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„Sînorên zimanê
me,
sînorên cîhanê
me ye –
Die Grenzen unserer
Sprache
sind die Grenzen unserer Welt!“
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Informationsmappe des
Kurdischen Frauenbüros für Frieden e.V.
Zur Kampagne
Bildung in kurdischer Sprache
und die
Auswirkungen auf Frauen
Kurdisches Frauenbüro für Frieden e.V.
Grupellostrasse 27
40210 Düsseldorf
Tel: 0211 17 11 080
Fax: 0211 17 11 078
INHALT
I. Die Grenzen
unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt
II. Die Notwendigkeit
der Bildung in der Muttersprache
a) Sprache und ihre Notwendigkeit
b) Die Notwendigkeit der Muttersprache
c) Die Notwendigkeit der Bildung in der Muttersprache
III. Die Annäherung
der Türkei an die Muttersprachliche Bildung und an die Problematik
IV. Die Muttersprachliche
Bildung in den Internationalen Abkommen
Internationale Dokumente über die Benutzung der Muttersprache
1) Das Abkommen vom 26.06.1945 der UNO
2) Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
3) Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Rechte
4) Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte
5) Erklärung der UNO bzgl. Der Menschenrechte von nationalen,
ethnischen, religiösen oder sprachlichen Minderheiten
6) Abkommen der UNESCO gegen die Bildungsdiskriminierung
7) 14. Bekanntmachung der UNESCO-Generalkonferenz
8) Kulturelle Rechte im Rahmen der Konferenz über die europäische
Sicherheit und Zusammenarbeit
9) Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten
V. Zeitungsberichte über Frauen und Muttersprache
1) Die Beziehung zwischen Frauen und Muttersprache Ausbildungsgewerkschaft
Egitim Sen Diyarbakir Sektion
2) Mutter-Sprache – Nurettin Yildirim / Özgür Politika
3) Polizeiverhör für Forderung nach Muttersprache – 05.01.02
Yedinci Gündem
4) Forderung nach Kurdisch-Unterricht im Parlament – 05.01.02 Yedinci
Gündem
5) Von sieben bis siebzig – 14.01.02 Özgür Politika
6) Frauen wurden gehindert – 15.01.02 Yedinci Gündem
7) Gesuchsaktion von Frauen in Tarsus – 17.01.02 Yedinci Gündem
8) Jugend ist Stimme unseres Herzens – 17.01.02 Özgür Politika
9) ‚Spracheneinheit’ von den Müttern – 09.02.02 Yedinci Gündem
10) Polizeiliches Hindernis bei Unterstützungsbesuch – 01.03.02
Yedinci Gündem
11) Mutter, Sprache und Kinder ... – 16.03.02 Yedinci Gündem
1.
Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt
Am 20. November 2001 haben kurdische Studierende, die in den Metropolen
der Türkei und in Kurdistan studieren, eine Kampagne für eine
Ausbildung in ihrer Muttersprache eingeleitet. Sie fordern, dass an den
Universitäten kurdischer Sprachunterricht als wahlfreies Unterrichtsfach
eingeführt wird. Diese Kampagne wurde auch von SchülerInnen der
Grundschulen, Mittelschulen und Gymnasien unterstützt, die auch Unterricht
in ihrer Muttersprache fordern.
An der türkischen Verfassung sind Veränderungen / Reformen
vorgenommen worden, die den Begriff der “gesetzlich verbotenen Sprache”
aufgehoben haben. Der Gebrauch der kurdischen Sprache kann nun auf dieser
Grundlage weiterentwickelt werden. Damit wird die Möglichkeit gegeben,
dass jede Person einen verfassungsrechtlichen Anspruch hat, eine Ausbildung
in der Muttersprache zu erhalten. Zudem sind in vielen internationalen
Verträgen und Abkommen einige Paragraphen verankert, die gewährleisten,
dass jeder Volkszugehörige das Recht auf eine Ausbildung in der jeweiligen
Muttersprache hat.
Leider ist es aber eine schmerzliche Tatsache, dass das kurdische Volk
weltweit das einzige Volk ist, dessen Sprache verboten ist.
Um ihr natürliches und legales Recht in Anspruch zu nehmen, haben
die kurdischen Studierenden diese Kampagne auf sämtlichen Lehranstalten
ausgebreitet. Bisher wurden von den Studierenden über 20.000 Anträge
auf muttersprachlichen Unterricht durch Unterschriftensammlungen gestellt.
Von diesen Anträgen wurden 3000 von der Regierung entgegengenommen.
Doch die türkische Regierung drückt nach wie vor eine anti-demokratische
Haltung gegenüber dem kurdischen Volk aus. Die Antragsteller werden
Repressionen durch die Regierungskräfte ausgesetzt. Beispielsweise
werden die gestellten Anträge von den zuständigen Behörden
nicht bearbeitet, außerdem wurden zahlreiche Anträge im vorhinein
von den Polizeikräften konfisziert. Die Universitäts- und Hochschulleitungen
entschieden, einige Studierende aufgrund der Kampagne vom Studium zu suspendieren.
Außerdem wurden in mehreren Fällen Studierende verhaftet und
sollten unter Folter gestehen, dass diese Kampagne von der HADEP (Demokratiepartie
des Volkes) geleitet wird.
Auch ElternvertreterInnen in Batman, Van und Istanbul stellen Anträge
auf die Einführung von Kurdisch-Unterricht an Grundschulen bei der
Nationalen Ausbildungs-Direktion.
In Adana versammelten sich hundert ElternvertreterInnen mit ihren Kindern
vor dem Landratsamt Seyhan, um 118 Anträge mit der Forderung nach
Kurdisch als Wahlfach abzugeben. Die Polizei kesselte die Gruppe ein. Nachdem
Vertreter des Landratsamtes eingewilligt hatten, dass die gesammelten Anträge
von zwei Personen abgegeben werden können, wollten die ElternvertreterInnen
das Gebäude betreten. Die an der Tür wartenden Polizisten gaben
sich als Mitarbeiter des Landratsamtes aus, beschlagnahmten die Anträge
unter Anwendung von Gewalt und drängten die ElternvertreterInnen zurück.
In Van wurden 15 ElternvertreterInnen, die sich mit der Forderung nach
Kurdisch-Unterricht an die Nationale Ausbildungsdirektion gewandt hatten,
festgenommen.
In Istanbul-Bagcilar überfiel die Polizei die Wohnungen von ElternvertreterInnen,
die letzte Woche Anträge gestellt hatten. Wie bekannt wurde, übte
die Polizei Druck aus und spricht Drohungen aus, um die Eltern zur Rücknahme
ihrer Forderung zu bewegen. In Batman wurden von 60 ElternvertreterInnen,
die Anträge an die Nationale Erziehungsdirektion gestellt hatten,
acht bei Wohnungsrazzien festgenommen. Fünf von ihnen wurden freigelassen,
drei befinden sich nach wie vor in Polizeigewahrsam.
Unter den festgenommenen ElternvertreterInnen befanden sich auch viele
Frauen, die einfach nur forderten, dass ihre Kinder auch in ihrer Muttersprache
unterrichtet werden.
Das Kurdische Frauenbüro für Frieden möchte durch diese
Informationsmappe auf die momentane Situation in der Türkei aufmerksam
machen. Außer den Studierenden wurden in den letzten Wochen immer
zu mehr Erziehungsberechtigte, vor allem Frauen festgenommen. Wir möchten
durch unsere Unterstützung erreichen, dass es dem kurdischen Volk,
vor allem den SchülerInnen und Studierenden gewährleistet wird,
in ihrer Muttersprache unterrichtet werden zu können. Wir fordern,
dass jegliche Hindernisse aufgehoben und das alle Gefangenen, die wegen
ihrer Unterstützung dieser Kampagne verhaftet wurden, besonders die
Frauen sofort freigelassen werden. Wir bitten Sie darum, diese Kampagne
konkret zu unterstützen und sich mit den türkischen Behörden
in Verbindung zu setzen.
2. Die Notwendigkeit
der Bildung in der Muttersprache
1. Sprache und ihre Notwendigkeit
Einer Aussage zur Folge ist Sprache die „Zusammensetzung von Tönen
zu Worten“. (Ana Britannica)
„Die Notwendigkeit und Macht von Sprache ist schon seit den frühen
Epoche betont worden. Auch wenn die Benennung von Gegenständen nur
eine Seite der Sprache ist, trug sie für die ersten Menschen einen
magischen Wert. In vielen Kulturen war die Fähigkeit der Benennung
ein klarer Weg zur Beherrschung und Aneignung von Gegenständen,
womit auch die Vermeidung von Namensnennung an Menschen in primitiven Kulturen
erklärt werden kann.“ (Britannica)
Die Tatsache der Existenz eines Menschen von seiner Geburt an, lebt
durch die mit ihm zu einer Ganzen werdenden ihn umgebenden Gesellschaft
weiter. Erst wenn der Mensch die ihn umhüllende Gesellschaft erkennt
und versteht, wächst er mit ihr zu einer Einheit. Kulturelle Werte
die eine Kultur prägen, Informationen, Wissenschaft, Kunst, Ethik
und die Normen, die diese leiten, leben von Akkumulation und Übermittlung.
