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Home » Länder » Sri Lanka » Ohlay First of May


Die neue Ohlay zum Ersten Mai 2001 mit folgenden Artikeln:


Wir haben keine andere Wahl, als zu kämpfen

Am 13. März 2001 begannen die tamilischen Flüchtlinge und die “Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen” mit einer unbefristeten Mahnwache vor dem Bremer Hauptbahnhof. Sie fordern die Bremer Regierung dazu auf, einen Abschiebestop nach Sri Lanka zu erwirken, sowie die Bundesregierung, einen gerechten und fortdauernden Frieden in Sri Lanka zu unterstützen. Der Zeitpunkt, den wir wählten war bedeutsam: Die Bemühungen der norwegischen Regierung, die sich über 15 Monate streckten, einen Friedensprozess zwischen den Kriegsparteien auf der Insel in Gang zu bringen, wurden von einer Seite mit Nachdruck aufgenommen - den “Liberation Tigers of Tamil Eelam” (LTTE). Der einseitige Waffenstillstand, den die LTTE am Weihnachsabend 2000 zunächst für einen Monat verkündete, wurde bereits mehrere Male verlängert. Seit fast vier Monaten hatte die Regierung Sri Lankas den Waffenstillstand der LTTE ignoriert und nutzte statt dessen die militärischen Möglichkeiten die sich dadurch ergaben, um ihre Militäroperationen extrem zu verschärfen. Als sich die Präsidentin Sri Lankas, Chandrika Kumaratunge, vom 12. bis 16. März auf Staatsbesuch in Deutschland aufhielt - war es für uns immens wichtig, dass die deutsche Regierung Druck auf sie ausübe, die norwegische Friedensinitiative zu unterstützen und positiv auf den Waffenstillstand zu antworten. Wir begründeten, dass wenn dieser Weg eine Deeskalation zu erreichen nicht eingeschlagen wird, und die LTTE in eine Situation der beginnenden Kampfhandlungen gedrängt wird, dann werden die Verluste an Menschenleben gross sein. Tausende, vielleicht hunderttausende Tamilen werden zu Flüchtlingen - viele von diesen werden gezwungen sein in Länder wie Deutschland zu fliehen.
Wir haben die deutsche Regierung gewarnt, dass wenn sie ihren beachtlichen Einfluss auf Chandrika nicht wahrnimmt - angesichts dessen, dass Deutschland der zweitwichtigste Handelspartner Sri Lankas ist - es schamlos sein wird, Tamilen aus Deutschland in eine schreckliche Kriegssituation abzuschieben, die zu verhindern nicht versucht wurde.
Kanzler Schröder ging noch weiter. In seiner öffentlichen Erklärung erwähnte er den von Norwegen initiierten Friedensprozess und den Waffenstillstand nicht einmal, äußerte hingegen unverhältnismäßige Unterstützung hinsichtlich Chandrikas Politik und drückte sein Vertrauen darauf aus, dass deutsche Investitionen in Chandrikas Sri Lanka sicher sein werden.
Seit dem verweisen wir mit der Mahnwache darauf, dass diese Haltung der Bundesregierung die erneute Eskalation des Krieges unvermeidbar machen wird. Mit tausenden von Flugblättern wenden wir uns jetzt seit Wochen an die deutsche Öffentlichkeit, mit der dringlichen Bitte Druck auf die Bundesregierung auszuüben, um ihre bislang versäumten Mahnungen für den Frieden an die srilankische Regierung zu richten. Leider reichte unser bescheidenes Maß an Möglichkeiten zur Einflussnahme auf die Bundesregierung nicht aus. Die Weltöffentlichkeit interessierte sich nicht, für den Wunsch der Tamilen nach Frieden, sie interessierte sich für Investitionen in Sri Lanka und lieferte stetig neue Waffen an die srilankische Armee.
Es stellt keine Überraschung für uns dar, dass angesichts der völligen Ignoranz gegenüber den Menschenrechten der Tamilen in Sri Lanka durch die Bundesregierung, den tamilischen Flüchtlingen hier in Deutschland die gleiche Ignoranz gegenüber ihren Menschenrechten entgegengebracht wird. Doch nicht nur die tamilischen Flüchtlinge spüren hier in Deutschland, wie wenig ihr Schicksal noch Bedeutet. Die stetig ansteigende Zahl der Abschiebungen, bei gleichzeitig immer perfekter abgesicherten Grenzen und demzufolge immer weniger Asylsuchenden, zeigt uns, dass wir anscheinend dafür bestimmt sind, in einem grausamen Krieg zu sterben.
Vor fünf Jahren hatten wir tamilische Flüchtlinge in Bremen schon einmal eine Mahnwache für einen Abschiebestop nach Sri Lanka. In dieser Zeit, in der die neoliberale Politik auch in Bremen anfing ihren ungehinderten Einzug zu finden, gelang es uns noch, mit unseren Aktivitäten eine Gegenöffentlichkeit so weit zu aktivieren, dass wir tatsächlich für lange Zeit die Abschiebungen aus Bremen nach Sri Lanka verhindern konnten.
Heute, da die Politik der Ausgrenzung bereits viel weiter vortgeschritten ist, gestaltet es sich für uns weitaus schwieriger, Einfluss auf die Bremer Landesregierung, die uns abschieben will, zu gewinnen. Trotz der genauen Kenntnisse über die Gefahren, die uns in Sri Lanka drohen, drängen die Behörden darauf uns mit dem berüchtigten "emergency passport" abzuschieben.
Darum wollen wir uns heute am Ersten Mai, dem weltweiten Kampftag der Arbeiterklasse an die Werktätigen in Deutschland wenden. Der Kampf der Tamilischen Flüchtlinge in Deutschland gegen Abschiebungen nach Sri Lanka und für einen gerechten Frieden in unserem Heimatland Tamil Eelam versteht sich ausdrücklich als ein Teil des Kampfes der Völker in der Dritten Welt gegen ihre Ausbeutung und Unterdrückung.
Die Menschenrechte sind universell, und müssen auch allen Menschen in der Dritten Welt zugestanden werden. Die Neoliberale Umwälzung der Welt, führt zu immer grösseren Menschenrechtsverletzungen in unseren Ländern und zwingt immer mehr Menschen zur Flucht. Es ist barbarisch, wenn eine reiche Nation wie Deutschland immer weiteren gesellschaftlichen Gruppen ihre Menschenrechte versagt. Bei uns Flüchtlingen, als schwächstem Glied in dieser Gesellschaft, bedroht diese Barbarei bereits unser Leben, indem wir massenhaft in die Folterkeller unserer Regime deportiert werden.
 

