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Home » Länder » Sri Lanka » Ohlay Dezember 2001
In den vergangenen drei Monaten hielten wir Bremer Tamilen den Atem
an und waren einem extremen psychischen Druck ausgesetzt, hervorgerufen
durch die bereits monatelange Angst vor den zahlreichen drohenden Abschiebungen
unserer Familienangehörigen und Freunde in die vom Krieg zerrüttete
Heimat - das Bürgerkriegsland Sri Lanka.
Im Februar dieses Jahres erhielten ca. 30 Tamilen aus Bremen zeitgleich
eine Vorladung der Bremer Ausländerbehörde, um die Beschaffung
von Ausreisepapieren vorzubereiten. Da sich die srilankische Botschaft
sowohl in Deutschland als auch in anderen europäischen Ländern
weigert, tamilischen Asylsuchenden ohne festen Aufenthaltsstatus neue gültige
Pässe auszustellen, wurden die betroffenen Tamilen dazu genötigt,
Passersatzpapiere –sogenannte emergency-passports- zu beantragen, deren
Gültigkeit nach der Einreise nach Sri Lanka praktisch erlischt. Obwohl
selbst das Auswärtige Amt bestätigt, dass nahezu alle abgeschobenen
tamilischen Asylsuchenden, lediglich mit einem Passersatzpapier ausgestattet,
schon bei der Einreise (wenn auch nur kurzfristig) zwecks Identitätsüberprüfung
inhaftiert werden, wird den Tamilen diese Prozedur zugemutet. Viele der
Betroffenen waren vor ihrer Flucht aus Sri Lanka extremer Gewalt durch
srilankische Polizei- und Sicherheitskräfte ausgesetzt, so dass die
Aussicht, direkt in die Hände der Sicherheitskräfte ausgeliefert
zu werden, eine dementsprechende Angst auslöst. Diese Angst führte
dazu, dass sich in den letzten beiden Jahren bereits zwei Tamilen in der
Abschiebehaft in Moers und Hannover-Langenhagen das Leben nahmen.
Trotzdem wir uns bemühten, die Bremer Ausländerbehörde, den Innensenat und die zuständigen Gerichte über diese Gefährdungen aufzuklären, vor denen u.a. auch international angesehene Menschen-rechtsorganisationen, wie amnesty international warnen, wurden im Juli und August zwei junge tamilische Männer zwecks Passersatzpapierbeschaffung in Abschiebehaft genommen und aus der Haft heraus bei der srilankischen Botschaft vorgeführt. Danach entliess man sie aus der Abschiebehaft mit der Begründung “bis zur Passersatzpapiererstellung, die mehr als 12 Tage andauere, könne man die Betroffenen nicht in Abschiebehaft halten, ... wenn eine Abschiebung nicht unmittelbar bevorstehe” (Pressesprecher des Innensenats Markus Beyer in der taz bremen vom 29.8.2001). Tatsächlich sass einer der beiden Tamilen, Herr Kugananthan, aber schon über zwei Monate in der Abschiebehaftanstalt Neue Vahr ein. Er wurde auf der Ausländerbehörde inhaftiert, als er einen Krankenschein einreichte, der bescheinigte, dass er derzeit aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage war, an einer u.a. für ihn geplanten Botschaftsvorführung teilzunehmen. Für beide Tamilen gab es bereits konkrete Daten für die Durchführung ihrer Abschiebungen (29. und 31. 8. 2001), die ursprünglich auch ohne die Beschaffung von Passersatzpapieren bei der srilankischen Botschaft mit einem sogenannten EU-Ausreisepapier durchgeführt werden sollte. Von einer Abschiebung mit dem EU-Ausreisepapier wurde dann jedoch abgesehen. Der Pressesprecher des Innensenats äusserte gegenüber der taz bremen am 29.8. 2001:...” die Ausländerbehörde sei der Meinung, die Verhaftungsgefahr in Colombo mit der Erstellung von srilankischen Ersatzpapieren zu senken...”. Diese Aussage zeigt, dass die Innenbehörde das Problem einer generellen Inhaftierungsgefahr von abgeschobenen tamilischen Asylsuchenden sehr wohl wahrgenommen hat. Dennoch ignorierte der Innensenat weiterhin dieses Gefährdungspotential, denn sowohl die EU-Ausreisepapiere als auch die Passersatzpapiere führen letztlich nachweislich zu einer Inhaftierung bei der Einreise von abgeschobenen Tamilen. Unsere Protestaktivitäten gegen die abschiebeeinleitenden Massnahmen unserer Freunde und Familienmitglieder waren und sind verbunden mit unserer Sehnsucht nach einem gerechten und dauerhaften Frieden in unserem Heimatland. Die Friedensinitiative der norwegischen Regierung, die sich bemühte, die beiden Konfliktparteien (srilankische Regierung und die tamilische Befreiungsbewegung LTTE) an den Verhandlungstisch zu bringen, wurde Ende letzten Jahres (am 24.12.2000) von der LTTE kooperativ mit einem einseitigen Waffenstillstand aufgenommen, der vier Monate andauerte. Die srilankische Regierung hingegen lehnte jegliche Friedensverhandlungen ab. Eine weitere Eskalation der bewaffneten Auseinandersetzungen enttäuschte unsere Hoffnungen auf Frieden. Ende April 2001, kurz nachdem die LTTE ihren viermonatigen einseitigen Waffenstillstand aufgehoben hatte, startete die srilankische Regierung eine schwere militärische Offensive und bombardierte wiederholt weite Flächen des tamilischen Siedlungsgebietes im Norden der Insel. Die LTTE beantwortete diese militärischen Angriffe mit einem Angriff auf den (Militär-) Flughafen nahe der Hauptstadt Colombo am 24. Juli 2001, bei dem mehrere Passagier- und Militärflugzeuge zerstört wurden, Zivilisten aber unverletzt blieben. Der Angriff resultierte aus den ungehörten mehrfachen Appellen der LTTE an die srilankische Regierung, die wahllosen Flächenbombardierungen durch die Militärflugzeuge, die unerträgliches Leid über die tamilische Zivilbevölkerung bringt, einzustellen und den Krieg zu deeskalieren. Im Zusammenhang mit diesem Angriff wurden seit Juli 2001 erneut mehrere hundert Tamilen im Grossraum Colombo verhaftet. In einer öffentlichen Stellungnahme vom 28. August 2001 äusserte amnesty international, dass “die Sicherheitslage für Tamilen in Sri Lanka prekärer ist, als je zuvor” (taz bremen 29.8. 2001), während das Auswärtige Amt zunächst nur eine Reisewarnung an deutsche Urlauber aussprach. Ungeachtet der verschärften Menschenrechtslage sollte der Tamile
Kugananthan schon am 8. August 2001 aus der Abschiebehaft in Bremen nach
Sri Lanka abgeschoben werden. Die Abschiebung scheiterte u.a. daran,
dass die BGS-Direktion ihre Beamten bei der Begleitung des Tamilen gefährdet
sah. Tamilischen Asylsuchenden wurden demnach die Zustände im Bürgerkriegsland
Sri Lanka zugemutet, den begleitenden BGS-Beamten nicht einmal eine Stippvisite.