Ein Individuum kann sich in der Gesellschaft nur behaupten und bestehen,
wenn es ein Glied in der Akkumulations- und Übermittlungskette ist.
Da die Sprache auch eine Verbindung zur Gesellschaft und gesellschaftlichen
Kultur ist, trägt sie dazu bei, als eine gesellschaftliche Institution
benannt zu werden. Mit dieser Besonderheit ist die Sprache das Rückgrat
der Kultur, und die Kultur das Rückgrat der Gesellschaft.
Um seine Handlungen mit Gleichartigen zu teilen, dieses Teilen in Produktion
umzusetzen und um diese Produktion in ihre eigene Systematik zu schaffen,
bedarf es einer Sprache. Wenn wir dieses noch vertiefen erkennen wir, das
in dem Wesen von Systematik Dialog, in dem Wesen von Dialog Kommunikation
und in dem Wesen von Kommunikation Sprache besteht.
Die Notwendigkeit von Sprache erklärt Konfuzius wie folgt. Eines
Tages wurde Konfuzius gefragt: „Wenn man sie zur Regierung eines
Landes berufen würde, was wäre ihre erste Aufgabe? „Konfuzius
gibt daraufhin diese Antwort: „Ohne Zweifel würde ich zuerst die Sprache
ins Visier nehmen. Ist die Sprache fehlerhaft, können die Gedanken
nicht gut erklärt werden. Wenn die Gedanken nicht gut erklärt
werden können, ist es nicht möglich die Aufgaben richtig auszuführen.
Dies hat zur Folge, dass Führung und Kultur zu Grunde gehen. Falls
dieses eintritt, geht die Justiz einen falschen Weg. Geht die Justiz den
falsche Wege, weiß das verwunderte Volk nicht, welche Folgen dieses
haben kann. Aus diesem Grund ist die Sprache notwendig.“
2. Die Notwendigkeit der Muttersprache
Muttersprache ist bekannt als die Sprache, die von der Mutter benutzt
wird. Dieses ist jedoch eine mangelhafte Interpretation. Wenn wir Muttersprache
kurz erläutern wollen, können wir dies wie folgt tun:
Muttersprache ist die Sprache, die das Kind durch die Familie, die
Abstammung und durch die Nation erlernt. Das beste Kommunikationsmittel,
welches die Muttersprache ist, dient der Annäherung, Verständigung
und Harmonie zwischen den Menschen. Eine lückenhafte Muttersprache
kann der Grund für die fehlende Anpassung an die Gesellschaft sein.
Dieses kann dazu führen, dass das Individuum keine gesunden Entscheidungen
fällen kann und in Pessimismus fällt. Ebenso kann sich ein Ungleichgewicht
in den Gedanken und Handlungen entwickeln.
Häufig kann dieses zu Depressionen sogar zu Suizidfällen
führen. Die Muttersprache leistet einen erheblichen Beitrag zur gesunden
und entwickelten Persönlichkeit. Ein derartiger Mensch kann mit seiner
Umgebung intakte Beziehungen aufbauen.
Muttersprachliche Bildung spielt eine Doppelrolle. Sie erhöht das
Verstehen und das Erläutern. Das Beherrschen der Muttersprache trägt
dazu bei, Gedanken zu beherrschen, sie zu erläutern, die Fähigkeit
sie zu Nutzen und somit die Grenzen der eigenen Welt zu schaffen.
Gedanke und Ausdruck sind eng miteinander verbunden. Die Souveränität
über die Sprache hat bei der Erziehung und Bildung von Kindern und
Jugendlichen einen hohen Stellenwert. Souveränität über
die Sprache ist ein Muss für die Entwicklung eines Schülers in
den verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen. Die Fähigkeit, ein
Thema zu verstehen ist abhängig von der Fähigkeit einen Begriff
in eine Formel umwandeln zu können und diese Formel von einem konkreten
in einen abstrakten Zustand zu bringen. Dieses ist ein Produkt der Beherrschung
des Individuums der eigenen Sprache. Also ist das Verstehen der Sprache
die erste Instanz die zu überbrücken ist, worauf dann erst das
Verstehen der Gedanken folgen kann. Das richtige Lernen der Sprache ist
ein Muss für die richtige Entfaltung der Gedanken. Die Aufgabe der
Sprache ist es Gedanken in einer sachlichen und offenen Art und Weise anderen
zu übermitteln, daher kann Sprache nicht von Gedanken getrennt werden.
Wenn Menschen ihre Gedanken anderen erzählen und sich mit ihnen verständigen
wollen, müssen sie in erster Linie wissen von ihrer Sprache Gebrauch
zu machen.
In der Multikulturellen Gesellschaft lernen Einwanderkinder die Landessprache
erst in der Schule. Da sie weder die Mutter- noch die Landessprache in
erforderlicher Weise aufnehmen, haben sie Probleme in vielen Bereichen
wie z.B. Bildung, zwischenmenschliche Beziehungen, Sozialisation... Präzise
ausgedrückt hat das Kind Schwierigkeiten, sich zu einem sozialen Wesen
zu entwickeln. Das Kind, das zum ersten Mal in der Schule mit gesellschaftlichen
Normen und Werten konfrontiert wird, erleidet durch den nicht vermeidbaren
Kulturkonflikt Identitätsprobleme. Durch die mangelhafte Kenntnis
über die Sprache, verlieren diese Kinder an Selbstbewusstsein und
erleben einen ungesunden Umgang mit ihrer Familie und ihrem Umfeld. Dies
ist ein Grund für die Entwicklung zu dissozialen Persönlichkeiten
von Kindern.
Um sich an die Umgebung und das Umfeld anpassen zu können, muss
das
Individuum seine persönliche und kulturelle Identität entwickeln.
Dieses kann nur durch eine präzise Überlieferung der eigenen
Kultur durch die Eltern geschehen.
Es ist festgestellt worden, dass die psychischen Krankheiten die bei
Kindern von Einwanderern und Flüchtlingen auftreten, größtenteils
auf die enormen Unterschiede der Sprachen von Familie und Kind zurückzuführen
sind.
Wenn in multikulturellen und multilingualen Gesellschaften Bemühungen
nach einer demokratischen und freiheitlichen Einheit nicht vorhanden sind,
hingegen aber wider Willen versucht wird eine Anpassung zu erzwingen, sind
Kulturkonflikte nicht zu vermeiden.
Eine Diskriminierung der Kultur und Sprache von Auswanderern und Minderheiten
führt zu einer Ausschließung dieser aus der Gesellschaft. Diverse
Probleme in verschiedenen Bereichen können durch diese Ausschließung
entstehen. Die Angst der Individuen, durch diesen Konflikt in eine zweite
Rolle verbannt und diskriminiert zu werden, entfernt sie von ihrer eigenen
Sprache. Das Individuum versucht die Sprache der herrschenden Gesellschaft
zur erlernen und eine Antipathie für die eigene Kultur und Sprache
zu entwickeln. Dieses geschieht, weil Eltern mit ihren Kindern die Muttersprache
nicht sprechen oder sprechen können.
Einer Studie zufolge, die in Schweden an finnländischen Kindern
durchgeführt wurde, entwickeln Kinder, die ständig einer Diskriminierung
seitens der herrschenden Gesellschaft ausgesetzt sind, eine Passivität
zu ihrer eigenen Sprache und Kultur.
Erst wenn Kinder und Jugendliche sich in ihrer eigenen Sprache und Kultur
entwickeln können, sind sie im Stande ihre eigene Identität zu
bewahren.
1956 belagerte die UdSSR Ungarn, um die Revolution niederzuschlagen.
100.000e von Ungarn flüchteten in den Westen. Die Ungaren, die nach
Schweden flüchteten, gaben den Gedanken an eine baldige Rückkehr
in ihr Land auf. Daher versuchten sie ihre Kinder an die schwedische Gesellschaft
zu assimilieren und ihre Vergangenheit auszulöschen. Zu dieser Zeit
hat dort kein einziges ungarisches Kind ungarisch gelernt. Als diese Kinder
später im Jugendalter versuchten, ihre Vergangenheit zu erforschen,
stellten sie verbittert fest, wie spät es schon dafür ist. Keine
Vergangenheit zu haben, führte viele Kinder in den Selbstmord.
Diese Studie zeigt uns folgendes:
Wenn ein Individuum seine eigene Kultur und Identität nicht auslebt,
kann es sich weder einer anderen Kultur anpassen, noch seiner eigenen Identität.
Auch kann es sich selbst seiner Familie oder seiner Gesellschaft gegenüber
in keiner Weise nützlich sein. Im Gegenteil, dieses Individuum stellt
eine potenzielle Gefahr für jede gesellschaftliche Einheit da.
3. Die Notwendigkeit der Bildung in der Muttersprache
In den entwickelten Ländern wird der Muttersprache eine große
Bedeutung beigemessen, und hierfür große Bemühungen unternommen.
z.B. hat der Verband der französischen Lehrkräfte eine Zielliste
verfasst, in der die Wichtigkeit von muttersprachlichem Unterricht erklärt
wird, sie wird noch mal in Kategorien aufgeteilt: die Sprache, Literatur
und auch die Lebensvorbereitung.