Kein Recht auf Gerechtigkeit und Frieden?

Der vor vier Monaten von der LTTE einseitig ausgerufene Waffenstillstand ist am 24. April ausgelaufen und wurde nicht wie bisher um einen Monat verlängert. Die LTTE reagiert damit auf die kompromisslos militaristische Haltung der srilankischen Regierung, die den Waffenstillstand offensichtlich nicht als Chance für Friedensverhandlungen sah, sondern strategisch für massive Angriffe durch die srilankische  Armee missbrauchte.
Der Waffenstillstand der LTTE ist im Geiste der Friedensinitiative zu sehen, mit der sich die norwegische Regierung seit Anfang letzten Jahres um eine Lösung für den seit 20 Jahren andauernden Bürgerkrieg und ein Ende des Blutvergiessens bemüht. Zu diesem Zweck führt der norwegische Chefunterhändler Erik Solheim regelmässige Gespräche mit Vertretern beider Kriegsparteien. Die srilankische Regierung versichert der Weltöffentlichkeit immer wieder, dass die Türen für Verhandlungen offen stünden. Seitens der Regierung wurden aber keinerlei konkreten Vorschläge gemacht, die in direkte Gespräche hätten münden können. Vielmehr warf sie der LTTE zynischer Weise vor, kein Interesse an einem Frieden zu haben, um im selben Atemzug zu verkünden, den Krieg ungeachtet der Friedensbemühungen der LTTE fortzusetzen.
Die srilankische Regierung war bewusst nicht bereit, die historische Bedeutung anzuerkennen, die der Waffenstillstand für eine friedliche Beilegung des Konfliktes in Sri Lanka hatte, und setzt weiterhin ungehemmt auf die militärische „Lösung“. Deutlich machen dies u.a. die Aussagen des srilankischen Premierministers Wickremanyake, die er 21.01.01 in der singhalesischen Zeitung „Sunday Lankadeepa“ aüsserte:
„Wir bitten sie (die LTTE) nicht darum, den Kampf zu beenden und auf uns zuzukommen. Wir sagen nur, dass wir nicht aufhören zu kämpfen.“
„Präsidentin Chandrika erklärte, dass an Gesprächen nichts Falsches sei, aber dass wir mit dem Krieg fortfahren sollten. Sie hat nie gesagt, dass wir wegen der Friedensverhandlungen den Krieg beenden müssten. Als sie sich an das Parlament richtete, legte sie folgende Aspekte dar: Erstens , der Krieg sollte fortgesetzt werden. Zweitens, sollten Friedensgespräche zustande kommen, so sollte sie während der Fortführung des Krieges stattfinden. Drittens sollte die LTTE ohne Bedingungen in die Verhandlungen treten.“
Während des Waffenstillstandes kamen über 160 Kämpfer der LTTE und eine unbekannte Zahl an tamilischen Zivilisten durch Angriffe der srilankischen Armee, wie massiven Bombardierungen durch die Luftwaffe, ums Leben. Über 400 Kämpfer wurden verletzt. Lediglich dem begründeten Misstrauen der LTTE gegenüber der srilankischen Regierung und dem daraus resultierenden Vorkehrungen zum Schutz der tamilischen Bevölkerung ist es zu verdanken, dass nicht noch eine grössere Anzahl Tamilen während des Waffenstillstandes sterben mussten.