Durch unsere Demonstrationen, Sitz- und Hungerstreiks, mehrwöchigen Mahnwachen, öffentlichen Veranstaltungen und Gesprächen mit Medien und Politikern gelang es uns, die alltägliche und willkürliche Gewalt, der Tamilen in Sri Lanka ausgeliefert sind, zu einem öffentlichen Thema zu machen. Die offiziellen Stellen dagegen, die über unsere Asylverfahren und Abschiebungen entscheiden, verwickelten sich immer mehr in Widersprüche. Der Bremer Innensenat konnte schliesslich nicht länger verschweigen und ignorieren, dass selbst das Auswärtige Amt die Menschenrechtslage derzeit nicht beurteilen kann. In seinem Erlass vom 25. Oktober 2001 ordnete der Innensenat entsprechend der Kenntnislage des Auswärtigen Amtes die erneute Prüfung aller Asylverfahren von Tamilen an. Dieser quasi inofizielle Abschiebestop bis zur Erstellung und Auswertung eines aktuellen Lageberichtes des Auswärtigen Amtes gönnt uns zwar zur Zeit eine Atempause, aber keineswegs eine Erleichterung. Mittlerweile liegt der neue Lagebericht des Auswärtigen Amtes vor.
Wie wir befürchtet haben, wurde einmal mehr die Realität verschleiert
und Tatsachen verdreht. Seitenweise wurden Textpassagen aus dem vorherigen
Länderbericht übernommen, während die wenigen Änderungen,
die vorgenommen wurden, die bedrohliche Lage der Tamilen beschönigt.
“Gebt
den rassistischen Kräften eine Absage und den Tamilen Gerechtigkeit”
Die tamilische nationale Frage, die den Charakter eines Bürgerkrieges angenommen hat, ist ein wesentliches politisches Thema. Wir sind immer noch im festen Glauben, dass dieses Thema mit friedlichen Mitteln gelöst werden kann. Wenn es ein wirklicher Wille und die Entschlossenheit auf Seiten der singhalesischen Führung vorhanden ist, gibt es eine Möglichkeit für eine Einigung und für Frieden. Obwohl 53 Jahre seit der Unabhängigkeit dieser Insel vergangen sind, die singhalesische politische Führung ist immer noch in dem Sumpf rassistischer Ideologie gefangen. Deshalb haben sie keine Kenntnis und kein Verständnis entwickelt, die tamilischen Frage objektiv und realistisch zu handhaben. Der Glaube, den tamilischen ethnischen Konflikt mit repressiven militärischen Mitteln lösen zu können, dominiert immer noch das singhalesische politische System. Genau aus diesem Grund hat keine der grossen singhalesischen politischen Parteien irgendwelche konkreten Projekte oder Rahmenbedingungen für eine andauernde Lösung des Konflikts ausgearbeitet. Der internationalen Gemeinschaft ist dies sehr bewusst. Während sich diese mächtigen Regierungen der Welt für eine friedliche Lösung des ethnischen Konflikts aussprechen, haben sie immer die srilankischen politischen und militärischen Anstrengungen unterstützt, um den politischen Kampf der Tamilen zu schwächen. Unaufhörlich schreien wir nach Frieden. Aber wir stossen bei der
Regierung Kumaratunga auf taube Ohren. Nach den Treffen mit den norwegischen
Friedesvermittlern in dem Vanni im November letzten Jahres hatten wir einen
vier Monate anhaltenden einseitigen Waffenstillstand erklärt, um den
Friedensprozess vorantreiben zu helfen. Die srilankische Regierung reagierte
mit einem Lächerlichmachen und der Ablehnung unserer Friedensinitiative
und startete provokative Militärattacken auf unsere Stellungen. Letztendlich
unternahm die Regierung einen Grossangriff nur Stunden nach dem Auslaufen
unseres Wafenstillstandes. Mit einem entschlossene Gegenangriff konnten
wir die Armee in die Flucht schlagen und der Regierung beweisen, dass die
LTTE stark und nicht besiegbar ist.
An diesem kritischen historischen Wendepunkt findet eine Parlamentswahl
in Sri Lanka statt. Seitdem wir unseren politischen Kampf als eine ausserparlamentarische
Freiheitsbewegung entwickelt haben, messen wir Parlamentswahlen keine besondere
Bedeutung bei. Die LTTE ist aber zu dem zentralen Thema der momentanen
Wahlkampfkampagne in Tamil Eelam und dem singhalesischen Süden geworden.