Die Nutzen der Bildung in der Muttersprache können wie folgt aufgelistet
werden:
·ein Mensch kann in seiner Sprache leichter denken
·jemand der seine eigene Muttersprache beherrscht, kann eine
zweite Sprache leichter erlernen
·jemand der seine Muttersprache gut beherrscht kann Bildungsinhalte
schneller verstehen
·ein Kind das seine Muttersprache beherrscht fühlt sich
sicher, seine Persönlichkeit bleibt stabil
·seine Persönlichkeit wächst durch den Gedanken, dass
er ein Mitglied der Gesellschaft ist
Da eine Verbindung zwischen der Fähigkeit des Denkens und der Muttersprache
besteht, ist ein Fortschritt der Denkstrukturen nur durch einen Fortschritt
in der Sprache möglich. Da Gefühle, Gedanken und Mitteilungen
durch Sprache realisiert werden, hat jede Sprache eigene Regeln für
die Bildung von Gefühlen, Gedanken und Mitteilungen. Je schneller
die Regeln erlernt und gebraucht werden, umso schneller wird eine Beteiligung
an der Bildung möglich. Der Gebrauch der Sprache hat neben dem Seelischen
und Gedanklichen Aspekt auch eine große Bedeutung für den politischen
Bereich. Damit eine Kultur, eine Gesellschaft sich selbst erklären
oder bestehen kann, bedarf es eines Kommunikationsmittels, die einfachste
dafür ist die Sprache.
3. Die Annäherung
der Türkei an die muttersprachliche Bildung und an deren Problematik
Die türkische Republik besteht real betrachtet nicht aus einer
Gemeinschaft, die nur einer einzigen ethnische Abstammung entspringt. Trotz
dieser Tatsache wird, wenn es um die staatsbürgerlichen Rechte eines
Staatsbürgers geht, dieser als türkischer Staatsbürger charakterisiert,
der gebunden ist an die türkische ethnische Identität.
Es muss eine anschauliche Analyse dieser Situation beginnend mit der
Verfassung gemacht werden.
Der 66. Artikel der Verfassung mit seiner Überschrift lautet wie
folgt:
Die türkische Staatsangehörigkeit Artikel 66: Jeder, der durch
die türkische Staatsbürgerschaft an den türkischen Staat
gebunden ist, ist ein Türke/eine Türkin.
Diese Situation zeigt, dass die Staatsangehörigkeit nicht nur die
gesetzliche Verpflichtung beinhaltet, sondern dass sie auch die ethnische
Abstammung festgelegt.
Trotzdem wurden in der Türkei, in den Jahren 1927-1965 mit der
Volkszählung zusammen auch Statistiken über die jeweilige gesprochene
Sprache (Muttersprache) erhoben und veröffentlicht. Auch wenn diese
Statistiken später für nichtig erklärt wurden, ist es eine
Tatsache, dass in der Türkei türkisch, kurdisch, abchasisch,
arabisch, albanisch, tscherkessisch, armenisch, georgisch, Sprachen der
Sinti und Roma, laazisch, pomakisch, griechisch, alt-syrisch, tatarisch
und hebräisch gesprochen werden.
Nach diesen Ausführungen widmen wir uns nun der in der Türkei
praktizierten Sprachpolitik zu. Die muttersprachliche Erziehung und Bildung
ist nur auf gewisse Sprachen beschränkt, da das Benutzen der Muttersprache
als Erziehungsmaßnahme, dass schriftliche Erlernen, es in den Medien
als Vehikel zu benutzen, des weiteren die wissenschaftliche und künstlerische
Erzeugung in der eigenen Sprache zu sichern, wird als solche politisch
gehandhabt. Aus diesem Grund durch die Verfassung verboten. Gesetz Nr.
2932 von 1983 besagt:
Art.1- Ziel und Inhalt: Mit der Absicht die (unteilbare) Integrität
des Staates, seines Volkes und seines Landes, die nationale Souveränität,
die Republik, die nationale Sicherheit und die öffentliche Ordnung
zu schützen, regelt dieses Gesetz die Grundlagen und Verfahren im
bezug auf die Sprachen, deren Veröffentlichung und Verbreitung verboten
ist.
Art. 2- Sprachen, deren Veröffentlichung und Verbreitung verboten
sind:
Es ist verboten in einer Sprache Gedanken zu äußern, zu
verbreiten und zu veröffentlichen, die nicht erste Amtssprache eines
von der Türkei anerkannten Staates ist. In den Beschlüssen der
internationalen Abkommen, die der türkische Staat befürwortet
hat, sind gesetzliche Regelungen im Bezug auf Erziehung und Bildung,
wissenschaftliches Erforschen, Publikationen der öffentlichen
Anstalten und Einrichtungen festgehalten.
Art. 3- Die Muttersprache der türkischen Staatsbürger ist
türkisch.
Sämtliche Aktionen mit der Absicht zur Verbreitung anderer Sprachen,
außer türkisch als Muttersprache zu benutzen, ist verboten.
In Anlehnung an die unteilbare Integrität des Staates, des Landes
und des Volkes, wie ja bereits in Artikel eins dargestellt wurde, wird
das natürliche Recht auf muttersprachliche Erziehung von Millionen
Kindern, die zwar in der Türkei leben, aber keine Türken, sondern
Staatsbürger der türkischen Republik sind, auf einer offensichtlichen
Weise beraubt.
Somit wird die Assimilierung und Verschmelzung von Millionen von Menschen
in die türkische Ethnie beabsichtigt. Hierbei handelt es sich
nicht um einen natürlichen Verschmelzungsprozess. Es ist vielmehr
das gewaltsame Entreißen des Einzelnen aus seiner nationalen Zugehörigkeit,
und dessen Abänderung.
Innerhalb der türkischen Grenzen leben heutzutage 20 Millionen
Kurden. Demzufolge gibt es in der Türkei 100.000e kurdische Kinder,
die im schulfähigen Alter sind. Das Verbot der muttersprachlichen
Erziehung und Bildung dieser 100.000e von Kinder bedeutet gleichzeitig
die Trennung der Bindung zur eigenen Kultur und Geschichte, und die Hinderung
an der persönlichen Entfaltung.
Nimmt man in diesem Rahmen die muttersprachliche Erziehung als Grundrecht
an, so lässt es sich in den zwei Bereiche, Freiheiten des Einzelnen
und kulturelle Rechte näher betrachten.
„Die Gedankenfreiheit und die freie Meinungsäußerung“, welche
zu den Freiheiten des Einzelnen zählt, wird in der juristischen Literatur
wie folgt beschrieben: „Die Gedankenfreiheit ist für den Menschen
die Möglichkeit, sich die Antworten zu allen Problemen, die individueller,
gesellschaftlicher Natur sind, selbst auszusuchen und vorzubereiten, sein
Verhalten und seine Vorgehensweise dahingehend geeignet zu formen und das,
was für richtig angesehen wird anderen mitzuteilen.“
Mit anderen Worten bedeutet die Gedankenfreiheit, dass man freien Zugang
zu anderem Gedankengut und Wissen hat, dass man aufgrund angeeignetem Wissen
und Meinungen nicht verurteilt wird, dass man diese entweder alleine oder
mit anderen auf verschiedenen Wegen frei äußern, anderen mitteilen
und verbreiten kann.
In Artikel 25 Absatz 1 der Verfassung von 1982 heißt es in bezug
auf die Gedankenfreiheit und die freie Meinungsäußerung:
„Jeder hat das Recht der Gedanken- und Meinungsfreiheit.“
Artikel 26 Absatz 1 besagt:
“ Jeder hat das Recht seine Gedanken und Ansichten wörtlich,
schriftlich, bildlich oder auf anderem Wege alleine oder als Gemeinschaft
zu veröffentlichen und zu verbreiten.“
Aber gleichzeitig wird in Absatz 3 des Artikels das Recht auf Gedankenfreiheit
wie folgt unabdingbar eingeschränkt: „Für die Veröffentlichung
und Verbreitung des Gedankengutes darf keine gesetzlich verbotene Sprache
benutzt werden.“
Die Verbreitung der Ansicht wiederum wird in Artikel 28 Absatz 2 geregelt:
“ Jegliche Veröffentlichung in einer gesetzlich verbotenen Sprache
ist nicht erlaubt.“
Das Recht auf Erziehung und das Recht auf Bildung, die zu dem Bereich
der kulturellen Rechte gehören, und die wir näher betrachten,
sind in der Verfassung von 1982 wie folgt festgehalten:
Artikel 42 Absatz 1:
„Niemandem darf das Recht auf Erziehung und Bildung beraubt werden.“
Im letzten Absatz des Artikels heißt es dann:
“ Keine andere Sprache außer türkisch, darf in den Erziehungs-
und Bildungsanstalten türkischen Staatsbürgern als ihre Muttersprache
beigebracht und gelehrt werden. Die in den Erziehungs- und Bildungsanstalten
gelehrten Fremdsprachen und das Erziehen und Bilden von Schulen mit der
fremden Sprache, unterliegen Normen, die vom Gesetz geregelt werden. Die
Beschlüsse der internationalen Abkommen sind gesichert.“
Diese Art von Erziehung und Bildung, die Politik, die im Bezug auf die
Gedanken- und Meinungsfreiheit betrieben wird, steht im Widerspruch zu
unserem heutigen freiheitlich, mehrheitlich geführtem Demokratieprinzip
und den demokratischen Grundwerten, und ist gleichzeitig eine unmenschlich,
die Menschenrechte verachtende, überholte und diskriminierende Politik.