Die Zweifel an einem wirklichen Friedenswillen der srilankischen Regierung rühren aus den Erfahrungen her, die während der Friedensgespräche 1994/1995 gesammelt wurden. 1994 war die heutige srilankische Präsidentin Chandrika Kumaratunga mit dem Versprechen zur Wahl angetreten, in Verhandlungen mit der LTTE einzutreten und den Krieg zu beenden.  Der überwältigende Wahlsieg Chandrikas Partei Peoples Alliance (Volksallianz) gab dem Friedenswillen der srilankischen Bevölkerung Ausdruck. Im Oktober 1994 fand unter der Aufsicht des Internationalen Roten Kreuzes (ICRC) ein erstes Treffen von Delegationen beider Kriegsparteien in Jaffna statt. Die Delegation der LTTE war aus hochrangigen, renommierten Kadern ausgewählt worden. Die unrepräsentative Besetzung der Regierungsdelegation mit Unterhändlern, die in keiner Weise mit der Problematik des Konfliktes vertrauten waren, liess erkennen, dass ihnen keine qualifizierte Verhandlungstätigkeit, sondern einzig eine Botenrolle zukommen sollte. Dennoch wurden die ersten Gespräche in dem Gefühl eines gemeinsamen Zieles geführt. Die LTTE hob das unendliche Leiden der tamilischen Bevölkerung unter den Bedingungen des Krieges hervor und verlangte die notwendige Aufhebung des Embargos, dass die srilankische Regierung seit Beginn des Krieges vor über 20 Jahren über die tamilischen Gebiete verhängt hatte. Weiter schlug sie einen Waffenstillstand vor, um eine klare Ausgangsbasis für folgende Gespräche zu schaffen. Seitens der Regierung wurde die Instandsetzung von Häusern und Strassen und die Streichung einiger Güter von der Embargoliste zugesichert. Tatsächlich haben die wenigen Güter die tamilischen Gebiete niemals erreicht, sondern wurden an den Armeestützpunkten zurückgehalten oder erst gar nicht geliefert. Obwohl das tamilischen Waffenstillstandsangebot von der Regierung nicht zur Kenntnis genommen wurde, verhängte die LTTE dennoch einen einwöchigen unilateralen Waffenstillstand, um dem Friedenswillen Nachdruck zu verleihen. Die srilankische Armee antwortete auf die ausgestreckte Hand der LTTE mit zahlreichen Angriffen, bei denen ein hochrangiger Offizier der LTTE gefangen genommen und anschliessend auf barbarische Weise geköpft wurde. Erst nach Ablauf des Waffenstillstands bot der srilankische Verteidigungsminister in einem Brief einen „Stop feindlicher Handlungen“ für lediglich zwei Wochen an. In dem Brief  definiert der Verteidigungsminister allerdings klar die Unterschiede zwischen einem Waffenstillstand und dem Angebot der Regierung. Mit einem „Stop feindlicher Handlungen“ ist gemeint, dass beide Parteien in ihren militärischen Positionen in voller Waffenbereitschaft bleiben und die Möglichkeit haben, frischen militärischen Nachschub zu organisieren, um somit ein strategisches Ungleichgewicht zu ihren Gunsten zu schaffen. Ausserdem sollte nach Ansicht der srilankischen Regierung ihr Vorschlag als nicht so verbindlich gelten wie ein regulärer, von internationalen Beobachtern kontrollierter Waffenstillstand, den die LTTE favorisierte. Ein zweiwöchiges Aussetzen von Kampfhandlungen mit den beschriebenen Konsequenzen, welches unter Umständen um kurze Zeitabschnitte verlängert werden konnte, war sicher kein geeignetes Mittel, um gegenseitiges Vertrauen zu schaffen.

Insbesondere das Bild einer im Paris der 68er-Umbrüche studierten, westlich orientierten Demokratin half Chandrika, dieses „Angebot“ der liberalen Weltöffentlichkeit als Beweis ihres guten Willens zu verkaufen. Diese Irreführung hatte zum Zweck, mit Hilfe der Öffentlichkeit die LTTE unter Druck zu setzen, und machte es für sie notwendig, dem Angebot gezwungener Maßen zuzustimmen. Während dieser gross angelegten Kampagne wurden direkte Verhandlungen von der Regierung taktisch vermieden und innerhalb von sechs Monaten nur vier direkte Gespräche von ein paar Stunden, aber über 70 Briefwechsel geführt. Die Regierungsbriefe wurden mehr und mehr in Form von Propagandamaterial verfasst. Tatsächlich wurde ein Teil dieser Briefe bewusst mit dem Zweck an die Presse lanciert, die LTTE in der öffentlichen Meinung als unglaubwürdig erscheinen zu lassen.