Weder sind wir Feinde der singhalesischen Bevölkerung, noch ist unser kampf gegen sie gerichtet. Die unterdrückerische Politik der rassistischen singhalesischen Politiker ist verantwortlich dafür, dass Widersprüche zwischen dem singhalesischen und dem tamilischen Volk aufgetreten sind, die in dem Krieg endeten. Wir führen diesen Krieg gegen einen Staat und seine Armee und Sicherheitskräfte, der fest entschlossen ist, unser Volk mit Waffengewalt zu unterdrücken. Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass dieser Krieg nicht nur Auswirkungen auf die Tamilen hat, sondern auch die singhalesische Bevölkerung sehr stark trifft. Tausende unschuldige singhalesische Jugendliche sind umgekommen aufgrund der repressiven Politik der kriegstreiberischen herrschenden Elite. Wir sind uns ebenfalls bewusst darüber, das es die singhalesischen Massen sind, die die ökonomischen Bürden des Krieges tragen müssen. Deshalb rufen wir die singhalesische Bevölkerung auf, die rassistischen Kräfte, die sich dem Militarismus und Krieg verschireben haben, zu entlarven und zu verstossen und den Tamilen Gerechtigkeit zu geben, um diesen blutigen Krieg zu beenden und einen andauernden Frieden zu schaffen. Das tamilische Volk möchte seine nationale Identität behalten und auf seinem eigenen Land, in seiner historischen Heimat, in Frieden und mit Würde leben. Das tamilische Volk möchte über sein politisches und ökonomisches Leben selbst entscheiden. Es möchte für sich selbst verantwortlich sein. Dies sind die grundlegenden politischen Anstrengungen des tamilischen Volkes. Dies ist weder Seperatismus noch Terrorismus. Aus diesen Forderungen lässt sich keine Gefahr für die singhalesische Bevölkerung ableiten. Sie haben in keinster Weise Auswirkungen auf die politischen Freiheiten oder das soziale, ökonomische und kulturelle Leben der singhalesischen Bevölkerung. Die Tamilen bevorzugen eine politische Lösung, die es ihnen ermöglicht, in ihrem eigenen Land zu leben, mit dem Recht über sich selbst zu entscheiden. Dies ist es, was die Tamilen meinen, wenn sie die Forderung nach einer politische Lösung erheben, die sich auf dem Recht auf Selbstbestimmung gründet. Unsere Organisation ist auf Verhandlungen über politische Rahmenbedingungen mit der srilankischen Regierung vorbereitet, die die grundlegenden politischen Forderungen des tamilischen Volkes erfüllen können. Aber um als als gleichberechtigter Partner, als wirkliche politische Kraft mit dem Status der legitimen Vertretung des tamilischen Volkes, frei an politischen Verhandlungen teilnehmen zu könne, muss das verbot unserer Bewegung aufgehoben werden. die ist der kollektive Wille des tamilischen Volkes. Wir wollen, daß die Friedensgespräche in einer freundlichen Umgebung des gegenseitigen Vertrauens und Verständnisses abgehalten werden. Wir haben seit langem immer wieder betont, daß die Friedensgespräche in einer dem Frieden und der Normalität förderlichen Atmosphäre geführt werden sollen, ohne kriegerische Auseinandersetzungen und Wirtschaftsembargos. Wir möchten diese unsere Position noch einmal deutlich machen. Die Anwendung von Gewalt in jeder Art von Konflikten zur Erreichung spezifischer politischer Ziele wird von den Regierungen der internationalen Gemeinschaft als Terrorismus definiert. Diese enge Definition hat die Unterschiede zwischen echten Kämpfen für politische Unabhängigkeit und terroristischer Gewalt verwischt. Dieser Terrorismusbegriff stellt eine Herausforderung für die moralische Grundlage bewaffneter Kämpfe dar, die Freiheitsbewegungen für grundlegende politische Rechte und für das Recht auf Selbstbestimmung führen. Diese Entwicklung ist bedauerlich. Als Folge davon wird auch unsere Befreiungsbewegung innerhalb der internationalen Gemeinschaft diskreditiert. Die mächtigen Regierungen der Welt, die einen Krieg gegen den Terror führen, sollten zuallererst die tieferliegenden Ursachen der politischen Gewalt erforschen. Nur durch eine bessere Einsicht in die Ursprünge politischer Gewalt ist es möglich, die Unterschiede zwischen echten Befreiungskämpfen und blinden Terrorakten zu erkennen. Unserer Ansicht nach existieren zwei Dimensionen politischer Gewalt. Zunächst gibt es die Gewalt des Unterdrückers, zweitens die Gewalt der Unterdrückten. In den meisten Fällen gehört der Unterdrücker den herrschenden Eliten an, übt Staatsgewalt aus und kommandiert die Streitkräfte. Die Unterdrückten sind immer diejenigen, die beherrscht werden, die nationalen Minderheiten, die Ausgebeuteten und die Armen. Die Gewalt der ersten Kategorie kann als staatliche Gewalt bezeichnet werden, die zweite Kategorie als die Gewalt gegen die staatliche Gewalt. Da die staatliche Gewalt eine Form unterdrückerischer Gewalt ist, ist sie ungerecht. Die als Reaktion erfolgende Gewalt der Unterdrückten ist gerecht, da sie aus dem Beweggrund heraus angewandt wird, Gerechtigkeit zu erlangen. Im Rahmen dieser Unterscheidung finden die gewalttätigen Formen der politischen Kämpfe der Unterdrückten ihre Legitimität. Gewalttätige Formen des Kampfes durch Menschen, die politische Rechte anstreben, entstehen nur als reagierende Gewalt gegen staatlichen Terror. Diese Wahrheit ist erkennbar, wenn man eine objektive Analyse der geschichtlichen Ursprünge der Befreiungsbewegungen weltweit durchführt. Der Befreiungskampf von Tamil Eelam hat ähnliche historische Ursprünge. Die staatliche Unterdrückung des tamilischen Volkes begann zwei Jahrzehnte vor der Entstehung der Tamil Tigers. Angeheizt von Rassismus wurde die staatliche Unterdrückung im Laufe der Zeit allmählich stärker und nahm die Ausmaße eines Völkermordes an. Jede Form friedlichen und gewaltfreien Protests des tamilischen Volkes gegen die staatliche Unterdrückung durch die Singhalesen wurde durch staatlichen Terror brutal niedergeschlagen. Da der gewaltfreie politische Kampf vergeblich und sinnlos wurde, und die staatliche Unterdrückung zur selben Zeit sich bis zum Völkermord ausweitete, blieb dem tamilischen Volk keine andere Möglichkeit, als der staatlichen Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Anders ausgedrückt wurde die tamilische Bevölkerung gezwungen, zu den Waffen zu greifen, um sich gegen ihre Vernichtung zu wehren. Aus dieser objektiven historischen Lage heraus entstand die Organisation der Befreiungstiger und dehnte den bewaffneten Kampf gegen den staatlichen Terror aus. Mit der Geschichte einer über 20 Jahre aufrechterhaltenen Kampagne ist unser bewaffneter Widerstand als die Form des politischen Kampfes des tamilischen Volkes entstanden und hat sich in diesem Kontext entwickelt. Wir sind eine nationale Befreiungsorganisation. Wir kämpfen für die Befreiung unseres Volkes von rassistischer Willkürherrschaft, gegen militärische Besatzung, gegen staatlichen Terror. Unser Kampf hat ein konkretes, legitimes politisches Ziel. Er basiert auf dem Recht auf Selbstbestimmung, einem Prinzip, das in der Charta