"Kurdischsprachiges Lehren und Lernen" in der Türkei und in den kurdischen
Regionen
'Muttersprache ist Existenzvoraussetzung'
und 'Begrenzung unserer Sprache bedeutet Begrenzung unserer Welt' - das
sind die Parolen, mit denen kurdische Studierende aufgebrochen sind, um
ihre Forderung nach Einführung von Kurdisch als Wahlfach an den Universitäten
durchzusetzen. Der Startschuss zur Kampagne wurde am 20. November 2001
in Istanbul gegeben. Die Studierenden, die seit zuvor zwei Monaten unter
dem Namen "Initiative kurdischer Studierender für kurdischsprachige
Ausbildung" aktiv waren, überreichten dem Rektor der Istanbul-Universität
ein von 200 Studierenden unterschriebenes Gesuch, in dem daran erinnert
wird, dass muttersprachlicher Unterricht ein Recht ist, das auch die Türkei
im Rahmen internationaler Abkommen unterschrieben hat, und die Einführung
von Kurdisch als Wahlfach gefordert wird.
MUTTERSPRACHE UND FRIEDEN
Im Anschluss gab die Initiative im Menschenrechtsverein
IHD eine Presseerklärung ab, die sowohl auf kurdisch als auch auf
türkisch verlesen wurde. In der Erklärung verwiesen die Studierenden
auf die aktuellen Diskussionen zu kurdischsprachiger Ausbildung und Medien.
Um einen demokratischen Beitrag zur Aufhebung der bestehenden Sprachverbote
zu leisten, hätten sie die Kampagne für kurdischsprachiges Lehren
und Lernen begonnen. Muttersprache sei eine menschliche Existenzvoraussetzung,
so wurde in der Erklärung betont. Weiterhin wurde auf Untersuchungen
verwiesen, nach denen aufgezwungener Unterricht und Leben in einer Fremdsprache
zu Anpassungsproblemen, Verlust- und Misserfolgsgefühlen, Beziehungsstörungen
und Depressionen führen. "Aus diesen Problemen resultiert die Unfähigkeit,
ein für die Gesellschaft nützliches, produktives Individuum zu
werden. Die Nichtanerkennung der Sprache, Kultur und Geschichte eines Volkes,
die Behinderung einer Entwicklung auf diesen Gebieten, führt zum Verschwinden,
zur Vernichtung eines Volkes und einer ungesunden Entwicklung der Gesellschaft.
Von einem Individuum, das in einer solchen Gesellschaft aufwächst,
kann nicht erwartet werden, dass es sich selbst und der Gesellschaft Nutzen
bringt. Des weiteren führt eine solche Herangehensweise zu Separatismus
in der Gesellschaft, zu geistiger und seelischer Zersplitterung und Gewalt.
Damit wird die Möglichkeit einer gemeinsamen Bewegung für sozialen
Frieden und allgemeingesellschaftlichen Nutzen verbaut. Muttersprache macht
einen großen Bestandteil der Existenz eines Menschen aus, ist ein
wichtiges Mittel, um stabile soziale Beziehungen aufzubauen und ein wesentlicher
Faktor in der Sozialisierung des Menschen als ein produktives und denkendes
Individuum, das sich selbst und die Gesellschaft weiterentwickelt."
KAMPAGNE WEITET SICH TROTZT REPRESSION RASCH
AUS
SOLIDARITÄTSVERANSTALTUNGEN:
Nach einer kurzen Zeit haben sich StudentInnen
verschiedener Universitäten und GymnasialschülerInnen sowie Schüler
der Mittel- und Grundschule sich dieser Kampagne angeschlossen. Auch Eltern
haben diese Kampagne mit ihren Anträgen aufgegriffen.
In verschiedenen Städten kam es zu Solidaritätsveranstaltungen.
So organisierte am 25. 11. 2001 in Batman die HADEP-Jugend eine Veranstaltung
zum Thema "Demokratie und kulturelle Rechte".
Auch an der Inönü-Universität
in Malatya fand zur Unterstützung der Kampagne eine HADEP-Veranstaltung
unter dem Titel "Sprache, Muttersprache und muttersprachlicher Unterricht"
statt, an der außerdem Mitglieder der Gewerkschaft Egitim Sen und
Studierendenvertreter als RednerInnen auftraten.