Chandrika vermittelte den Eindruck von intensiven Friedensbemühungen. Gleichzeitig trieb die srilankische Regierung die Neurekrutierung von Soldaten und die Versendung von Truppen und Kriegsgerät in das Kriegsgebiet voran, womit sie einen massiven Angriff auf die Region Jaffna vorbereitete. Obwohl die LTTE- Führung mehrfach auf die Gefährdung der Friedensgespräche hinwies, die von dieser bedrohlichen Entwicklung ausging, zwang die Unnachgiebigkeit der srilankischen Präsidentin die LTTE letzten Endes dazu, den Kampf wieder auf zunehmen.

Dem Widerspruch zwischen den Friedensbekundungen Chandrikas und der wirklichen militärischen Zuspitzung durch die srilankische Regierung wurde in der liberalen Öffentlichkeit keine Beachtung geschenkt. Trotz der offensichtlichen kriegstreiberischen Regierungspolitik machten die Medien die LTTE für das Scheitern der Friedensverhandlungen verantwortlich. Die folgende Militäroffensive der srilankischen Armee legte Jaffna in Schutt und Asche. Tausende Tamilen wurden getötet und über 500.000 Tamilen mussten aus Jaffna in die Wälder fliehen, um der srilankischen Armee zu entgehen. Chandrika hatte geschafft, was kein Präsident vor ihr schaffen konnte: Sie vermochte es, den Krieg gegen das tamilische Volk in einen „rechtsstaatlichen“ Mantel zu kleiden, weshalb er mittlerweile von grossen Teilen der westlichen Öffentlichkeit legitimiert wird. Die nach wie vor systematisch begangene Folter, die Vergewaltigungen und extralegalen Hinrichtungen gelten seither, sollten sie publik werden, als „Entgleisungen“ einzelner, die vom „Rechtstaat“ geahndet würden. Tatsächliche Bestrafungen der Täter sind Einzelfälle, nicht aber die Misshandlungen. Die Festnahmen, von denen alleine im vergangenen Jahr 18.000 erfolgten, werden als notwendige Massnahmen zur „Terrorismusbekämpfung“ angesehen.
Im Nachhinein zeigt sich, dass die ganze Inszenierung von Friedensgesprächen nicht den Frieden zum Ziel hatte, sondern den Kampf der Tamilen für ein gerechtes Leben zu diskreditieren und Chandrika die Möglichkeit zu geben, mit der von ihr ausgegebenen zynischen Parole „War for Peace“ (Krieg für den Frieden) den Krieg in einem noch nicht dagewesenem Ausmass zu eskalieren und das Leben den Tamilen auch in der sogenannten Fluchtalternative Colombo zur Hölle zu machen.

Es ist klar, dass die militärischen Ziele der srilankischen Regierung langfristig nicht zu erreichen waren. Der Weg des Militarismus, den Chandrika 1995 weiter vorangetrieben hat, hat das Land nicht nur ökonomisch an den Abgrund gebracht. Die Regierung hat mit der jahrelangen Kriegspropaganda unter dem Slogan „War for Peace“ und der landesweiten repressiven Politik gegen Tamilen wesentlich zu einer chauvinistischen Radikalisierung der singhalesischen Gesellschaft beigetragen, die in dem Massaker von Bandarawele ihren bisherigen traurigen Höhepunkt erreicht hat. In Bandarawele hatte am 25. Oktober 2000 ein Lynchmob aus der singhalesischen Zivilbevölkerung ein sogenanntes „Rehabilitationszentrum“ gestürmt und, von den singhalesischen Sicherheitskräften ungestört, 31 der 44 tamilischen Insassen ermordet. Erst als dieser Vorfall international bekannt wurde, nahm die Polizei etwa 200 an dem Lynchmob beteiligte Personen fest. Diese wurden kurze Zeit später aufgrund von massiven Protesten der örtlichen singhalesischen Bevölkerung wieder laufengelassen.