der Vereinten Nationen niedergelegt ist. Wir sind keine Terroristen. Wir begehen keine schwachsinnigen und blindwütigen Gewaltakte, die aus rassistischem und religiösem Fanatismus heraus motiviert sind. Wir kämpfen und opfern unser Leben für ein ehrenwertes Ziel, nämlich menschliche Freiheit. Wir sind Freiheitskämpfer. Der singhalesische Staatsterrorismus, dem es in den letzten zwei Jahrzehnten nicht gelungen ist, unsere Freiheitsbewegung zu vernichten, hat unseren Befreiungskampf als Terrorismus gebrandmarkt. Von der falschen und böswilligen Propaganda des srilankischen Staates irregeführt, haben einige Regierungen der internationalen Gemeinschaft unsere Befreiungsbewegung in ihre Liste internationaler terroristischer Organisationen aufgenommen. Dies ist bedauerlich und enttäuscht uns, da diese Entscheidungen eine negative Auswirkung haben. Sie wurden in Eile getroffen, ohne tiefere Einsicht in die Geschichtlichkeit und Legitimität unseres Kampfes für Selbstbestimmung. Dies ist eine falsche Botschaft an die rassistische singhalesische Regierung, die ihre unnachgiebige Haltung der „harten Linie“ weiter verstärken wird. Sie wird in ihrer Politik der militärischen Unterdrückung ermutigt. Im Ergebnis wird die Handlungsweise einiger westlicher Regierungen eine politische Lösung mit friedlichen Mitteln ernsthaft behindern und den ethnischen Konflikt in Sri Lanka noch weiter komplizieren. Die Bewegung der Befreiungstiger von Tamil Eelam ist eine Volksbewegung. Wir sind untrennbar mit unserem Volk als einzige und vereinte Kraft verbunden, die gemeinsam für die Befreiung unserer Heimat kämpft. In einer hinterhältigen Strategie, die unsere Befreiungsorganisation von unserem Volk trennen und zu einer Randgruppe machen will und uns vernichten soll, hat uns die Regierung von Chandrika Kumaratunga als „terroristische Organisation“ verboten. Im Zuge dieser Entscheidung hat Chandrikas Regierung, vor allem der Außenminister Kadirgamar, in der internationalen Arena einen anhaltenden Propagandafeldzug gestartet, in dem die LTTE und der tamilische Freiheitskampf als eine diabolische Erscheinung des Terrorismus dargestellt wird. Als Folge davon haben die Vereinigten Staaten, Großbritannien und jüngst auch Kanada unsere Befreiungsbewegung in ihre Listen terroristischer Organisationen aufgenommen. Diese Länder sind sich völlig der Tatsache bewußt, daß wir keine terroristische Organisation, sondern eine Freiheitsbewegung sind, die mit der überwältigenden Unterstützung unseres Volkes arbeitet, dessen politische Ziele wir repräsentieren. Des weiteren haben diese Länder darauf bestanden, daß die LTTE und die srilankische Regierung Friedensgespräche führen sollten, um den ethnischen Konflikt zu lösen. Diese Haltung macht absolut deutlich, daß diese Länder die Befreiungstiger als politische Repräsentanten des tamilischen Volkes anerkennen. Wenn das so ist, warum brandmarkten die Regierungen uns dann als terroristische Organisation? Wir können die Logik nicht nachvollziehen, wie eine solche Handlungsweise eine friedliche Lösung des ethnischen Konfliktes erleichtern könnte. Wir nehmen den Standpunkt ein, daß wir an den Friedensverhandlungen nicht teilnehmen werden, solange die srilankische Regierung nicht das Verbot unserer Organisation aufhebt und uns als die echten und legitimen Vertreter des tamilischen Volkes anerkennt. An dieser Position halten wir fest. Wir haben unsere Haltung auch der norwegischen Regierung gegenüber klargemacht. Es gibt nur dann eine Möglichkeit für Frieden auf der Insel Sri Lanka, wenn das Verbot der LTTE aufgehoben wird. Unter diesen Umständen wird die Ächtung der LTTE durch westliche Regierungen, die dem diplomatischen Druck Sri Lankas nachgeben, nicht den Weg für eine friedliche Verhandlungslösung des Konflikts ebnen. Sie wird vielmehr die kollektive Forderung unseres Volkes verstärken, das Verbot der LTTE aufzuheben, um die Friedensgespräche wiederaufzunehmen.“ (TamilNet, 27. November 2001)
Interview
mit Father S.J. Emmanuel, ehemaliger Generalvikar der Diozöse Jaffna
Im aktuellen Lagebericht des AA zu Sri Lanka wird eingangs festgestellt, “dass keine Personengruppe staatlichen Repressalien unterliegt aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe”. Die Regierung Sri Lankas betone, dass sich ihr Kampf ausschliesslich gegen die LTTE und nicht gegen die tamilische Bevölkerung richte. Die Sicherheitskräfte seien angewiesen, Verluste unter der Zivilbevölkerung bei Kampfhandlungen so gering wie möglich zu halten. Das ist zwar schön gesagt, aber die Tatsachen sind ganz andere.
Dafür haben wir Zeugen von Nicht-LTTE-Quellen. Die sogenannten moderaten
Parteien, wie die TULF und die ex-militanten, wie die TELO und EPRLF haben
gemeinsam ausgesagt, dass der Kampf nicht gegen die LTTE gerichtet ist,
sondern gegen das Volk. Ich selber bin ein Zeuge dafür. Von 1986 bis
1997 bin ich direkt betroffen gewesen. Das ist ein Krieg, der nicht nur
mit Bombardierungen im Norden des Landes geführt wird, sondern auch
mit anderen Waffen, wie der wirtschaftlichen Blockade gegen das Volk. Es
gibt keinen Strom, keine Transportmittel, keine Post. Das ist ein allumfassender
Krieg. Ich habe Bombardierungen erlebt Tag und Nacht. Wieviele Hindu- Tempel
wurden bombardiert, wieviele christliche Kirchen wurden zerstört?!
Ich wurde zum Zeugen von Bombardierungen einer Kirche, bei der 120 Flüchtlinge
starben, habe die Bombardierungen von 30 anderen Kirchen miterlebt. Das
sind konkrete Beispiele. Dies und die wirtschaftlichen Massnahmen gegen
die Tamilen sind alles Beispiele dafür, dass der Krieg nicht gegen
vermeintliche Terroristen geführt wird, sondern gegen das Volk, gegen
die Tamilen.
Heisst das, es werden immer nur Stellungsnahmen der srilan-kischen Regierung zu Rate gezogen? Ja richtig - wenn jemand selber in den Nordteil Sri Lankas reist, wie jetzt kürzlich der Wahlbeobachter der EU, ändert sich der Blickwinkel. Der EU-Wahlbeobachter hat direkt die Betroffenen, die verwundeten Menschen gesehen. Bezüglich der Notstandsgesetze (ER) und dem Terrorismusvorbeugungsgesetzes (PTA) berichtet das AA von einem pragmatischen Umgang bei der Strafverfolgung. In Gebieten in denen offensichtlich die grosse Mehrheit der tamilischen Bevölkerung die LTTE unterstützt, komme es gemäss dem Grundsatz die tamilische Zivilbevölkerung zu schonen, nicht zu weitgehenden Strafverfolgungs-massnahmen. So blieben z.B. nach der Eroberung Jaffnas durch die srilankische Armee Strafverfolgungsmassnahmen weitgehend aus. Personen, die heute in den von der LTTE kontrollierten Gebieten aus geschäftlichen Gründen mit der LTTE zusammenarbeiten, müssten nicht mit einer Strafverfolgung rechnen. Auch ehemalige Kämpfer der LTTE soll keine Strafverfolgung erwarten, wenn sie sich von der LTTE distanzieren. Das PTA wurde 1977 eingeführt. Wir begingen damals einen grossen
Fehler, indem wir nicht stark genug gegen dieses Gesetz protestiert haben.