In Istanbul gab die "Patriotische Jugend
an Gymnasien" eine Solidaritätserklärung ab. Am 28. 11. 2001
wurde die Kampagne an Universitäten in Izmir und Adana mit verschiedenen
Veranstaltungen unterstützt.
In Istanbul sind die Unterschriften von 150
Studierenden der medizinischen Fakultät vom Hochschulrektor zurückgewiesen
worden.
Die Diskussion um kurdischen Unterricht ist
auch auf das Parlament übergegriffen. Der ANAP-Abgeordnete von Diyarbakir,
Abdülbaki Erdogmus, äusserte in einer Rede im Parlament, es handele
sich um eine Schande, dass das Recht auf muttersprachlichen Unterricht
verwehrt werde. In der Türkei werde Gedankenfreiheit und muttersprachlicher
Unterricht als Verbrechen gewertet. "Wie lange wird sich die Türkei,
die ihre Zukunft in Europa sieht, noch sträuben?" fragte Erdogmus,
und fuhr fort: "Solange wir nicht die notwendigen Schritte zum Thema Gedanken-,
Glaubens- und Ausdrucksfreiheit unternehmen, handeln wir gegen die Kopenhagener
Kriterien."
Weitere 325 Anträge, die an der Mustafa-Kemal-Universität
zusammen gekommen sind, sind im Rektorat von Studierenden übergeben
worden.
YÖK DROHT MIT STRAFE:
In einem Schreiben des Exekutivausschusses
des Hochschulrates (YÖK) wird gefordert, Studierende, die Anträge
mit der Forderung nach Kurdischunterricht einreichen oder sich an dementsprechenden
Forderungen beteiligen, mit Universitätsausschluss zu bestrafen. In
der vom YÖK-Vorsitzenden Kemal Gürüz unterzeichnenden Entscheidung
heißt es, bei der 'Muttersprachen-Kampagne' handele es sich um einen
Teil der Aktionen des 'zivilen Ungehorsams' der PKK. Der YÖK-Beschluß
resultiere aus einem Befehl des Nationalen Sicherheitsrates (MGK). Bei
den Forderungen handele es sich nicht um das "Vorgehen unschuldiger Individuen".
Deshalb gelte der Beschluss, gegen sich "bewusst und gewollt" an den Aktionen
beteiligende Studierende Untersuchungen einzuleiten und gegen für
schuldig Befundene die Artikel 9 und 10 der YÖK-Studentendisziplins-Satzung
anzuwenden. Diese Artikel sehen die Entfernung für ein oder zwei Semester
oder den Rauswurf von Studierenden vor, die die "Ruhe und Ordnung stören
und separatistische Aktionen durchführen".
ELTERNVERTRETERINNEN AKTIV BEI DER KAMPAGNE:
ElternvertreterInnen in Batman, Van und Istanbul
stellen Anträge auf die Einführung von Kurdisch-Unterricht an
Grundschulen bei der Nationalen Ausbildungs-Direktion.
In Adana versammelten sich hundert ElternvertreterInnen
mit ihren Kindern vor dem Landratsamt Seyhan, um 118 Anträge mit der
Forderung nach Kurdisch als Wahlfach abzugeben. Die Polizei kesselte die
Gruppe ein. Nachdem Vertreter des Landratsamtes eingewilligt hatten, dass
die gesammelten Anträge von zwei Personen abgegeben werden können,
wollten die ElternvertreterInnen das Gebäude betreten. Die an der
Tür wartenden Polizisten gaben sich als Mitarbeiter des Landratsamtes
aus, beschlagnahmten die Anträge unter Anwendung von Gewalt und drängten
die ElternvertreterInnen zurück.
In Van wurden 15 ElternvertreterInnen, die
sich mit der Forderung nach Kurdisch-Unterricht an die Nationale Ausbildungsdirektion
gewandt hatten, festgenommen.
In Istanbul-Bagcilar überfiel die Polizei
die Wohnungen von ElternvertreterInnen, die letzte Woche Anträge gestellt
hatten. Wie bekannt wurde, übte die Polizei Druck aus und spricht
Drohungen aus, um die Eltern zur Rücknahme ihrer Forderung zu bewegen.
In Batman wurden von 60 ElternvertreterInnen, die Anträge an die Nationale
Erziehungsdirektion gestellt hatten, acht bei Wohnungsrazzien festgenommen.