Die Parlamentswahlen vom 10. Oktober 2000 in Sri Lanka markieren einen weiteren Meilenstein in der Geschichte des singhalesischen Chauvinismus und dessen Auswirkungen auf die politische Situation der Insel. Zum ersten Mal haben sich alle extremistischen, singhalesisch- chauvinistischen Kräfte in der Partei “Sihala Urumaya” (Singhalesisches Vermächtnis) zusammengeschlossen und einen relativ hohen Anteil an Wählerstimmen erhalten, wenn man bedenkt, daß seit der Gründung der Partei erst drei Monate vergangen waren. Zudem war es den singhalesisch- chauvinistischen Kräften möglich, die politischen Programme aller singhalesischen Parteien zu noch extremeren Positionen zu führen. Da die singhalesischen Parteien unfähig waren, einen klaren antirassistischen Standpunkt einzunehmen, wurden sie  durch das Anstacheln niederer Instinkte in ihrer Wählerschaft automatisch dazu gebracht, mit den faschistischen Kräften zu wetteifern. Darüber hinaus zeigte sich die Mobilisierungskraft der Sihala Urumaya darin, daß es ihr gelang, den von Norwegen vermittelten Friedensversuch, der auch von anderen westlichen Regierungen unterstützt wurde, völlig zu sabotieren. Und dies nicht nur durch massenhafte rassistische Demonstrationen sondern auch durch Bombenanschläge gegen die norwegische Botschaft und von Norwegen finanzierte NGOs. Bisher ist noch nicht einmal der Versuch unternommen worden, diese Bombenanschläge aufzuklären.
Diese neue Partei ruft zu einem Vernichtungskrieg gegen die Tamilen auf und gleichzeitig zur Vertreibung der tamilischen Flüchtlinge, die in den singhalesisch- sprachigen Gebieten wie z.B. der Hauptstadt Colombo vor dem Krieg Zuflucht suchen. Man braucht sich keine Illusionen darüber zu machen, daß diese Partei ein kurzlebiges Phänomen sei. Die Partei ist tief verwurzelt in weiten Teilen der singhalesischen Gesellschaft einschließlich der ärmsten Bevölkerungsschicht. Selbst die gewerkschaftlich organisierten Streiks, die früher als vermeintliche Unterstützung der LTTE gebrandmarkt wurden, werden mittlerweile dazu genutzt, die chauvinistische Kriegspropaganda gegen das tamilische Volk zu schüren und selbst den kleinsten Ansatz fortschrittlicher Politik der Regierung zu zerstören.

Die letzte Aussage Chandrikas nach Beendigung des Waffenstillstands macht deutlich, dass sievollends in die Linie der anti- tamilischen Kriegstreiber eingeschwenkt ist.
Sie lobte die srilankische Armee, „kontinuierlich hart und stark dafür zu kämpfen, die LTTE von dem geliebten Mutterland auszulöschen.“
Weiter sagte sie:„Der gute Wille und die Ausbildung und Ausrüstung der Armee in Moderner Kriegsführung haben es uns möglich gemacht, den Frieden bringen zu können.“
In den letzten Monaten wurden die srilankischen Streitkräfte massiv mit moderster Waffentechnologie aus den USA, Israel und Russland aufgerüstet. Massgeblich erfährt Chandrika Unterstützung durch die USA, die einerseits militärisch mit schweren Waffenlieferungen, aber auch Ausbildungslagern, und anderseits politisch mit der Kriminalisierung des tamilischen Befreiungskampfes durch das Verbot der LTTE als „terroristische Organisation“ zur direkten Förderung des singhalesischen Chauvinismus beiträgt. Die jährlichen finaziellen Hilfen der Weltbank durch die Paris Aid Group in Höhe von 850 Mio. Dollar machen die Weiterführung des Krieges erst möglich. Sie decken nahezu den gesamten Betrag, den die Regierung für den Militäretat jährlich aufbringt.

Mit dem einseitigen Waffenstillstand richtete sich die LTTE auch an die Internationale Gemeinschaft, endlich ihren Einfluss geltend zu machen und Druck auf die srilankische Regierung auszuüben. Zur gleichen Zeit sondierte Chandrika in einer Europareise, ob die europäischen Staaten, vornehmlich Deutschland, eine friedlichen Lösung durch Friedengespräche oder die Fortsetzung des blutigen Krieges unterstützen werden. Mit dem Verbot der LTTE in Grossbritannien und der Aussage des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, dass „alle Anstrengungen unternommen werden müssten, den internationalen Terrorismus zu bekämpfen“ und „diese gemeinsamen Anstrengungen von einer entsprechenden Zusammenarbeit auf diesem Gebiet begleitet“ werden müssten, wird die militaristische Position der USA übernommen und Chandrika offiziell der Rücken für die Weiterführung des Krieges gesichert. Die kurzfristige Sicherung hoher Profite, die der Krieg den Industrienationen einbringt, wird langfristig in eine totale Zerstörung des Landes führen.
Neben dem ökonomischen Niedergang wird die vorangetriebene internationale Isolierung der LTTE als legitime Vertretung der tamilischen Bevölkerung den singhalesischen Chauvinismus stärken und die Gesellschaft in Sri Lanka auf lange Zeit unüberbrückbar gespalten.