Denn damit wurde der Regierung die Möglichkeit eingeräumt, die
Tamilen so zu behandeln, wie sie wollen. Die Sicherheitskräfte hatten
damit die Freiheit, Tamilen zu töten und zu begraben, ohne der Weisung
eines Gerichtes zu unterliegen. Der PTA wird im Norden und Osten Sri Lankas
gegen die Tamilen angewendet. Später wurde er zwar auch gegen Singhalesen
angewendet, aber hauptsächlich immer gegen Tamilen.
Der Bericht des AA geht davon aus, dass in Sri Lanka Freizügigkeit bestehe, dass Personen, die sich in einem Landesteil bedroht fühlen, problemlos in einen anderen Landesteil ausweichen können. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass in den vergangenen Jahren sehr viele Tamilen aus dem Norden und Osten nach Colombo übergesiedelt seien, wird die Schlussfolgerung gezogen, es gäbe gar keine Sicherheitsbedenken und -massnahmen gegen sie. Es gibt Tausende von Tamilen, die in den letzten Jahren nach Colombo
gegangen sind. Das liegt zu einem grossen Teil daran, dass Colombo die
einzige Stadt Sri Lankas ist, von der man ins Ausland gelangen kann. Die
Tamilen wohnen dort in Hotelzimmern, die einer strengen Kontrolle unterliegen.
Wenn es eine andere Stadt gäbe, von der aus die Tamilen das Land verlassen
könnten, dann würden sie wohl eher dort hingehen. Die Hotels
in Colombo kosten sehr viel Geld, darum können es sich auch nur die
wohlhabenderen Leute überhaupt leisten, dort hinzugehen.
Das AA berichtet, dass Jaffna das Ziel zehntausender freiwilliger Rückkehrer sei, seit sich Infrastruktur und Zivilverwaltung verbessern würden. 1995 sind wir mit 500.000 Menschen aus Jaffna geflohen. Die Stadt wurde
von der Armee besetzt und wir harrten im Südteil der Halbinsel aus.
Dann schritt die Regierung zum zweiten Teil ihres Planes. Sie fingen an,
den südlichen Teil der Halbinsel, auf der wir uns befanden, die Landverbindung
nach Vanni, sowie alle Schiffe, die zwischen der Halbinsel und dem Festland
pendelten, zu bombardieren. Meine Schwester war auf einem dieser Schiffe.
Nach zwei Monaten hatten die so eingeschlossenen Tamilen keine andere Wahl
mehr als nach Jaffna zurückzukehren in der Hoffnung, dass dort zumindest
noch ihr Haus wäre. Aber keinesfalls freiwillig. Jaffna steht unter
der Kontrolle der Armee, es ist ein offenes Gefängnis. Und was ist
mit dem Massenmord ? 600 Leute verschwanden in den folgenden zwei Monaten.
Wie schliesslich ein Soldat selbst bezeugte, wurden diese alle in ein Massengrab
verscharrt. Jetzt erfahren wir, dass die Leute einfach nicht mehr unter
der Kontrolle der Armee leben wollen. Unter dieser Kontrolle durch die
Armee herrscht nur eine Partei, die EPDP, die Teil der Regierung ist, und
von dieser unter dem Mantel von Entwicklungshilfe sehr viel Geld bekommt.
Diese Partei ist mit Waffen ausgestattet und verübt viel Gewalt an
der Zivilbevölkerung.
Das AA beruft sich auf Aussagen der Generalstaatsanwaltschaft in Colombo, wonach eine gegen die srilankische Regierung gerichtete exilpolitische Betätigung, wie das Verteilen von Flugblattern auf Demonstrationen in Sri Lanka nicht strafbar sei, genauso wie die Teilnahme an Sport und Kulturveranstaltungen der LTTE. Das AA beruft sich ausserdem auf Aussagen srilankischer Anwaltskreise, wonach es nur in sehr wenigen Fällen von im Ausland erfolgter Unterstützung der LTTE überhaupt zu einer Anklage gekommen sei. Da ist erst einmal die Frage, in welcher Form untertützen die Tamilen
im Ausland die LTTE. Die Tamilen sagen wir unterstützen die Tamilen
in unserem Heimatland. Das heisst nicht, sie leisten eine Unterstützung
für den Krieg - der grösste Teil der geleisteten Unterstützung
ist eine humanitäre Unterstützung. Die Regierung leistet nicht
genug humanitäre Unterstützung, und diese kommt wenn dann den
Singhalesen zugute, darum müssen die Tamilen im Ausland diese Aufgabe
erfüllen.
Zurück zu den Entwicklungen in jüngster Zeit: Das AA verweist, dass es in der ersten Hälfte diesen Jahres zu einer weitaus geringeren Zahl von Kurzzeitfestnahmen gekommen sei. Auch in Folge des Anschlages auf den Flughafen sei es zu einer weitaus geringeren Zahl von Festnahmen gekommen, als bei vergleichbaren Anschlägen in der Vergangenheit. Auch kämen die Sondergesetze zu Terrorismusbekämpfung in der Praxis gar nich so häufig zur Anwendung Weniger Festnahmen sind erst einmal kein Beweis, dass es tatsächlich
sicherer geworden ist. Wir Tamilen vermeiden die Festnahmen so gut es geht.
Deshalb reisen wir auch nicht mehr so oft nach Colombo, wie in der Vergangenheit,
einfach nur, um im nicht in die Hände der Sicherheitskräfte zu
gelangen.
Entspricht es denn der Wahrheit, dass es eine relativ geringe Zahl von Festnahmen in Sri Lanka in letzter Zeit gegeben hat ? Der Anschag auf den Flughafen wurde, von einer Gruppe aus dem Norden
durchgeführt, nicht aber von Zivilisten aus Colombo. Aber es ist ganz
klar, dass bei einer solchen Aktion immer auch Leute von innerhalb des
Flughafens oder innerhalb des Militärs die Informationen verkaufen
oder unterstützen. Aber gegen diese Leute wurde gar nichts unternommen.
Vielleicht wurde höchstens der eine oder andere Polizeichef auf eine
andere Station verlegt. Die Behörden führen die Untersuchungen
gar nicht zu Ende, nach ein paar Tagen ist Schluss. Aber die Tamilen sind
ganz anders behandelt worden, sie wurden sofort massenweise verhaftet.