Es muss von dieser, in ihren eigenen Darstellungen bekannt gewordenen
anti-demokratischen, diskriminierenden Erziehungs- und Bildungspolitik
Abstand genommen werden.
Außerdem ist der Verzicht auf diese Politik ein Muss zeitgenössisch,
respektvoll gegenüber anderen Kulturen und Sprachen zu sein, und ein
Muss um die demokratischen Grundwerte zu besitzen.
Die Kette, die an die Sprache, die Kultur, somit indirekt an die Gedanken
und Gefühle von Millionen von Menschen in der Türkei (wie den
Kurden, Arabern, Tscherkessen, Georgiern und Laazen) angelegt wurde, muss
endlich gelöst werden. Das Recht auf muttersprachliche Erziehung und
Bildung muss, begonnen mit den Kurden, allen anderen ethnischen Gruppen
zugesprochen werden. Die Beanspruchung dieser Rechte sollte allein dem
freien Entscheidungswillen der ethnischen Volksgruppen überlassen
bleiben.
Was wichtig ist, ist die Anerkennung dieser Rechte, und gleichzeitig
die Demokratisierung der Erziehung in ihrem Wesen.
Die Verwirklichung des demokratischen Erziehungs- und Bildungswesen
in der Türkei ist durch eine Vorbereitung und Anerkennung einer demokratischen
Verfassung, die allen in Anatolien lebenden ethnischen Volksgruppen in
allen Bereichen gleiches Recht zuspricht, möglich.
Diese Verfassung sollte ein Dokument für die Zusammengehörigkeit
der Völker in Anatolien sein, die nach dem Gleichheitsprinzip, frei
entstehen wird. In Anatolien gibt es einige ethnische Gruppen, Kulturen
und Sprachen. Der Staat muss die Voraussetzungen für die freie Entfaltung
der existierenden Sprachen schaffen. Dies bedeutet gleichzeitig das Schützen
der Sprachen- und Kulturenvielfalt in Anatolien.
Die natürliche Folge der Akzeptanz des Mehrheitsprinzips ist das
Kennenlernen verschiedener Sprachen, Religionen und Kulturen, das Anerkennen
ihrer Existenz, das Anerkennen der freien Meinungsäußerung.
Nicht nur das Anerkennen ist relevant. Der Staat muss seine grundlegenden
Ziele und Aufgaben dahingehend genau bestimmen. Diese Definition legt auch
den Bereich der verfassungsmäßigen Staatsbürgerschaft fest.
Durch die verfassungsmäßige Staatsbürgerschaft geht die
nationale Eigenschaft des Staates nicht verloren. Die nationale Eigenschaft
darf nicht an einer ethnischen Zugehörigkeit festgemacht werden. Nationalität
bedeutet, sowohl in der verfassungsmäßigen Staatsbürgerschaft,
als auch in dem oben behandelte Verständnis von Staatszugehörigkeit,
den Bürgern der türkischen Republik, die aus verschiedener Herkunft
sind, angelehnt zu sein.
Das Anwenden der verfassungsmäßigen Staatsbürgerschaft
wird sowohl das Zugehörigkeitsgefühl und den Willen zum friedliche
Zusammenleben, der in diesem Land lebenden verschiedenen Volksgruppen verstärken
als auch das gegenseitige Nutzen der durch die Bereicherung der Gesellschaft
entstandenen Kultur- und Sprachgüter erhöhen.
Solch eine Anwendung wird dazu dienen, dass in diesem Land sich eine
freiheitlich, demokratische Kultur entwickelt und verbreitet.
Es gibt in der heutigen Zeit auf der Welt zig Staaten, die mehr als
eine Amtssprache haben.
Wieso sollen nicht in Anatolien, in einem demokratischen Staat, der
auf das freiwillige Zusammenleben gestützt ist, mehr als eine Sprache
und Kultur gemeinsam und gleichberechtigt existieren.
4. Die muttersprachliche Bildung in den internationalen Abkommen
Internationale Dokumente über die Benutzung der Muttersprache
Die Abkommen und Bekanntmachungen der UNO, Europäische Organisation
für Sicherheit und Zusammenarbeit, UNESCO und Europarat, die Beschlüsse
über die Benutzung der Muttersprache und die muttersprachliche Bildung
beinhalten:
1.Das Abkommen vom 26.06.1945 der UNO
Obwohl in diesem Dokument kein Artikel für die muttersprachliche
Bildung vorgesehen ist, steht bei den Zielen der UNO im Art. 1 „Die Achtung
vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten für alle ohne Unterschied
der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion zu fördern
und zu festigen", es wird betont, dass dieser Artikel für alle Mitglieder
der UNO gilt.
2. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
In diesem Dokument sind kulturelle Rechte besonders aufgelistet. Art
2 der Erklärung hebt hervor, dass keine Unterscheidung nach Rasse,
Farbei, Geschlecht, Sprache, Religion, politsicher und sonstiger Überzeugung
nationaler oder sozialer Herkunft gemacht werden darf.
3. Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Rechte
Der im Jahre 1966 unterzeichnete Pakt, der von der Türkei nicht
unterzeichnet wurde, enthält in den Artikeln 13,14 und 15 keine Beschlüsse
über die muttersprachliche Bildung. Es wird aber betont, dass die
Bildung für jedermann ein Grundrecht ist und er enthält detaillierte
Erläuterungen.
4. Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte
An dem im Jahre 1996 unterzeichneten und im Jahre 1976 in Kraft getretenen
Pakt hat die Türkei nicht teilgenommen.
Im Art 27 steht "In Staaten mit ethnischen, religiösen oder sprachlichen
Minderheiten darf Angehörigen solcher Minderheiten nicht das Recht
vorenthalten werden, gemeinsam mit anderen Angehörigen ihrer Gruppe
ihr eigenes kulturelles Leben zu pflegen, ihre eigene Religion zu bekennen
und auszuüben oder sich ihrer eigenen Sprache zu bedienen.
5. Erklärung der UNO bezüglich der Menschenrechte von nationalen,
ethnischen, religiösen oder sprachlichen Minderheiten
Diese Erklärung wurde von der Generalversammlung der UNO am 18.
Dezember 1992 entschieden. Die veröffentlichte Erklärung führt
aus, dass die Mitglieder von Minderheiten folgende Rechte besitzen: das
Recht auf die Pflege der eigenen Kultur, das Recht der Benutzung der eigenen
Sprache, das Recht an Rechtsprechungsmechanismen teilzunehmen, die Entscheidungen
über Minderheiten fällen, das Recht Vereinigungen zu bilden und
sie zu leiten, das Recht mit anderen Mitgliedern der selben Minderheit
friedliche Kontakte zu knüpfen.
6. Abkommen der UNESCO, das sich gegen die Bildungsdiskriminierung richtet
In Hinsicht auf die kulturellen Rechte ist dieses Abkommen eines der
wichtigsten Dokumente. Das im Jahre 1962 in Kraft getretene und von der
Türkei nicht unterzeichnete Abkommen, wurde von 84 Staaten unterzeichnet.
In Art. 5/1c steht: Die Mitgliedsstaaten haben entschieden, dass den Mitgliedern
von nationalen Minderheiten das Recht anerkannt wird, ihre eigene Bildungsaktivitäten
durchführen zu dürfen. Diese Aktivität beinhaltet auch die
Benutzung der eigenen Sprache bzw. die Festigung der Bildung." Dasselbe
Dokument führt des weiteren folgendes Recht aus: „Aufgrund des Antrages
der Erziehungsberechtigten können, wegen den religiösen oder
sprachlichen Gründen andere Bildungssysteme gebildet werden bzw. Bildungsstätte
gegründet werden, die Teilnahme an diesen Bildungsstätten darf
aber nicht obligatorisch sein."
7. XIV. Bekanntmachung der UNESCO-Generalkonferenz
Dieses Dokument betont, dass jede Kultur respektiert und geschützt
werden muss. Außerdem wird gesagt, dass jedes Volk das Recht
und die Aufgabe auf die Entwicklung der eigenen Kultur hat. Die im Jahre
1978 auf der UNESCO-Generalkonferenz bestätigte Bekanntmachung enthält
folgendes „ Alle Individuen und Gruppen haben das Recht anders zu sein,
sich anders zu sehen und auf diese Weise anerkannt zu werden.
8. Kulturelle Rechte im Rahmen der Konferenz über die europäische
Sicherheit und Zusammenarbeit
Auf der Konferenz über die europäische Sicherheit und Zusammenarbeit,
die sich aufgrund der am 01.08.1995 endgültig unterzeichneten Helsinki-Urkunde
zusammensetzte wurde folgendes beschlossen: Die Unterzeichner der Helsinki-Urkunde
verpflichten sich „Die Menschenrechte und Grundfreiheiten ohne jegliche
Unterscheidung nach Rasse, Geschlecht, Sprache und Religion zu respektieren,
damit die politischen, bürgerlichen, kulturellen, sozialen Rechte
und Freiheiten vollkommen entwickelt werden, andere Rechte und Freiheiten
zu fördern und zu entwickeln.