Bereits am 25. April, einen Tag nach dem Ende des Waffenstillstands der LTTE, startete die srilankische Armee eine schon seit Januar geplante Grossoffensive, in der laut Quellen aus Colombo binnen 36 Stunden über 100 Regierungssoldaten getötet und über 1000 zum Teil schwer verletzt wurden. Russische Kampfjets und israelische Multi- Barrel- Rocket- Lauchers, grosskalibrige Raketenwerfer, haben tamilische Ortschaften nahezu ununterbrochen unter Beschuss genommen und eine ungekannte Zahl an Opfern unter der tamilischen Zivilbevölkerung gefordert. Dies ist die Realität, für die die Regierung Sri Lankas und die Internationale Gemeinschaft die Verantwortung tragen.
 

Sicherheitskräfte werden für Vergewaltigung nicht belangt

Am 19. März wurden die beiden Frauen Sivamani and Wijikala in Haft von den Sicherheitskräften in Mannar vergewaltigt. Die Täter  wurden für ihr Verbrechen nicht belangt, die Opfer hingegen verbleiben nach wie vor in Haft.
Das ist kein Einzelfall, Vergewa-ltigungen von Tamilinnen sind Bestandteil des Krieges gegen das tamilische Volk. Nur eines ist an dem jüngsten Vorfall von Mannar aussergewöhnlich: das Verbrechen durch die Sicherheitskräfte ist an di Öffentlichkeit geraten. Möglicherweise wird es sich dann sogar im nächsten Bericht des Auswertigen Amtes wiederfinden – als bedauerlicher Einzelfall.
Die tamilischen Studentinnen und Studenten an der Batticaloa Eastern University nahmen diesen bekannt-gewordenen Übergriff zum Anlass, trotz Ausnahmezustandes und verhängtem Kriegsrechtes eine Demonstration mit über eintausend Teilnehmern durchzuführen. Mit folgenden Worten richteten sie sich an die Weltöffentlichkeit:
”Der Krieg, den die Regierung Sri Lankas vom Zaum gebrochen hat, richtet sich nicht allein gegen den persönlichen Besitz des tamilischen Volkes, sondern auch gegen ihre Selbstachtung und ihre Würde. Das Ziel des Krieges, den die Regierung Sri Lankas gegen die Tamilen führt, ist, diese psychologisch zu terrorisieren und sie in den Zustand einer Gedankenohnmächtigkeit zu versetzen. Wenn wir als eine Gesellschaft mit Selbstrespekt und Würde leben wollen, müssen wir uns von so einem Zustand des selbst nicht denken dürfens befreien und uns erheben, so dass wir in einer Position sind, unser eigenes Schicksal zu bestimmen.” So eine Äußerung der StudentInnen bei der Demonstration vergangenen Freitag.
 

Krishanty

(Für Krishanty Kumaraswami, eine Schülerin
aus Jaffna, die von 11 Regierungssoldaten  vergewaltigt und ermordet wurde)
Das Gedicht erschien zuerst ihn dem fortschrittlichen singhalesischen Magazin ‚Hiru‘.

Auch nach deinem Tod
Bricht das Morgengrauen
Über südliche Horizonte herein
Die Mittage sind heißer
Und die Sonnenuntergänge früher
Auch nach deinem Tod
Drängen sich die gleichen Menschen
Voll Verzweiflung
Die nachmittäglichen Straßen herunter
An den Absperrungen
Stellen Soldaten
Personalien fest
Am hektischen Abend verlassen
Schlurfende lange Schatten
Die Stadt
Nach der Arbeit
Auch nach deinem Tod
Bleiben die Schlagzeilen der Nachrichten
Die Gleichen
Jeden Abend im Fernsehen
Danken die Menschen aus dem Norden
den Soldaten für ihre Befreiung
Während neue Tage
Sich zum alten Sonnenlicht gesellen
Geht die Veränderung im Geheimen vor
Und die Leute denken
Daß sich nichts ändert
Auch nach deinem Tod
Lernen Menschen
mit geballten Fäusten
Menschen mit gesenkten Köpfen
Menschen mit brennenden Herzen
Die Geduld
Doch ein Tag, nur ein Tag
An dem sich diese Fäuste auftun
Die Köpfe erheben
Und die Herzen ausbrechen
Wird kommen
Doch das
Wird nach deinem Tod sein.
 

Leben unter willkürlichen Sicherheitsvorkehrungen

Die srilankische Human Rights Comission (HRC) eröffnete Ende letzten Jahres einen Bericht, nachdem im gesamten Jahr 2000 über 18. 000 Tamilen auf Grundlage der Sicherheitsbestimmungen, den sogenannten Emergency Regulations (ER) und dem Prevention of Terrorism Act (PTA) inhaftiert wurden. Diese Zahlen geben Aufschluss darüber, in welchem Ausmass die srilankischen Sicherheitskräfte von diesen Sonderregelungen Gebrauch machen, um zumeist willkürlich ausschliesslich Tamilen kurzfristig oder längerfristig in Gewahrsam zu nehmen.