Dieser neue Bericht des AA wurde Ende Oktober herausgebracht, d.h. fast eineinhalb Monate vor den Wahlen in Sri Lanka, der jetzt für Asylentscheidungen benutzt wird. Es ist Offensichtlich, dass die Wahlen, von enormer Gewalt überschattet werden. Wo ist diese Gewalt ? Jetzt gibt es bereits über 1.800 Gewalttaten,
die registriert wurden. Und der übergrosse Anteil, 97 % fällt
auf die beiden grossen singhalesischen Parteien im Süden, die UNP
und die Regierungsparteien - diese noch viel mehr, als die UNP, keine
Gewalt kommt von den Tamilen. Die einzige Gewalt im Norden wird vom Süden
unterstützt, das ist die EPDP, die letzte Woche zwei Männer ermordet
hat. Sie ist ein Arm der Regierungspartei.
Wie schätzen Sie es ein, werden diese Gewalttätigkeiten nach den Wahlen aufhören ? Wir fürchten, dass es nach den Wahlen von beiden Seiten weitere
Gewalt geben wird. Das Ergebnis ist noch nicht klar, beide Seiten, die
Regierungspartei mit ihren Koalitionspartnern JVP und EPDP und die UNP
haben beide gleiche Chancen. Die Regierungspartei benutzt, um die Stimmen
der Singhalesischen Wähler zu bekommen die Propagandalüge, die
UNP hätte einen Pakt mit der LTTE gebildet - das ist falsch, die LTTE
hat das genau so wie die UNP bestritten. Aber die Opposition verspricht
eine friedliche Lösung des Konfliktes auf Sri Lanka, was auch die
Tamilen wollen. Aber die Regierungsseite hat gesagt, den Krieg bis zum
Ende gehen zu wollen. Das ist ein ganz gefährlicher Weg. Wir Tamilen
appelieren an das Singhalesische Volk, mit der Wahl auch für eine
friedliche Lösung zu stimmen, und das hat jetzt auch Der Vorsitzende
der LTTE ganz vernünftig in seiner Rede so gesagt.
Ein
Offener Brief von einem verdächtigen Tamilen
Als die „Hiru“ mich bat, über die Tamilen im Süden zu schreiben, war ich der Ansicht, daß wir nichts zu schreiben hätten als unsere Autobiografien. Ich sprach mit meinen Freunden, denn ich war neugierig, ob sie andere Erfahrungen gemacht hatten als ich. Das war jedoch nicht der Fall. Wir trennten uns, nachdem wir immer und immer wieder über dieselben Dinge gesprochen hatten. Nach ein paar Tagen solcherlei Monotonie entschloß ich mich, das zu schreiben, was ich zu schreiben hatte und vergaß die anderen. Freunde, denkt nicht, ich würde unsere Freundschaft geringschätzen. Aber wir leben in zwei Welten, zwei Welten erschaffen und erhalten durch Rassismus. Vielleicht bin ich nicht in der Lage, Euch Rassismus in Begriffen der politischen Rhethorik zu erklären, aber Rassismus durchdringt selbst die Luft, die wir atmen. Ihr mögt Euch fragen, was diese zwei Welten sind. Stellt sie Euch so vor: Ihr lauft durch Straßen die angefüllt sind von Menschen, redet laut, Ihr seid empört über die Ungerechtigkeit, die Ihr seht, kritisiert Eure Feinde ohne Angst, Ihr argumentiert unermüdlich um Eure Überzeugungen zu verteidigen und schlaft friedlich am Ende eines langen Tages. Meine Welt ist anders, ich laufe durch Straßen aber spreche nicht laut, sehe Ungerechtigkeit aber bleibe still. Ich kenne meine Feinde, aber ich kritisiere sie nicht. Ich behalte meine Überzeugungen für mich und höre die von anderen an. Selbst vor dem Schlaf fürchte ich mich unendlich. Alles, was Ihr im Süden seht, sehe ich auch, aber mit anderen Augen. Die Straßen, die Ihr seht, sind nicht diejenigen, die ich sehe. Nichts könnte Euch weniger kümmern als die, die neben Euch im Bus sitzen. Bei mir ist es nicht so. Ein Flugzeug, das über Eure Köpfe hinwegfliegt, ist für Euch bloß ein flüchtiger Blick. Für mich ist es ein anderer Blick. Ihr könnt in Eurer Sprache ohne Angst sogar über Politik sprechen, aber in meiner Sprache wage ich nicht einmal, über Blumen und Schmetterlinge zu sprechen. Das ist der Grund, warum ich sage, daß uns Meilen trennen, obwohl wir nur einen Atemzug entfernt sind. Tadelt mich nicht dafür, daß ich emotional schreibe. Wir Tamilen haben uns seit langem daran gewöhnt, ohne Emotionen zu leben. Eure Welt und meine sind erschaffen durch unsere Gefühle. Ich habe nichts als brüderliches Verständnis für Eure mutigen Aufrufe, einen gemeinsamen Kampf zu führen, aber wir leben in zwei Welten, getrennt durch mein tamilisch-sein. Ich schreibe hier über meine Welt. Oft bin ich gezwungen, über mich zu denken wie über einen Dieb, einen Kriminellen. Ich bin nicht überrascht, daß Ihr den Grund dafür nicht kennt. Über den Grund bin auch ich mir nicht vollkommen klar. Ich vermute es liegt daran, daß ich als Tamile geboren wurde. Ich bin gezwungen, so zu denken, denn mein Verhalten hat sich fast unbewußt verändert. Es ist allerdings verständlich, daß mein Verhalten sich verändert hat, wenn so viele mich mit Mißtrauen betrachten. Ich weiß, ich befinde mich nicht allein in dieser Situation. Viele andere, die als Tamilen geboren wurden, kennen sie ebensogut. Nicht nur die Kontrollposten von Polizei und Armee erschrecken mich immer wieder - auch in Bussen und Zügen geht es mir so. Die Angst, durchsucht zu werden, begleitet mich wohin ich auch gehe. Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe, mich so zu fürchten, aber jedesmal sagt mein Unterbewußtsein, es sei, weil ich Tamile bin. Vor langer Zeit las ich in Zügen und Bussen in meiner eigenen Sprache. Aber nun habe ich es mir angewöhnt, nicht das kleinste Wort Tamilisch zu lesen an solchen Orten. Ich möchte nicht einmal an die mißtrauischen „Singhalesischen Gesichter“ denken, die mich beobachteten, als meine Blicke wanderten und zu lange an einem Satz hängenblieben, der in meiner Sprache geschrieben war. In solchen Momenten fühle ich mich wie ein Fremder. Ich laufe ängstlich durch die Straßen, fahre ängstlich in einem Bus, betrete ängstlich ein Büro - Angst ist ein Teil von meinem, von unseren Leben. Immer wieder habe ich versucht als Singhalese durchzugehen, doch alles was geschieht ist, daß ich noch hilfloser werde. Warum geht es mir so? Es liegt daran, daß Eure Welt nicht meine ist. Manchmal richtet sich die Farbe meiner eigenen Haut gegen mich. In solchen Momenten bleibt mir nichts als meine Verzweiflung. Oft isoliert mich die Farbe meiner Haut, die Form meines Gesichts oder mein Akzent. Für viele Soldaten macht die dunkle Haut die Tamilen erkennbar. Dann bringt mich meine dunkle Haut in Schwierigkeiten, wie andere Tamilen auch. Ich weiß, daß Eure „Singhalesische Farbe“ Euch niemals in Schwierigkeiten bringt. Nicht nur solche natürlichen Unterschiede unterdrücken mich an Kontrollposten. Ich habe keine Ahnung warum ich es nicht schaffe, in solchen Momenten das Singhalesisch zu sprechen, das ich perfekt beherrsche. Genau dies wird die Anschuldigung sein, die sie gegen mich erheben werden. Die endlose Inquisition, umringt von Gewehren und Pistolen ist furchterregend, doch furchterregender ist der Blick mißtrauischer Verachtung in den Augen singhalesischer Nachbarn im Bus. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich zur Polizei und dem Gramasevaka1 ging um Ersatz zu bekommen für den Personalausweis, den ich vor einiger Zeit verlor. Die Polizei verlangt eine Bescheinigung des Gramasevakas, der Gramasevaka verlangt eine Bescheinigung von der Polizei. Selbst meine Anzeige, daß ich meinen Ausweis verloren hatte, wurde bloß fünfmal aufgenommen. Ich hatte die Angelegenheit nicht weiterverfolgt, denn mein Leben schien mir zu entgleiten. Doch jede Sekunde, die ich im Süden lebe, werde ich nach meinem verlorenen Ausweis gefragt, damit mein tamilisch-Sein von Eurem singhalesisch-Sein unterschieden werden kann. Ich kann mich gut erinnern, wie die Dinge vor acht oder neun Jahren waren. Aber die jungen Männer, die ihre Gesichter versteckten aus Angst vor ihren Folterern und Mördern schlendern heute durch die Straßen des Südens. An den Kontrollposten machen sie halt um mit den Soldaten zu quatschen und zu scherzen und sie lachen mit ihnen ohne Angst. Wir Tamilen sind furchtbar allein, denke ich. Wenn ich, der Singhalesisch spricht, der in Colombo geboren wurde, dies ertragen muß - ich weiß nicht ob Ihre es Euch vorstellen könnt, was jene ertragen müssen, die aus dem Norden oder dem Osten kommen. Diese psychische Qual ist viel schwerer zu ertragen als körperliche Folter. Wann wird diese Situation beendet sein. Das ist eine Frage, auf die wir Tamilen keine Antwort wissen. Uns gibt man alle möglichen Antworten: „bis die terroristischen Tigers zerstört sind ... bis der Sozialismus kommt ...“ Dies sind nichts weiter als Ausflüchte, eine Flucht für die, die sich darauf berufen. Niemals Antworten auf die Fragen unserer Existenz. Jene, die fliehen vor unaufhörlichen Bombardements und willkürlichen Festnahmen, werden auch im Süden nicht verschont. Ein Mensch aus dem Norden, der nach Colombo kommt, wird weder Arbeit noch Unterkunft finden, viel weniger ein freundliches Lächeln. Diese Flüchtlinge fürchten sogar, einen Bus zu besteigen, der zu Orten wie Welawatta, Kotahena, Mattakkuliya oder Dehiwala fährt, wo die meisten Tamilen leben. Wenn ein Tamile in Colombo übernachten muß - sei es für eine Nacht - muß er die Polizei informieren. Wenn ein Wohnungsinhaber einen Verwandten unterbringt, muß er die Polizei unterrichten, selbst noch über das kleinste Detail - die Dauer das Aufenthalts, Adressen, Ausweisnummern. Es ist die Pflicht eines Wohnungsinhabers, seinen Gast registrieren zu lassen. Jeder Tamile, der die Straße betritt, muß ein „Offizielles Polizeizertifikat“ besitzen. Er muß noch nicht mal aus dem Norden oder Osten sein, um dieser Anordnung gehorchen zu müssen. Heute sprechen wir unsere Sprache nicht laut auf der Straße; unsere Frauen vermeiden es häufig, das „Pottu“2 zu tragen, denn das ist immer ein Zeichen der Rasse. An Kontrollposten ist es normal, daß jeder, der aus dem Norden oder Osten kommt, Einzelheiten preisgibt wie seinen Namen, Adresse, Grund seines Aufenthalts in Colombo, die Dauer des Aufenthalts und so weiter und so fort. Aber ich weiß nicht, ob Ihr gesehen habt, wie Leute aufgefordert wurden, sich auszuziehen, und wie sie auf Narben untersucht wurden. Eine bloße Narbe kann verantwortlich dafür sein, daß das Leben eines jungen Tamilen ernsthaft gefährdet ist. Wenn die Person nicht lange Zeit im Süden gelebt hat und nicht richtig Singalesisch spricht, wird die Situation noch gefährlicher. Solche Umstände reichen für eine sofortige Festnahme. Ich werde über einen Fall berichten, den ich kenne. Ein Bekannter von mir, ein Flüchtling aus dem Norden, wurde verhaftet. Er wurde zwar geschlagen und gefoltert, aber nicht getötet. Nachdem er lange Zeit in einem Gefangenenlager geschmachtet hatte, wurde er vor Gericht gestellt. Das Verfahren zog sich fast fünf Jahre hin. Sein Berater riet ihm, zu „gestehen“, daß er ein LTTE-Mitglied gewesen sei und daß er zum Zeitpunkt seiner Verhaftung eine Feuerwaffe samt Munition besessen habe. Weiter erklärte der Berater, daß die fünf Jahre Haft von der Strafe abgezogen würden. Da er keine Alternative hatte, „gestand“ er. Obwohl er nach seiner Freilassung das Land verlassen wollte, um sicher zu sein, war das nicht möglich, denn seine Eltern mußten all ihren Besitz veräußern, um die Gerichtskosten zu begleichen. Zu seinem eigenen „Schutz“ trat er einer Organisation bei, die mit der Regierung im Osten kollaboriert. Noch immer ist er „sicher“, aber Menschen wie er sind gezwungen, sich keine Gedanken über die Zukunft zu machen. Die Erfahrungen der Inhaftierten sind oft ähnlich. Ihre „Geständnisse“ werden ausnahmslos auf