Fünf von ihnen wurden freigelassen, drei befinden sich nach wie vor
in Polizeigewahrsam.
In Siirt wurde die Abgabe von knapp 100 Anträgen
von der Polizei verhindert.
YILDIZ POLAT VERHAFET:
Yildiz Polat, Jura-Studentin der Istanbul-Universität
ist mit der Begründung "Mitgliedschaft in der Jugendorganisation der
PKK" im Frauen- und Kindergefängnis Bakirköy inhaftiert worden.
Die Studierenden der Istanbul-Universität gaben daraufhin eine Erklärung
ab, in der sie betonten, aller Repression zum Trotz werden sie die Bewegung
weiterhin gemeinsam fortsetzen, und gegen das antidemokratische Vorgehen
protestierten.
„WANDET“ – LISTE VERHÄNGT:
An der Marmara-Universität ist von "Spezial-Sicherheitskräften"
eine Liste aufgehängt worden, auf der die Namen der Studierenden aufgeführt
werden, die sich mit ihrer Unterschrift an der Kampagne beteiligt haben,
und die Betreffenden aufgefordert wurden, sich am 6. Januar in der Mensa
zu versammeln.
526 FESTNAHMEN IN VAN:
In Van sind an der 100. Yil-Universität
2500 gesammelte Anträge auf muttersprachlichen Unterricht beim Rektorat
abgegeben worden. 526 Studierende wurden festgenommen. Bereits zuvor waren
an der 100. Yil-Universität Anträge auf muttersprachlichen Unterricht
gestellt worden. Am 9. 1. 2002 wurden 2500 Anträge gesammelt beim
Rektorat eingereicht. Die dort Beschäftigten erklärten gegenüber
den StudierendenvertreterInnen, dass nur Einzelanträge angenommen
werden. Daraufhin versammelten sich ca. 800 Studierende vor dem Rektoratsgebäude,
um einzeln Anträge zu stellen. 2000 bereits seit den frühen Morgenstunden
bereitstehende Soldaten intervenierten mit Panzern. 526 Studierende wurden
in neun Autobussen zur Jandarma-Kommandantur gebracht. Dort wurden ihnen
Fingerabdrücke abgenommen und das staatsanwaltschaftliche Verhör
vorbereitet.
Die Studierenden teilten mit, dass sie ihre
Aktionen für muttersprachlichen Unterricht heute und morgen fortsetzen
werden. Trotz gerade stattfindender Prüfungen sei das Interesse an
der Initiative sehr hoch. Die Repression könne sie nicht einschüchtern.
Weiterhin erklärten die Studierenden, dass die 2500 Anträge,
die vom Rektorat nicht angenommen wurden, an Staatspräsident, Ministerpräsident
und Parlamentspräsidenten gefaxt werden.
ES WIR KURDISCH GESPROCHEN:
Van ist eines der wichtigen Zentren der Muttersprachen-Kampagne.
Am 9. Januar 2002 hat eine neue Aktionsform an den Schulen begonnen: Für
drei Tage wird an allen Schulen Vans für drei Tage ausschliesslich
kurdisch gesprochen. SchülerInnen, die kein kurdisch können,
werden aus Solidarität im Unterricht überhaupt nicht sprechen.
SOLIDARITÄT MIT TOPFDECKELSCHLÄGEN:
In Adana sind von der Demokratischen Volksinitiative
in mehreren Stadtteilen Aktionen zur Unterstützung der Muttersprachenkampagne
durchgeführt worden, auf denn ca. 1000 Personen gegen die Festnahmen
der Studierenden und die Repression gegen HADEP: Mit Topfdeckelschlagen
wurden die Protestierenden von AnwohnerInnen unterstützt. Die Polizei
griff mehrmals ein und es kam zu mehreren Festnahmen.
KINDER GEBEN ERKLÄRUNG AB:
In Istanbul haben in der Gewerkschaftszweigstelle
von Egitim-Sen inAvcilar ca. 50 Kinder im Alter von vier bis zwölf
Jahren eine Pressekonferenz veranstaltet. Sprache sei eine grundlegende
Daseinsbedingung einer Gesellschaft, so betonten die Kinder: "Wir Kinder
können unsere Auffassungskapazität nur in unserer Muttersprache
ausreichend nutzen. Deshalb gehört Sprache zum Selbst des Kindes.