Im Rahmen der Konferenz über die europäische Sicherheit und
Zusammenarbeit wurde, was die kulturellen Rechte betrifft, ein weiteres
Dokument im Jahre 1990,das Kopenhagener- Dokument, verabschiedet. Das Kopenhagener-Dokument
beinhaltet folgendes:
„Die Individuen einer nationalen Minderheit haben das Recht die eigene
ethnische, kulturelle, die Sprache und die Religion frei zu schützen
und weiterzuentwickeln, und sie haben das Recht nicht gegen ihren Willen
assimiliert zu werden.“
Im selben Dokument ist ein weiterer Artikel vorgesehen, der den Mitgliedern
einer nationalen Minderheit, das Recht auf freie Benutzung der Muttersprache
im Privatleben sowie im öffentlichen Leben, anerkennt. Ein weiterer
Artikel enthält folgendes: alle Maßnahmen müssen getroffen
werden, damit den Minderheiten ihre eigene Muttersprache beigebracht werden
kann bzw. damit sie ihre Muttersprache vor den offiziellen Behörden
in möglichen Maßen und wenn es erforderlich wird, benutzen können.
Außerdem sollen an den Bildungsstätten im rahmen der Geschichte-
und Kulturbildung die Geschichte und Kultur der nationalen Minderheiten
mitberücksichtigt werden. "Niemand kann gehindert werden die gewünschte
, insbesondere die Muttersprache, Sprache zu erlernen." Diese ist die Entscheidung,
die im Rahmen der Konvention der Menschenrechte von einer Ad Hoc Komitee
getroffen wurde. Das Abkommen des Komitee des Europarates bzgl. regionaler
Sprachen und Sprachen der Minderheiten wurde im Jahre 1992 zur Unterzeichnung
bereit gestellt. Obwohl dieses Dokument detaillierte Erläuterungen
über den Schutz und Entwicklung von Sprachen der Minderheiten
enthält, gewährleistet es nicht die Benutzung der Sprachen als
Recht, da den Staaten überlassen wird, welche Sprachen darunter fallen,
deshalb haben die Staaten die Initiative zu ergreifen.
Die Türkei gehört zu den Staaten, die auch dieses Abkommen
nicht unterzeichnet haben. Aber die Gastarbeiter fallen nicht unter den
Schutz dieses Abkommens.
9. Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten
Das vom Europarat am 01.02.1995 zur Unterzeichnung bereitgestellte und
von der Türkei nicht unterzeichnete Dokument enthält über
die Problematik verschiedene Beschlüsse. „Eine pluralistische und
wahrhaft demokratische Gesellschaft achtet nicht nur die ethnische, kulturelle,
sprachliche und religiöse Identität aller Angehörigen einer
nationalen Minderheit, sondern schafft geeignete Bedingungen , die es ihnen
ermöglichen, diese Identität zum Ausdruck zu bringen und zu entwickeln.
Die Vertragsparteien verpflichten sich anzuerkennen, dass jede Person,
die einer nationalen Minderheit angehört, das Recht hat, ihre Minderheitensprache
privat und in der Öffentlichkeit mündlich und schriftlich frei
und ungehindert zu gebrauchen". Da die Türkei, wie die anderen Staaten,
die Existenz der Minderheiten innerhalb der Türkei ablehnt, hat sie
dieses Übereinkommen nicht unterzeichnet.
5. Zeitungsberichte
1. Ausbildungsgewerkschaft Egitim-Sen Diyarbakir Sektion
Die Beziehung zwischen Frauen und Muttersprache
In multikulturellen Gesellschaften mit vielen Identitäten und vielen
Sprachen werden alle Sektoren negativ beeinflusst, wenn Sprache, Identität
und Kultur behindert werden.
Jedoch ist es Realität, dass hierbei am meisten Frauen betroffen
sind. Die Frau stellt bei der Weitergabe der Sprache, der Kultur, Traditionen
und Bräuche an die folgenden Generationen ein Subjekt dar. Bei der
Erziehung des Kindes und der Entstehung seines Charakters kann die Rolle
der Frau nicht geleugnet werden. Denn die Frau gibt auf der einen Seite
ihrem Kind als Mutter von seiner Geburt an ihre eigene Sprache, ihre eigene
Kultur weiter. Auf der anderen Seite ist bei der Entstehung seines Charakters
die sprachliche Kommunikation zwischen der Mutter und dem Kind von großer
Bedeutung.
Man kann beobachten, dass in den östlichen und südöstlichen
Regionen der Türkei hauptsächlich die Sprache Kurdisch gesprochen
wird. Forschungen des Nationalen Sicherheitsrat und des Generalstabs
nach liegt dies bei ca. 65-70%. Außerdem wird gesagt, dass zwischen
den Jahren 2010-2020 die kurdische Bevölkerungszahl eine große
Zunahme erleben wird. Die Assimilationspolitiken, die seit Jahren in der
Region angewendet werden, konzentrieren sich hauptsächlich auf Frauen
und Kinder. Ein Hauptziel ist die Frau als Trägerin der Sprache und
der Kultur ihrer eigenen Identität gegenüber zu entfremden und
durch diese Politiken dies durch die Frauen an die anderen Sektoren der
Gesellschaft zu übermitteln. In den Provinzen der Region sind viele
Tätigkeiten auf dieses Ziel gerichtet. Hier werden Frauen durch Tätigkeiten
wie Schreib- und Lesekurse auf Türkisch, Kochkurse u.ä. ihrer
eigenen Kultur gegenüber entfremdet und erleben einen Kulturschock.
Auf der anderen Seite mussten eine große Zahl an kurdischen Familien
wegen dem Krieg umsiedeln. Die kurdische Frau, die in geschlossenen Gesellschaften
lebte, wurde in Vorstädte befördert. Dadurch, dass die Frau hier
eine neue Sprache und eine neue Kultur kennenlernte, erlebte ihre Persönlichkeit
eine Zurichtung. Sie war dazu gezwungen sich auf dem Markt, in der Schule,
im Krankenhaus, im Gericht auf einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache
zu verständigen. Da sie sich sowieso nicht ausdrücken kann, erlebte
sie hierdurch einen weiteren Rückschritt. Dies führte dazu, dass
sie sich noch weniger am sozialen Leben beteiligte und in sich hinein verschloss.
Deshalb erschwerte es sich für die Frau sich im gesellschaftlichen
Bereich auszudrücken und Lösungen für ihre Probleme zu finden.
Damit die Frau sich besser ausdrücken kann, sich mit ihren Kindern
und ihrem Umfeld vereinen kann, ihren Teil bei der Ausbildung ihres Kindes
beitragen kann ist es unvermeidlich, dass die Ausbildungssprache ihres
Kindes und ihre Muttersprache dieselbe ist.
In diesem Sinn ist es nötig, dass alle Hindernisse vor der Entwicklung
und dem Ausdrücken in der eigenen Sprache, der eigenen Kultur und
der eigenen Identität, welche Bedingungen für eine demokratische
Gesellschaft sind, aufgehoben werden. Somit kann eine demokratische, zeitgenössische
Gesellschaft erlangt werden, in der Identitäten und Kulturen nicht
miteinander zusammenstoßen, sondern sich verbinden.
2. Nurettin Yildirim – Özgür Politika
Mutter-sprache
Mutter und Sprache sind zwei Begriffe, die sich gegenseitig ausmachen.
Die Mutter hat sich selbst und die Dinge, die sie erzeugt, durch ihre Sprache
entwickelt. Seine eigene Sprache zu benutzen, sich diese anzueignen ist
auch am meisten das Recht der Mutter. Bei dem Verbot der kurdischen Sprache
waren es auch die kurdischen Frauen und Mütter, die am meisten darunter
litten und in die Einsamkeit gestoßen wurden. Deshalb hat die Frau
bezüglich der Sprache immerzu eine Gewissensabrechnung betrieben,
ihre Werte geheiligt und diese zum Trotz weitergetrieben. Auch heute sind
es die kurdischen Mütter und Frauen, die im Kampf um die Freiheit
der Sprache an der vordersten Front voller Freude und Begeisterung ihren
Platz einnehmen.
Von der Vergangenheit an bis zum heutigen Tag sind die kurdischen Frauen
und Mütter niemals von ihrer eigenen Realität abgekommen und
haben diese auch niemals verraten. Auch um den Preis in ein Haus gesperrt
zu werden und zu einem bitteren und sorgevollen Leben verurteilt zu werden,
hat sie ihre Werte nicht ersetzen lassen und hat diese geschützt.
Vielleicht hat sie dies nicht bewusst getan, jedoch hat sie durch die Liebes-
und Schutzreflexe, die von ihren Mutterschaftsgefühlen kamen, die
kurdischen Werte geschützt und leben lassen.
Dies ist eine alte kurdische Tradition. Zugleich ist es als Brauch,
als ein moralischer Wert angesehen und angeeignet worden. Die Sprache,
die von Individuen innerhalb der Familie gesprochen wird, ist Kurdisch.
Dass eine andere Sprache innerhalb der Familie gesprochen wird, wurde missbilligt
und als ein Element der Entfremdung bewertet. Innerhalb der Familie in
der Muttersprache zu sprechen machte die Hauptregel der Familie aus. Dies
liegt an der Frau, der Mutter in der Familie. Die Mutter achtet außer
der kurdischen Sprache keine andere Sprache und schätzt sie auch nicht.