Das PTA erlaubt u.a. eine Inhaftierung von Verdächtigen ohne Haftbefehl, ohne Anklageerhebung und ohne Kontakt zur Aussenwelt bis zu 18 Monaten. Zudem gestattet es das Durchsuchen von Wohnungen und Fahrzeugen ohne Durchsuchungsbefehl. Aussagen, die in der Haft gemacht wurden, können vor Gericht verwendet werden, auch wenn der oder die Angeklagte diese während der Verhandlung widerruft. Ergänzt wird das PTA von den ER, unter deren Notstandsverordnungen Personen ohne Haftbefehl festgenommen und auf unbestimmte Zeit ohne Anklage oder Gerichtsverfahren inhaftiert werden können. Nach jeweils 90 Tagen muss eine Haftverlängerung von einer richterlichen Kommission angeordnet werden. Wo keine Beweise ersichtlich sind, muss gemäss den Verordnungen die Freilassung verfügt oder Anklage erhoben werden. Eine Verlängerung der Haft kann nicht angefochten werden. Personen, die bereits aufgrund der Bestimmungen des PTA für 18 Monate inhaftiert wurden, können im Anschluss daran weiterhin unter den ER in Haft gehalten werden. Wie beim PTA können Aussagen, die in der Haft (unfreiwillig) gemacht wurden, vor Gericht verwendet werden, auch wenn diese von den Betroffenen während der Verhandlung widerrufen werden.

Was von der srilankischen Regierung als "lebensnotwendige Sicherheitsvorkehrungen" postuliert wird, ist für Tamilen in allen Teilen des Landes, einschliesslich derjenigen, die gegen ihren Willen nach Sri Lanka zurückgeschoben werden, ein lebensbedrohender Alptraum, der sie jederzeit und überall heimsuchen kann. Laut Bericht des US State Departments sind allein in dem staatlichen Gefängnis in Kalutara über 700 tamilische Personen in Haft, viele von ihnen seit mehreren Jahren, ohne das je Anklage erhoben wurde. Dabei kam es bereits verschiedentlich zu übergriffen von singhalesischen Häftlingen oder dem Gefängnispersonal, bei denen jeweils tamilische Gefangene getötet oder verletzt wurden. Die oben genannten Zahlen sprechen in diesem Zusammenhang Bände. Die srilankischen Gefängnisse im ganzen Land sind überfüllt mit tamilischen Gefangenen, die lediglich unter dem "Terrorismusverdacht" jahrelang und oftmals unter Folter und schweren Misshandlungen festgehalten werden. Familienväter und Mütter, junge Männer und Frauen werden beim Einkauf, auf dem Schulweg, während der Arbeit oder in ihren Häusern verhaftet, einzig und allein aufgrund der Tatsache, Tamile/Tamilin zu sein.

Dennoch geht das Auswärtige Amt und die deutsche Auslandsvertretung davon aus, dass Tamilen ausserhalb der Kriegsgebiete in den südlichen Landesteilen ein sicheres Leben führen können. Mit dieser sogenannten inländischen Fluchtalternative ist vor allem der Grossraum Colombo gemeint, in dem aufgrund des Krieges mittlerweile ca. 300.000 Tamilen leben, denn mit Ausnahme der Teeplantagen leben kaum Tamilen im südlichen Teil der Insel.
Schon ein kurzer Aufenthalt in der srilankischen Hauptstadt genügt, um zu begreifen, dass mit dieser Einschätzung, die derzeit die Grundlage für die Abschiebungen von Hunderten tamilischer Flüchtlinge aus Deutschland stellt, die beklemmende, gefährliche Situation für die Tamilen vollkommen ignoriert wird. Colombo gleicht vielmehr einer belagerten Stadt. überall befinden sich Checkpoints und Strassensperren, Personenkontrollen gehören zum alltäglichen Stadtbild. Mehrere Male im Monate werden ganze Stadteile, die überwiegend von Tamilen bewohnt werden, durch sogenannte "round-ups" abgeriegelt und durchsucht.
Drei Dokumente sind unbedingt nötig (wenn auch nicht gesetzlich vorgeschrieben), um sich als Tamile einigermassen gefahrlos durch die Stadt bewegen zu können: Eine gültige Identitätskarte, ein offizielles Formular, das einen festen Wohnsitz in Colombo bescheinigt und ein Dokument, dass einen triftigen Grund (valid reason) für den Aufenthalt in Colombo vorweist.