Wir kurdische Kinder haben Probleme damit, uns auszudrücken, weil
wir keinen Unterricht in unserer eigenen Sprache haben. Deshalb fordern
wir als ein grundsätzliches Recht muttersprachlichen Unterricht."
JUGEND AUF DEN BEINEN:
Allen Behinderungen und Verhaftungen zum
Trotz haben Jugendliche in Van ihre Forderungen nach muttersprachlichem
Unterricht intensiviert. In vielen verschiedenen Stadtteilen wurden Feuer
angezündet und getanzt. Unter den Parolen, "Wir fordern unsere Sprache"
und "Die Repression kann uns nicht einschüchtern" setzten sie sich
anschließend zu einer Demonstration in Bewegung.
MÜTTER FESTGENOMMEN:
In Istanbul-Esenler wurden 20 Wohnungen von
der Polizei überfallen und 15 Frauen festgenommen. In Esenler hatten
die Familien kurdischer SchülerInnen bei der Ausbildungsbehörde
beantragt, dass ihre Kinder neben türkisch auch in ihrer Muttersprache
kurdisch unterrichtet werden.
DREI VERHAFTUNGEN:
In Kars wurden drei BerufsschülerInnen
wegen "Unterstützung der PKK" verhaftet. Mit der Begründung,
sie würden SchülerInnen für die Muttersprachen-Kampagne
organisieren, waren am 10. Januar bei Wohnungsrazzien acht SchülerInnen
festgenommen worden, von denen fünf freigelassen wurden.
In Erzurum werden Studierende, die im Rahmen
der Muttersprachen-Kampagne 200 Unterschriften gesammelt hatten, von Faschisten
und Polizei gemeinsam unter Druck gesetzt. Die Studierenden teilten mit,
dass sie seit einer Woche ständig verfolgt werden und vier Studenten
durch Schläge schwer verletzt wurden.
STUDIERENDE GEFOLTERT:
In Van sind 13 Studierende verhaftet worden.
Nach der Massenfestnahme von 526 Studierenden am 9. Januar an der 100.Yil-Universität
in Van, wurde ein Teil wieder freigelassen, die anderen gruppenweise dem
Staatsanwalt am Staatssicherheitsgericht (DGM) vorgeführt.
Wie die Studierenden mitteilten, haben sie
der viertägigen Festnahmedauer keine Nahrung bekommen, mussten ständig
stehen und waren brutalen Schlägen und Beleidigungen ausgesetzt.
STUDIERENDEN-ANTRAG AN UN
Kurdische Studierende und SchülerInnen
aus dem Flüchtlingslager Maxmur in Südkurdistan haben zur Unterstützung
der Kampagne in der Türkei 2700 Unterschriften gesammelt, die sie
der Mittelost-Vertretung der Vereinten Nationen zukommen liessen.
UNTERSUCHUNGSKOMISSION` GEGEN MUTTERSPRACHE
Die Leitung der Anadolu-Universität
in Eskisehir hat eigens für die 300 Studierenden, die am 14. Dezember
2001 Anträge auf Kurdisch als Wahlfach eingereicht hatten, eine Kommission
eingerichtet, die mit Disziplinar-Untersuchungen begonnen hat. Die Studierenden
wurden dazu aufgefordert, am 18. Januar ihre Aussagen abzugeben. Dazu erklärten
die Betroffenen, die Untersuchung entbehre jeglicher gesetzlicher Grundlage:
"Es ist schwer, den Sinn einer Untersuchung aufgrund eines Antrages zu
begreifen, der in keinster Weise ein Vergehen beinhaltet."
In Ankara ist von 16 Studierenden, die an
der Hacettepe-Universität einen Antrag auf Kurdisch-Unterricht gestellt
hatten und vor das Staatssicherheitsgericht (DGM) gestellt worden waren,
einer nach Paragraph 169 [Unterstützung einer terroristischen Organisation]
verhaftet und ins Gefängnis überstellt worden.
Von den 300 Studierenden, die bei der zweiten
großen Verhaftungswelle an der 100.Yil-Universität in Van festgenommen
worden waren, befinden sich 17 nach wie vor in Gewahrsam.