Z.B. kann ich mich nicht daran erinnern, dass wir innerhalb der Familie
obwohl wir alle Türkisch konnten, uns niemals auf Türkisch unterhalten
haben. Ich habe niemals gehört, dass meine Mutter Türkisch gesprochen
hat. Ich weiß auch nicht, ob sie überhaupt Türkisch kann
oder nicht. Vielleicht kann sie es, aber sie hat noch nie ein Wort Türkisch
mit uns gesprochen. Hauptsächlich ist dies bei allen kurdischen Familien
der Fall. Die Mütter und Frauen unterhalten sich nicht auf einer anderen
Sprache als der Muttersprache. Auch wenn es nicht bewusst ist und von den
natürlichen Abwehrreflexen kommt, beinhaltet es einen menschlichen
und natürlichen Widerstand. Dies ist eine Situation, die Respekt verlangt;
genauso wie sie es verlangt, darüber nachzudenken und dieses Verhalten
zu erforschen.
Mutter und Sprache sind zwei Begriffe, die zusammengehören, sich
ausmachen und nicht getrennt werden können. Die Sprache hat ihre Wurzeln
bei der Frau und ist eine Schaffung der Frau. Die gebärende, heilige
Mutter bot ihren Kindern Liebe und Güte dar und ließ sie menschlich
werden. Um ihre Gefühle, Empfindungen und Vorstellungen zu vermitteln,
zu verstehen, zu kommunizieren hat sie angefangen mit Zeichen über
Töne zu unterhalten und ha letztendlich die Sprache geschaffen. Deshalb
sind die Mutter und die Sprache aneinandergebundene Werte, die sich gegenseitig
ausmachen und so sind sie auch im Gedächtnis der Menschen verankert.
So heilig wie die Mutter ist auch die Sprache heilig, das Recht der
Sprache ist genauso wichtig wie das Recht der Mutter. Dass dies nicht angetastet
werden kann, wird als Hauptmaß der Menschheitsbräuche, der Moral
und der Tugend anerkannt.
Jeder Mensch wird von einer Mutter geboren. Jede Mutter ist zugleich
auch eine Sprache. Die Mutter gibt ihr Mutter-Sein durch ihre Sprache an
ihr Kind weiter. Dies ist die Realität, die unter der Tatsache der
Mutterschaft liegt. Die Mutter, die sich auf ihrer eigenen Sprache ausdrückt,
gibt diese Werte in dieser Natürlichkeit an ihre Kinder weiter. Die
Beziehung zwischen einer Mutter und ihren Kindern und zwischen der Sprache
und dem Menschen ist keine gewöhnliche Beziehung. Es sind tiefgreifende
Beziehungen, die sich gegenseitig ernähren und ausmachen. Sie sind
von extrem hoher Bedeutung. Es sind Beziehungen, die in jedem Bereich des
Lebens gefühlt werden.
Die Verbindung zwischen einer Mutter und der Sprache nicht zu sehen,
der Muttersprache nicht mit Respekt gegenüberzutreten aus welchen
Gründen auch immer ist unmenschlich. Es stellt heutzutage das größte
Menschheitsverbrechen dar. Seine Muttersprache zu fordern und hierfür
zu kämpfen oder Völker dazu zu zwingen, für seine Muttersprache
zu kämpfen, ist sogar unzeitgenössisch.
Es ist bitter, dass die Kurden dazu gezwungen werden, um dieses heilige
Recht zu kämpfen. Das kurdische Volk, welches das erste Neolithikum
erlebte, bei der Menschheitsentwicklung die Mutterrolle übernahm,
seine Liebe, Mühe und sein Augenlicht gab, kann seine Muttersprache
heute nicht benutzen. Immer noch wird die Existenz der kurdischen Sprache
diskutiert und geleugnet. Als eines der ältesten Völker der Geschichte
wirst du als Quelle dafür sorgen, dass die Menschheit bis zum heutigen
Tag kommt und am Schluss wird von dir gesagt „Es gab einmal...“. Diejenigen,
die sich schämen sollten, drücken aus, dass sie gelehnt an höhere
Mächte dazu fähig sind, dich zu leugnen. Kann dies irgend etwas
mit der Menschheit zu tun haben? Sich an Dingen zu erfreuen, vor denen
man sich schämen sollte, kann nur die Sache von nichtmenschlichen
Wesen sein.
Sprache ist Reichtum. Jeder Mensch hat das Recht dazu, seine Sprache
und Kultur zu leben. Dieses Recht ist heilig. Respekt gegenüber der
Mutter und der Sprache erfordert dies.
3. Yedinci Gündem – 05.01.2002
Polizeiverhör für Forderung nach Muttersprache
Lales Arslan/Diyarbakir
Sükran Gültekin wollte beim Nationalen Bildungsministerium
ein Gesuch dafür abgeben, dass ihr noch nicht geborenes Kind in seiner
Muttersprache unterrichtet wird, als sie verhaftet wurde. Sie und Güler
Sen waren mit ihren Kindern an der Hand am 27. Januar 2001 gerade auf dem
Weg zum Nationalen Bildungsministerium in Diyarbakir. Jedoch wurden sie
von der Polizei daran gehindert. Die Polizei nahm ihnen ihre schriftlichen
Gesuche ab, die die Überschrift „Ich möchte, dass mein Kind in
seiner Muttersprache Kurdisch unterrichtet wird“ trugen. Die Frauen wurden
27 Stunden auf der Wache bewacht und ständig befragt. Da die 35 jährige
Sükran Gültekin im 3. Monat schwanger ist, wurde sie keinen groben
Schlägen ausgesetzt. Jedoch wurde sie beschimpft. Die Befragung von
S. Gültekin, die während der Bewachung immerzu angab, kein Türkisch
zu sprechen, erfolgte auf Kurdisch durch Polizisten, die Kurdisch sprechen.
(...)
4. Yedinci Gündem, 5. - 12. Januar 2002
Forderung nach Kurdisch-Unterricht im Parlament
Die Unterstützung für die von Studierenden der Istanbul-Universität
begonnene Kampagne für muttersprachlichen Unterricht weitet sich weiter
aus. Während ElternvertreterInnen in Batman, Van und Istanbul Anträge
auf die Einführung von Kurdisch-Unterricht an Grundschulen bei der
Nationalen Ausbildungs-Direktion gestellt haben, ist die Diskussion um
kurdischsprachigen Unterricht auch bis ins Parlament vorgedrungen.
An der 100. Yil-Universität in Van, wo 2500 gesammelte Anträge
vom Rektorat zurückgewiesen worden waren, wird die Kampagne fortgesetzt.
Inzwischen sind es rund 3000 Anträge, die in den kommenden Tagen erneut
beim Rektorat eingereicht werden. Weitere 325 Anträge, die an der
Mustafa-Kemal-Universität zusammen gekommen sind, sind im Rektorat
von Studierenden übergeben worden. Zunächst war die Annahme der
Anträge mit der Begründung, es handele sich nicht um Einzelanträge,
abgelehnt worden. Aufgrund der Beharrlichkeit der Studierenden sah sich
das Rektorat schliesslich gezwungen, die Annahme der Anträge zu akzeptieren.
In Adana versammelten sich hundert ElternvertreterInnen mit ihren Kindern
vor dem Landratsamt Seyhan, um 118 Anträge mit der Forderung nach
Kurdisch als Wahlfach abzugeben. Die Polizei kesselte die Gruppe ein. Nachdem
Vertreter des Landratsamtes eingewilligt hatten, dass die gesammelten Anträge
von zwei Personen abgegeben werden können, wollten die ElternvertreterInnen
das Gebäude betreten. Die an der Tür wartenden Polizisten gaben
sich als Mitarbeiter des Landratsamtes aus, beschlagnahmten die Anträge
unter Anwendung von Gewalt und drängten die ElternvertreterInnen zurück.
In Van wurden 15 ElternvertreterInnen, die sich mit der Forderung nach
Kurdisch-Unterricht an die Nationale Ausbildungsdirektion gewandt hatten,
festgenommen. In Istanbul-Bagcilar überfiel die Polizei die Wohnungen
von ElternvertreterInnen, die letzte Woche Anträge gestellt hatten.
Wie bekannt wurde, übte die Polizei Druck aus und sprach Drohungen
aus, um die Eltern zur Rücknahme ihrer Forderung zu bewegen. In Batman
wurden von 60 ElternvertreterInnen, die Anträge an die Nationale Erziehungsdirektion
gestellt hatten, acht bei Wohnungsrazzien festgenommen. Fünf von ihnen
wurden freigelassen, drei befinden sich nach wie vor in Polizeigewahrsam.
In Siirt wurde die Abgabe von knapp 100 Anträgen von der Polizei verhindert.
(...)
Forderung im Parlament
Die Diskussion um kurdischen Unterricht ist auch auf das Parlament
übergegriffen. Der ANAP-Abgeordnete von Diyarbakir, Abdülbaki
Erdogmus, äusserte in einer Rede im Parlament, es handele sich um
eine Schande, dass das Recht auf muttersprachlichen Unterricht verwehrt
werde. In der Türkei werde Gedankenfreiheit und muttersprachlicher
Unterricht als Verbrechen gewertet. "Wie lange wird sich die Türkei,
die ihre Zukunft in Europa sieht, noch sträuben?" fragte Erdogmus,
und fuhr fort: "Solange wir nicht die notwendigen Schritte zum Thema Gedanken-,
Glaubens- und Ausdrucksfreiheit unternehmen, handeln wir gegen die Kopenhagener
Kriterien."
