MdA - PDS); Tietje, Claudia (MdA -
SPD); Wendt, Rene (Bundesvorstand Grüne Jugend); Wieland, Wolfgang
(MdA – Bündnis 90/Die Grünen); Wolf, Harald (MdA - PDS); Wolf,
Udo (MdA - PDS); Zotl, Dr. Peter-Rudolf (MdA - PDS); |