In Hakkari wurde vom Gouverneur am 14. Januar
eine Versammlung mit allen Schuldirektoren durchgeführt, auf der gefordert
wurde, Druck gegen SchülerInnen auszuüben, um eine Beteiligung
an der Kampagne zu verhindern. Wie SchülerInnen des Gymnasiums in
Hakkari mitteilten, seien sie von LehrerInnen mit Schulverweis bedroht
worden, damit sie keine Anträge einreichen.
Desweiteren sollen SchülerInnen, die
sich bei einer vor drei Tagen im HADEP-Gebäude in Hakkari durchgeführten
Razzia dort befunden haben, von ihrem Schuldirektor mit folgenden Worten
bedroht worden sein: "Entweder ihr gebt ein paar Namen aus dem Parteivorstand
an und sagt, diese hätten euch mit Gewalt zur Partei gebracht, oder
ihr werdet von der Schule geworfen."
In Istanbul dauert die Festnahme von Elternvertretern,
die Anträge auf Kurdisch-Unterricht für ihre Kinder gestellt
hatten, weiter an. Ihre Festnahmedauer wurde bis zum 17. Januar verlängert.
Sie werden auf der Anti-Terror-Abteilung verhört. Die ElternvertreterInnen
waren vor zwei Tagen bei Wohnungsrazzien festgenommen worden.
TÜRKISCHER INNENMINISTER ERLÄSST
ANWEISUNG
Der türkische Innenminister Rustu K.
Yücelen hat nun in einer Anweisung an das Nationale Bildungsministerium,
an die Gouverneure und an die Gendarmerie in 81 Städten die strickte
Ablehnung der Anträge der Schüler angeordnet. In der Anweisung
heißt es, die Kampagne für muttersprachlichen Unterricht habe
damit begonnen, dass 24 Eltern in Dezember einen Antrag mit den folgenden
Satz gestellt hätten: „Wir fordern für unsere Kinder muttersprachlichen
Unterricht neben dem Türkischen“. Deshalb sei diese Initiative als
eine separatistische Aktion zu bewerten und folglich alle AntragsstellerInnen
zu verhaften.
UNTERSTÜTZUNGEN VON ÜBERALL
Neben der Demokratischen Partei des Volkes
(HADEP), Menschenrechtsverein (IHD), Verein der Vertriebenen (Göc-Der),
Friedensmutterinitiative, Dicle Frauenzentrum, der Gewerkschaft KESK,
DISK und TÜRK Is sowie der Anwaltskammer und Beamtengewerkschaft erhielten
die StudentInnen auch Unterstützung von der Union der Architekten-
und Ingenieurskammern der Türkei (TMMOB). Sevket Akdemir als TMMOB-Vertreter
von Van sprach vergangene Woche auf zwei verschiedenen Regionalkongressen
der Kampagne seine Unterstützung aus und erklärte, die Kulturenvielfalt
sei ein positiver Beitrag für die Türkei.
Auch von einer großen Anzahl von Intellektuellen
und Schriftstellern, darunter Yasar Kemal wird die Kampagne unterstützt.
Am 8. Januar 2001 fand im IHD Istanbul eine Pressekonferenz statt, an der
sich Cezmi Ersöz (Künstler und Schriftsteller), Feqi Hüseyin
Sagnic (Sprachwissenschaftler), Celal Baslangic (Journalist), Niyazi Bulgan
(Anwalt bei TOHAV), Sevil Erol (KESK-Vorsitzender), Hatice Coban (MKM-Vorstand),
Harun Ece (für die Studierenden-Initiative) sowie Ragip Zarakolu (Kommentator
von ÖZGÜR POLITIKA) beteiligten. Die Istanbuler IHD-Vorsitzende
Eren Keskin verlas die Presseerklärung, in der darauf aufmerksam gemacht
wurde, dass die Studierenden, die sich an der Kampagne beteiligen, von
der Universitätsleitung weiter unter Druck gesetzt werden. Es sei
zu vielen Festnahmen und vier Verhaftungen gekommen, so Keskin. Die inhaftierten
Studierenden seien in Polizeigewahrsam gefoltert worden. Weiter betonte
Keskin, dass die Kampagne von einer grossen Anzahl von Intellektuellen
unterstützt werde, die jedoch nicht alle an der Pressekonferenz hätten
teilnehmen können. Auch Yasar Kemal unterstütze die Kampagne.