Unterstützung von TMMOB
Weitere Unterstützung für die Kampagne für muttersprachlichen
Unterricht kam von der Union der Architekten- und Ingenieurskammern der
Türkei (TMMOB). Sevket Akdemir als TMMOB-Vertreter von Van sprach
vergangene Woche auf zwei verschiedenen Regionalkongressen der Kampagne
seine Unterstützung aus und erklärte, die Kulturenvielfalt sei
ein positiver Beitrag zur Türkei. Als geladene Gäste anwesende
Dekane der 100.-Yil-Universität reagierten nach Angaben Akdemirs unwirsch
auf seinen Redebeitrag. Unter anderem sei seine Ansprache mit denen von
Leyla Zana und Hatip Dicle im Parlament verglichen worden. Dazu erklärte
Akdemir: "Ob es nun Zana sagt, Dicle oder ich - muttersprachlicher Unterricht
ist ein Recht, das jedem Menschen zusteht."
Istanbul und Marmara
Yildiz Polat, Jura-Studentin der Istanbul-Universität ist mit
der Begründung "Mitgliedschaft in der Jugendorganisation der PKK"
im Frauen- und Kindergefängnis Bakirköy inhaftiert worden. Die
Studierenden der Istanbul-Universität gaben daraufhin eine Erklärung
ab, in der sie betonten, aller Repression zum Trotz werden sie die Bewegung
weiterhin gemeinsam fortsetzen, und gegen das antidemokratische Vorgehen
protestierten. An der Marmara-Universität ist von "Spezial-Sicherheitskräften"
eine Liste aufgehängt worden, auf der die Namen der Studierenden aufgeführt
werden, die sich mit ihrer Unterschrift an der Kampagne beteiligt haben,
und die Betreffenden aufgefordert wurden, sich am 6. Januar in der Mensa
zu versammeln.
Studierenden-Antrag an UN
Kurdische Studierende und SchülerInnen aus dem Flüchtlingslager
Maxmur in Südkurdistan haben zur Unterstützung der Kampagne in
der Türkei 2700 Unterschriften gesammelt, die sie der Mittelost-Vertretung
der Vereinten Nationen zukommen liessen. (...)
5. Özgür Politika, 14. Januar 2002
Von sieben bis siebzig
Im Rahmen der Muttersprachen-Kampagne sind in Adana und Van Tausende
von Menschen auf die Strasse gegangen. In Istanbul haben ca. 50 Kinder
im Alter zwischen vier und zwölf eine Pressekonferenz durchgeführt.
MHA / ADANA / ISTANBUL / VAN
In Adana sind von der Demokratischen Volksinitiative in mehreren Stadtteilen
Aktionen zur Unterstützung der Muttersprachenkampagne durchgeführt
worden, auf denn ca. 1000 Personen gegen die Repression gegen HADEP und
die Festnahmen der Studierenden protestierten. (...) Mit Topfdeckelschlagen
wurden die Protestierenden von AnwohnerInnen unterstützt. Die Polizei
griff mehrmals ein und es kam zu mehreren Festnahmen. (...)
KINDER GEBEN ERKLÄRUNG AB
In Istanbul haben in der Gewerkschaftszweigstelle von Egitim-Sen in
Avcilar ca. 50 Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren eine Pressekonferenz
veranstaltet. Sprache sei eine grundlegende Daseinsbedingung einer Gesellschaft,
so betonten die Kinder: "Wir Kinder können unsere Auffassungskapazität
nur in unserer Muttersprache ausreichend nutzen. Deshalb gehört Sprache
zum Selbst des Kindes. Wir kurdische Kinder haben Probleme damit, uns auszudrücken,
weil wir keinen Unterricht in unserer eigenen Sprache haben. Deshalb fordern
wir als ein grundsätzliches Recht muttersprachlichen Unterricht."
Weiterhin erklärten die Kinder, die an den Universitäten begonnene
Kampagne zu unterstützen. Sie kündigten außerdem an, zivilgesellschaftliche
Organisationen besuchen zu wollen und ihre
MÜTTER FESTGENOMMEN
Gestern morgen um acht Uhr wurden in Istanbul-Esenler 20 Wohnungen
von der Polizei überfallen und 15 Frauen festgenommen. In Esenler
hatten die Familien kurdischer SchülerInnen bei der Ausbildungsbehörde
beantragt, dass ihre Kinder neben türkisch auch in ihrer Muttersprache
kurdisch unterrichtet werden. (...)
STUDIERENDE GEFOLTERT
In Van sind 13 Studierende verhaftet worden. Nach der Massenfestnahme
von 526 Studierenden am 9. Januar an der 100.Yil-Universität in Van,
wurde ein Teil am ersten Tag wieder freigelassen, die anderen gruppenweise
dem Staatsanwalt am Staatssicherheitsgericht (DGM) vorgeführt. (...)
Als Haftgrund wird "Unterstützung der PKK" angeführt. (...)
Wie die Studierenden mitteilten, haben sie der viertägigen Festnahmedauer
keine Nahrung bekommen, mussten ständig stehen und waren brutalen
Schlägen und Beleidigungen ausgesetzt. (...)
6. Yedinci Gündem - 15.01.02
Frauen wurden gehindert
BATMAN- Die Presseerklärung, die die Frauensektion der HADEP Batman
Provinz bezüglich dem Druck, der gegenüber ihrer Partei und den
Gesuchen nach muttersprachlichem Unterricht besteht, halten wollte, wurde
von der Polizei verhindert. Da das Parteigebäude von Panzern eingekesselt
wurde, musste die Presseerklärung im Gebäude gehalten werden.
In der Presseerklärung wurde ausgedrückt, dass der Druck den
Kampf um Demokratie nicht aufhalten könne.
Von den Morgenstunden an wurde das Parteigebäude von der Polizei
eingekesselt, wobei die Eingänge der Passage, in denen sich das Parteigebäude
befindet, versperrt und somit der Durchgang verboten wurde. Da das Parteigebäude
von Panzern eingekesselt wurde, haben ca. 250 Menschen, die sich draußen
ansammelten, das Verhalten der Polizei protestiert. Nachdem die sich im
Gebäude befindenden mit Parolen unterstützt wurden, hat die Polizei
die Massen zerstreut. Daraufhin haben die Massen Parolen wie „Es lebe der
Frieden“, „Der Druck kann und nichts anhaben“ und „Es lebe die Demokratische
Republik“ gerufen und sind auf das Parteigebäude zugegangen. Die Polizei
ließ die Sirenen der Panzer los um die Parolen der Massen zu überbieten
und ließ die Massen entfernen.
Die Vorsitzende der Frauensektion der HADEP Batman Provinz, Nuran Imir
las die Presseerklärung im Parteigebäude vor und gab an, dass
es keinen Grund gäbe, Angst vor den Gesuchen nach muttersprachlichem
Unterricht zu haben. „ Die Kampagne ‚Ich möchte Unterricht in meiner
Muttersprache’, die von Studierenden begonnen wurde, hat sich in kurzer
Zeit mit der Teilnahmen von SchülerInnen von Universitäten, Gymnasien
und Grundschulen in der ganzen Türkei ausgeweitet. Jedoch werden SchülerInnen
und manche anderen Sektoren mit Druck konfrontiert. Man sollte keine Angst
vor den demokratischen Forderungen von SchülerInnen haben. Dies wird
nicht zu der Teilung, sondern zu der Weiterentwicklung und zum Reichtum
des Landes führen. Wir finden es antidemokratisch, dass die SchülerInnen,
die ihre Gesuche abgeben, verhaftet werden und rufen die Zuständigen
dazu auf dies zu berücksichtigen.
7. Yedinci Gündem – 17.01.2002
Gesuchsaktion von Frauen in Tarsus
MERSIN- Im Bezirk Fahrettinpasa in Tarsus sind 20 Frauen zur Grundschule
Fahrettinpasa gegangen, um ihre Gesuche, die die Forderung nach dem Wahlfach
Kurdisch beinhalten, abzugeben. Die Frauen haben sind zur Schulleitung
gegangen, um ca. 40 Gesuche abzugeben. Der Schulleiter jedoch nahm diese
Gesuche nicht an und drohte den Frauen damit, die Polizei zu rufen. Die
Frauen gaben an, dass sie sich nicht von ihren Gesuchen abbringen lassen
werden und verließen die Schule. Die Polizei, die nachher in die
Schule kam hat das Umfeld sichergestellt.
Im Dumpulpinar Gymnasium, welches das größte Gymnasium der
Stadt Mersin ist, haben ca. 60 SchülerInnen um 12:30 Uhr am Schulausgang
eine Aktion zur Unterstützung der Kampagne „Ausbildung in der Muttersprache“
gestartet. Die SchülerInnen, die Parolen wie „Wir wollen Unterricht
in unserer Muttersprache“ und „Kurdischer Unterricht ist unser Recht“ geworfen
haben, haben sich nachdem die Polizei kam aufgelöst. Die Polizei hat
das Umfeld der Schule sichergestellt.