Singhalesisch niedergeschrieben und sie müssen diese dann unterschreiben - ob sie die Sprache verstehen oder nicht. Der einzige Ausweg besteht darin, die Polizisten zu bestechen. Das Schmiergeld reicht von zehntausend Rupien bis zu hunderttausend oder mehr. Die Verhandlungen zwischen den Verwandten und den Inhaftierten führen Vermittler, die von beiden Seiten eine „Gebühr“ bekommen. Legale Gebühren sind noch höher. Wenn überhaupt haben es höchstens eine handvoll Tamilen geschafft, einen Inhaftierten frei zu bekommen, ohne in die Mittellosigkeit getrieben worden zu sein. Die Gründe dafür, daß die Urteile in allen Verfahren gegen Inhaftierte so verspätet fallen, sind oft ähnlich. Gewöhnlich liegt es daran, daß die Inhaftierten sich weigern, die „Anschuldigungen“ zu gestehen, so wie der verhaftende Polizeibeamte es gerne hätte. Doch je länger sie sich weigern, zu „gestehen“, desto länger dauert die Haft. Viele gestehen Dinge, die sie nie getan haben, weil sie darin ihren einzigen Ausweg sehen. Wer einmal verhaftet wurde, hat das garantierte Recht, für immer ein „Terrorist“ zu sein. Jeder entwaffnete Tamile ist eine Sprosse in der Karriereleiter eines Polizeibeamten und wenn der besagte Offizier ein begabter Krimierzähler ist, braucht er sich über seine Karriere keine Sorgen zu machen. Für den, der einmal verhaftet worden ist, wird Colombo zur inoffiziell verbotenen Zone. Es wird sehr gefährlich, einfach dorthin zu kommen und von dort zu gehen, ganz zu schweigen vom Arbeiten und Wohnen. Selbst während des Terrors im Süden war es ziemlich üblich, daß Zeitungen über jene berichteten, die von den Sicherheitskräften oder paramilitärischen Gruppen getötet wurden. Heute aber berichten die Medien des Südens überhaupt nicht über die Tamilen, die verhaftet oder getötet werden. Nach der singhalesischen Presse sind alle Tamilen von Geburt an Terroristen. Meine Gefühle für meine singhalesischen Freunde, die die Vergangenheit vergessen zu haben scheinen, endet nicht in Desillusion. Ich bedauere sie zutiefst. „Diese Dinge passieren in Kriegssituationen“, mögt Ihr vielleicht sagen. Aber wenn Angst und Unterdrückung normal sind, wie kann der Wunsch nach Befreiung unnormal sein? Wenn militärische Repression zur Normalität wird, wie kann Widerstand eine „einzige Verschwörung“ sein? Seid nicht empört über diesen giftigen tamilischen Rassismus, den dieser verdächtige Tamile verbreitet! Aber wenn es Rassismus ist, unsere tiefsten und sehnsüchtigsten Hoffnungen, uns von Unterdrückung und Angst zu befreien, die uns gequält haben über Jahrzehnte, wenn das Rassismus ist, dann bin ich ein bösartiger Rassist, wahrlich ein Rassist der übelsten Sorte. Ich möchte nachdenken über Eure brüderliche Einladung, einen gemeinsamen Kampf zu führen. Es ist in der Tat ein edles Gefühl und ich empfinde nichts Negatives dabei. Niemand von uns Tamilen jagt einem isolationistischen Irrglauben nach - wie könnten Menschen wie ich uns fernhalten von Eurem Ruf? Das ist allerdings nicht die Frage. Nur Gleiche können sich vereinen und kämpfen. Doch, sind wir Gleiche? Laßt mich diesen Widerspruch entwirren. Ihr Singhalesen aus dem
Süden leidet unter der Arbeitslosigkeit. Ihr werdet erdrückt
von den Lebenshaltungskosten, unterdrückt durch soziale Ungerechtigkeit
und Ihr werdet niedergehalten durch Unterdrückung und Repression.
Wenn Ihr Widerstand leistet, wenn Ihr Euch organisiert, wenn Ihr Euch entschließt,
Euch zu erheben, dann ist Euer Leben wahrlich in Gefahr. Es wird gewiß
Euer Schicksal sein, von der Polizei angegriffen und verhaftet zu werden,
verschleppt und getötet zu werden oder dergleichen.
Deshalb sind wir nicht Gleiche. Fühlt Euch nicht angegriffen durch die Härte meiner Worte. Ihr seid wahrlich privilegiert; nicht aufgrund von Besitz oder Klasse oder aristokratischen Ehren, sondern aus rassischen Gründen. Wenn Ihr wegen des Namens in Eurem Ausweis verhaftet werdet, weil Ihr es wagt, in Eurer Sprache zu sprechen. Weil es Euch nicht in Gefahr bringt, die Zeichen Eurer Kultur offen zu zeigen; selbst dann, wenn Ihr verhaftet werdet, könnt Ihr wenigstens eine Aussage in Eurer eigenen Sprache machen. Von allem, was Ihr schreibt und sagt, sind die Freiheiten, die Ihr mir
in Eurer „zukünftigen sozialistischen Gesellschaft“ versprecht, in
der Tat am erbaulichsten.
Ihr, die Ihr mehr als siebzig Prozent der Bevölkerung seid, seid Ihr unterdrückt durch den Rassismus der Tamilen, die gerade zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachen? Kann eine Regierung, die von der Mehrheit von Euch, über siebzig Prozent, gewählt wurde, zum Werkzeug des Rassismus der Tamilen werden, die gerade einmal zwölf Prozent der Gesamtheit ausmachen? Unsere Leben sind die Zielscheibe dieser finsteren Witze. Es ist nicht schwer, den Rassismus zu besiegen. Ich habe ihn oft fliehen gesehen, gnadenlos geschlagen von jubelnden Bühnen, doch am Fußboden unterhalb der Bühne ist es nicht einfach, zu schlagen. Er versteckt sich in verborgenen Gedankenmustern, vorsichtigen Worten und verdächtigen Handlungen, die darauf warten, ihre scheußlichen Fratzen zu zeigen. Es ist nichts als Unterdrückung, die meine Brüder und Schwestern
verletzt und empört. Als Arbeiter Selbstmord begingen, als sie nach
dem Generalstreik von 1980 entlassen worden waren, sagtet Ihr, sie leiden
an der Unterdrückung.
Aber ich verstehe nicht, daß ihr meine Brüder und Schwestern,
die Zyankalikapseln bei sich tragen, in der Blüte ihrer Jugend und
in Selbstmordangriffen sterben, „fehlgeleitet“ seien von „fremden Interessen“
oder manipuliert seien von ausländischen Verschwörungen.
Meine singhalesischen Freunde,
1 Kommunalbeamten
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