Bei den Intellektuellen, SchriftstellerInnen
und KünsterlerInnen, die der Kampagne ihre Unterstützung ausgesprochen
haben, handelt es sich um: Yasar Kemal, Cezmi Ersöz, Ragip Zarakolu,
Sevil Erol, Celal Baslangic, Aydin Sayman, Ferzende Kaya, Umay Umay, Ayse
Düzkan, Osman Bas, Ziya Ozanlar, Ismail Göldas, Osman Özcelik,
Mahmut Sakar, M. Salih Yildiz, Erol Emerle, Gülsüm Cengiz, Metin-Kemal
Kahraman, Münir Ceylan, A. Melik Firat, Sanar Yurdatapan, Yusuf Cetin,
Nebile Irmak Cetin, Sunay Akin, Ragip Duran, Mülazim Özcan, Sükrü
Erbas, Helim Yusiv, Firat Ceweri, Arjen Ari, Renas Jiyan, Rodi Zerya, Kawa
Nemir, Lal Lales, Cihan Roj, Irfan Amida, Berken Bereh, Ehmed Hüseyini
sowie im Namen der MKM-Filmgruppe Kazim Öz. (...)
EINIGE PRESSEBERICHTE
Salzburger Nachrichten, 18.1.2002
Kampf gegen Kurdisch
Ankara reagiert hart auf Bildungs-Aktion
ISTANBUL (SN, dpa). Die Türkei reagiert
mit Härte auf die an vielen Schulen und Universitäten erhobene
Forderung nach Unterricht auf Kurdisch. Innenminister Yücelen wies
die Gouverneure der 81 Provinzen am Donnerstag an, Verfassungsverstöße
nicht zu dulden. Die "Kampagne" sei aus dem Ausland gesteuert und Teil
der neuen politischen Strategie der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans
(PKK), zivilen Ungehorsam zu leisten.
Drei Jahre nach der Festnahme des PKK-Führers
Abdullah Öcalan hat das Kurden-Problem damit neue politische Brisanz
gewonnen. An Universitäten in Ankara, Istanbul und anderen türkischen
Städten waren in den vergangenen Wochen wegen Unterschriftenlisten
für kurdischen Unterricht zahlreiche Personen festgenommen worden.
Laut Zeitungsberichten vom Donnerstag sitzen seither 27 Studenten wegen
Propaganda für eine terroristische Organisation in Untersuchungshaft.
Sindelfinger, Böblinger Zeitung, 18.1.2002
(?)
Türkei duldet kein Kurdisch in Schulen
Istanbul (dpa) - Die Türkei reagiert
mit Härte auf die an zahlreichen Schulen und Universitäten erhobene
Forderung nach Unterricht auf Kurdisch.
Innenminister Rüstü Kazim Yücelen
wies die Gouverneure der 81 Provinzen am Donnerstag an, Verfassungsverstöße
nicht zu dulden. Die ¸¸Kampagne'' sei aus dem Ausland gesteuert
und Teil der neuen politischen Strategie der verbotenen Arbeiterpartei
Kurdistans (PKK), zivilen Ungehorsam zu leisten.
Drei Jahre nach der Festnahme des PKK-Führers
Abdullah Öcalan hat das Kurden-Problem damit neue politische Brisanz
gewonnen. Die Kämpfe zwischen PKK-Mitgliedern und Sicherheitskräften
in Südostanatolien sind seit der Verhängung der Todesstrafe gegen
Öcalan weit gehend abgeflaut. Der PKK-Chef sitzt seither im Gefängnis.
An Universitäten in Ankara, Istanbul
und anderen türkischen Städten waren wegen Unterschriftenlisten
für kurdischen Unterricht zahlreiche Personen festgenommen worden.
Basler Zeitung, 19.1.2002
Kurdisch? - Eine ausländische Kampagne!