8. Özgür Politika - 17. Januar 2002
Jugend ist Stimme unseres Herzens
MHA / MAXMUR
Der Frauen-Stadtrat von Maxmur [Flüchtlingslager in Südkurdistan]
hat im Namen der im Lager lebenden Frauen eine schriftliche Erklärung
abgegeben, in der zur Unterstützung und Teilnahme an der Muttersprachen-Kampagne
aufgerufen wird.
In der Erklärung heißt es: "Die wissen, welch tödliche
Wirkung die Identitätslosigkeit auf das Menschenleben hat; die wissen,
wie Hoffnung und Würde dadurch zunichte gemacht werden; die den Schmerz
kennen; die sich und anderen ins Bewusstsein rufen, dass diese seelische
Zerrissenheit zu Kapitulation, Verrat und Wertverlust führt - die
leben den Kampf um Identität und Würde auf prachtvolle Weise.
Weiter teilen die Maxmur-Frauen in der Erklärung mit, dass sie als
kurdische Frauen und Mütter genau wissen, welch verfluchte und niederschmetternde
Auswirkung die jahrelange Verleugnung gehabt habe. Aus diesem Grund betrachteten
sie es als einziges Lebensmotiv, jeden Preis zu zahlen und alles zu geben,
um den verlorenen Werten zu neuer Existenz zu verhelfen. Bis heute seien
ihre Tage sehr schmerzvoll gewesen, so die Erklärung. "Jetzt ist die
jüngste Generation unsere Hoffnung. Unsere jungen Töchter und
Söhne, die unser Wehklagen niemals vergessen werden, erheben ihre
beherzten Stimmen im Morgenlicht der Identität zur Stimme unserer
Herzen, zum Mutterrecht." Diese Stimmen bereiteten jeder Art von Zerrissenheit
ein Ende, erklärten die Frauen, die weiterhin ihre unendliche Unterstützung
betonten. "Wir teilen mit, dass wir an euer Seite stehen, indem wir unsere
Kinder in ihrer Muttersprache großziehen, uns gleichgültig welchen
Alters an der Alphabetisierungskampagne beteiligen und uns selbst ausbilden.
Wir rufen alle zur Beteiligung an der Kampagne auf." Im Flüchtlingscamp
Maxmur in Südkurdistan leben ungefähr 5000 Frauen.
9. Yedinci Gündem - 09.02.2002
‚Spracheneinheit’ von den Müttern
Die Erziehungsberechtigten, die möchten, dass ihre Kinder in ihrer
Muttersprache unterrichtet werden, sind unter dem Namen „Familien, die
Kurdische Ausbildung und Unterricht fordern“ zusammengekommen. Die Erziehungsberechtigten
sagten, dass sie trotz aller Hindernisse weiterhin dafür kämpfen
werden, dass Unterricht in der kurdischen Sprache eingeführt wird.
Die Gesuche und Aktionen der Kampagne für muttersprachlichen Unterricht
dauern an.
Die Unterrichtskampagne, die in den Universitäten anfing und auch
in den Gymnasien und Grundschulen von den SchülerInnen und Erziehungsberechtigten
unterstützt wird, wächst immer weiter an. Die Erziehungsberechtigten,
die bis jetzt mehrere Tausend Gesuche abgaben und an mehreren Orten mit
Verhaftungen konfrontiert wurden, organisieren sich nun. Am 7. Januar sind
die Erziehungsberechtigten in der Istanbuler Sektion des Menschenrechtsvereins
zusammengekommen und haben erklärt, dass sie von nun an unter dem
Namen „Familien, die Kurdische Ausbildung und Unterricht fordern“ ihre
Tätigkeiten betreiben werden. Außerdem haben sie gefordert,
dass die Hindernisse vor muttersprachlichem Unterricht aufgehoben werden.
Resul Serihan, der im Namen der Erziehungsberechtigten sprach, gab an,
dass die Forderung nach der Muttersprache nichts mit der Teilung des Landes
zu tun hätte. „Jegliche Hindernisse vor der Freiheit der Muttersprache
müssen aufgehoben werden. Ein Leben ohne Verbote, ohne Druck, voller
Kultur muss geschaffen werden. Unsere Kinder müssen das Recht dazu
haben, ihre Muttersprache ohne Angst erlernen zu können.“
In den Stunden, in denen die Erziehungsberechtigten ihre Erklärung
hielten, wurde eine Gruppe Gymnasiasten, die ihre Gesuche um Kurdisch als
Wahlfach beim Nationalen Bildungsministeriums von Istanbul abgeben wollten,
von der Polizei angegriffen. 9 von den Gymnasiasten wurden verhaftet.
10. Yedinci Gündem – 01.03.2002
Polizeiliches Hindernis bei Unterstützungsbesuch
ISTANBUL- Eine Gruppe von Frauen, die die Frauen besuchen wollten, die
nachdem sie ihre Gesuche für Kurdischen Unterricht beim Nationalen
Bildungsministerium abgegeben hatten, verhaftet und ins Bakirköy Frauengefängnis
gebracht worden sind, wurden von der Polizei gehindert.
150 Frauen von verschiedenen Frauenorganisationen kamen vor dem Frauengefängnis
von Bakirköy zusammen, um den Frauen, die wegen ihrer Gesuche um kurdischen
Unterricht im Gefängnis sind, wegen dem 8. März Blumen zu überreichen.
Jedoch wurde dies durch die Polizei, die große Sicherheitsmaßnahmen
bereitete, verhindert. Die Frauen, die das Verhalten der Polizei protestierten,
verließen den Gefängnisvorplatz ohne die Gefangenen besuchen
zu dürfen.
Bei der schriftlichen Presseerklärung, die im Namen von 24 Zivilen
Gesellschafts-organisationen, Vereinen und Frauenorganisationen gemacht
wurde, hieß es: „Wir unterstützen die Forderung nach Unterricht
in der Muttersprache als eine kulturelle und demokratische Forderung. Wir
verlangen von der Regierung, dass diese Zurücksetzung beendet wird.
Außerdem verurteilen wir das willkürliche Verhalten der Polizei
und beglückwünschen den gefangenen Frauen den 8. März.“
11. Yedinci Gündem – 16.03.2002
Mutter, Sprache und Kinder...
Adana / Diyarbakir. Sie wollten, dass ihre Kinder in der Sprache sprechen,
die sie kennen, und sie klopften mit ihren vorbereiteten Gesuchen an die
Türen der zuständigen Stellen. Sie hatten zuhause Kinder, und
sie trugen Kinder in ihren Bäuchen. Dann mussten sie ins Gefängnis.
Jetzt zählen sie im Gefängnis die Tage bis zur Geburt. Fatma
Azkut, Zehra Beyav und Sakine Beyav. Die drei Mütter gingen am 17.
Januar zur Nationalen Erziehungsbehörde, um die Gesuche einzureichen.
Aber jeder, der kurdisch fordert, ist von der PKK, und jeder, der sich
mit einer solchen Forderung konfrontiert sieht, betrachtet sich selbst
als mindestens ebenso zuständig wie die Polizei und Staatsanwaltschaft.
Der Behördenleiter benachrichtigte die Polizei, die die Frauen festnahm.
Der Staatsanwalt sprach Haftbefehl aus und schickte sie ins Gefängnis.
Aber diese Frauen waren schwanger und ließen 14 Kinder zurück.
Eine der Frauen, Fatma Aykut, war im neunten Monat. Ihre Schwiegermutter
Ayse Aykut hatte das Gesuch gemeinsam mit ihr eingereicht. Als sie ihre
Schwiegertochter im Gefängnis besuchte, erzählte diese, dass
sie Schmerzen habe. "Wir haben gemeinsam vor dem DGM ausgesagt, aber Fatma
wurde verhaftet, obwohl sie schwanger ist. Warum sie mich nicht verhaftet
haben, habe ich immer noch nicht verstanden." Jetzt kümmert sie sich
um die zurückgebliebenen Kinder. "Aber ich kann mich nicht um sie
kümmern, sie sollen meine Schwiegertochter freilassen." Es sieht jedoch
so aus, dass noch vor der bevorstehenden Hauptverhandlung ein Baby im Gefängnis
geboren werden wird. Das gleiche gilt für Zehra Beyav. Ihre Schwiegermutter
und ihr Mann machen Arbeitsteilung. Ihr Mann passt nachts auf die Kinder
auf, ihre Schwiegermutter tagsüber. 14 weitere Erziehungsberechtigte,
die am gleichen Tag Gesuche eingereicht haben und gegen die ein Verfahren
eröffnet worden ist, sind am 13. März freigesprochen worden.
In Batman ist gegen zehn Erziehungsberechtigte, die am 22. Januar festgenommen
worden waren, als sie Gesuche einreichen wollten, ein Verfahren eingeleitet
worden. Vier von ihnen befinden sich in Haft. (...) In der Anklageschrift
heißt es, sie seien mit Anträgen "erwischt" worden, in denen
es hieß: "Als eine Mutter möchte ich, dass mein Kind Kurdischunterricht
erhält. Hochachtungsvoll...". Es wird gemäss Artikel 169 und
3713 Strafgesetzbuch eine Strafe bis zu sieben Jahren gefordert.
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