Die Türkei reagiert mit Härte auf
sich in jüngster Zeit häufende
Forderungen nach Unterricht in Kurdisch
In den letzten Tagen haben in der ganzen Türkei
über 10 000 Schüler, Studenten und Eltern Gesuche eingereicht,
in denen Unterricht in ihrer Muttersprache, das heisst in Kurdisch, gefordert
wird. Wie aus einer Liste in der Zeitung «Radikal» hervorgeht,
wurden die meisten Anträge erst gar nicht angenommen. Stattdessen
gingen die Behörden gegen die Antragsteller vor. 75 von ihnen wurden
bisher in Haft genommen, gegen sie soll Anklage wegen Unterstützung
einer terroristischen Vereinigung erhoben werden. Zahlreiche weitere wurden
festgenommen und zum Teil wieder freigelassen. Auch ihnen droht eine Anklage
wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.
Nicht nur Polizei und Strafverfolgungsbehörden
gehen gegen die Antragsteller vor. Die Marmara-Universität in Istanbul
bestellte letzte Woche 200 Studenten, die Gesuche um muttersprachlichen
Unterricht eingereicht hatten, kurzerhand ein. Barsch wurden sie gefragt,
ob sie sich das selber ausgedacht hätten und ob sie noch dazu stünden.
Als sie die Universität verlassen wollten, wurden sie von rechten
Schlägern überfallen. Vorher waren die Namen der Antragsteller
von der Verwaltung öffentlich ausgehängt worden. Anfang des Monats
gingen die Behörden auch gegen die Verteilung von Kalendern mit Monatsnamen
in Türkisch, Englisch und Kurdisch vor. In den Städten Hakkari
und Van sollen deshalb ebenfalls mehrere Verteiler wegen Unterstützung
einer terroristischen Vereinigung angeklagt werden. Im November hatte ein
Verwaltungsgericht in Ankara das Verbot der Aufführung des Theaterstückes
«Die Republik der Verrückten» in kurdischer Sprache bestätigt.
Die Behörden sehen hinter den Anträgen
auf muttersprachlichen Unterricht ebenso wie hinter den Kalendern eine
von der PKK aus dem Ausland gesteuerte Kampagne. Als Beweis verweisen sie
auf 22 kurdische Eltern in Istanbul, die kurdischen Unterricht für
ihre Kinder in der Grundschule verlangt hatten. Es habe sich herausgestellt,
dass die meisten dieser Eltern gar nicht schreiben könnten, das heisst
die Anträge nicht selbst geschrieben hätten. Ausserdem seien
bei Hausdurchsuchungen Bilder des gefangenen PKK-Chefs Abdullah Öcalan
und Schriften der PKK gefunden worden.
Immer neue Verbote
In einem Rundschreiben an die Gouverneure
und die Gendarmerie wies Innenminister Rüstüm Kazim Yücelen
darauf hin, dass nach der Verfassung nur Unterricht in Türkisch erlaubt
sei. Die Anträge gehörten zu einer Kampagne der PKK zum zivilen
Ungehorsam. Mit dem Verweis auf die PKK bügelt die Türkei normalerweise
Wünsche nach mehr Freiheiten zum Gebrauch des Kurdischen ab. Andrerseits
werden in der Türkei legale Organisationen, die sich für solche
Rechte einsetzen, immer wieder verboten. In Kürze wird wieder mit
einem solchen Verbot gerechnet, diesmal gegen die Partei der Volksdemokratie
(Hadep). Ihr wird vorgeworfen, ein Zentrum für separatistische Aktionen
zu sein. Unter diese fallen dann eben auch Forderungen wie die oben genannte.
EU-Annäherung wird gestört
Diesmal ist die Situation für die Türkei
aber besonders prekär, denn man will in diesem Jahr grosse Fortschritte
bei der Annäherung an die EU machen. Unter den zu erfüllenden
Kriterien befindet sich auch die Forderung nach muttersprachlichem Unterricht
für Minderheiten. Nun ist man sich in Ankara gar nicht so sicher,
ob die Kurden eine Minderheit darstellen oder nicht. Es ist fraglich, ob
man damit in Brüssel durchkommt.
Auswirkungen könnten die Vorfälle
auch auf die angestrebten Gesetzesänderungen im türkischen Strafrecht
haben. Nachdem die Verfassung im September liberalisiert wurde, sind nun
weitere Gesetze, insbesondere im Strafrecht, an der Reihe. Darunter fallen
auch Paragraphen, die häufig gegen Separatismus angewandt wurden.
Angesichts der neuen kurdischen Forderungen könnte man sich ihrer
Nützlichkeit wieder besinnen.
(Von Jan Keetman, Istanbul) |