Nahezu alle tamilischen Flüchtlinge, die aus Deutschland aber auch aus anderen europäischen Ländern abegschoben werden, erhalten von der srilankischen Botschaft lediglich ein Passersatzpapier (emergency- passport), dessen Gültigkeit nach der Einreise in Sri Lanka erlischt. Dadurch besitzen diese keinerlei Identitätspapiere, geschweige denn die zuvor erwähnten anderen notwendigen Papiere, um einer sehr wahrscheinlichen Inhaftierung entgehen zu können. Die meisten Betroffenen werden aufgrund des emergency- passports schon bei der Einreise inhaftiert. Zum einen, weil vermutet wird, dass sie gegen die Ein- und Ausreisebestimmungen verstossen haben, zum anderen, um sie über ihren Auslandsaufenthalt und eventuelle politische Aktivitäten zu befragen. Diejenigen, die keine Verwandten oder Freunde in Colombo haben, erhalten keine Möglichkeit, durch Zahlung einer Kaution aus der Haft entlassen zu werden und sind somit einer längeren Inhaftierung und möglicher Misshandlung ausgesetzt. Mehr als 250 Tamilen sind auf Grundlage des Ein- und Auswanderungsgesetzes inhaftiert, weitere 100 Tamilen wurden auf dieser Basis zu einem Jahr Gefängnishaft und einer Geldstrafe von 50.000 Rupies verurteilt.

Durch den mutigen Protest von 22 tamilischen Gefangenen - abgeschobene Flüchtlinge, die seit Wochen ohne richterliches Urteil in Haft im Negombo- Gefängnis gehalten werden - gelangte erst kürzlich die oftmals beklagte erniedrigende und willkürliche Behandlung durch srilankische Sicherheitskräfte und Behörden an die Öffentlichkeit. Am 7. April begannen die tamilischen Gefangenen einen Hungerstreik und forderten ihre sofortige Freilassung auf Kaution, oder zumindest die Vorführung vor einen Richter. Ihr friedlicher Protest wurde umgehend durch das brutale Eingreifen von Gefängniswärtern erstickt, bei dem sieben der wehrlosen Gefangenen schwere Verletzungen erlitten. Die Brutalität mit der das Gefängnispersonal vorging, gibt einen Eindruck davon, mit welcher Gewalt tamilische Gefangene unter Ausschluss öffentlicher Augen konfrontiert sind.
 

Leben und Freiheit gegen Tod und Hunger

Mit der Gründung der singhalesisch- nationalistischen Partei Sihala Urumaya (SU, singhalesisches Vermächtnis) wurde eine gesellschaftliche Entwicklung sichtbar, die von diversen singhalesisch- nationalistischen Organisationen in den letzten Jahren nahezu unbemerkt systematisch angetrieben und gelenkt wurde. Diesen nationalistisch-chauvinistischen Gruppierungen wurde es nicht nur möglich, einen Einfluss auf die Regierungspolitik auszuüben, sie hat auch mit dem Schüren des ohnehin schon tief verankerten nationalen Kriegsbewusstseins weite Teile der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit gegen die Tamilen aufbringen können. Das grausame Gefängnismassaker in Bandarawele zeigt nicht zum ersten Mal das erschütternde Ergebnis singhalesisch- chauvinistischer Agitation. Ein Lynchmob, bestehend aus mehreren hundert Personen aus der singhalesischen Bevölkerung, fiel über wehrlose tamilische Gefangene her, die angeblich, laut Regierungsprogramm, gerade in dieselbe singhalesische Gesellschaft "re-integriert" werden sollten.

Chandrika Kumaratungas Regierung, die sich der internationalen Gemeinschaft noch immer effektiv als "Friedensbringerin" verkaufen kann, gelingt es nicht, wie sie vorgibt, der chauvinistischen Radikalisierung in der Bevölkerung Einhalt zu gebieten. Dies ist nicht weiter verwunderlich, hat doch die Regierungspolitik der vergangenen Jahre mit dem Slogan "war for peace" wesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen. Die jahrelangen Einwirkungen der Kriegspropaganda, die staatliche Repression, sowie die Auswirkungen der "Opferbereitschaft für die nationale Sache", haben zu einer derart starken Polarisierung der singhalesischen Gesellschaft geführt, dass es unvorstellbar erscheint, dass sich auch nur eine Stimme unter den Singhalesen öffentlich gegen den Krieg und für das Selbstbestimmungsrecht der Tamilen ausspricht. Tamilen, die in allen Teilen der Insel am meisten unter der Unterdrückung und dem unerbittlichen Krieg leiden, werden für die Missstände der Nation verantwortlich gemacht.

Tatsächlich aber versucht seit Beginn dieses Jahres eine kleine Strömung gesellschaftlicher Kräfte, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Rechte und den Widerstand der Tamilen zu verteidigen, vor allem das Gehör der Singhalesen im Süden der Insel zu finden. Das srilankische Human Rights Action Comitee initiierte in Kooperation mit den linkspolitischen Parteien und Organisationen NSSP, Democratic Left Alliance, United Socialist Party und Dyasa Group diverse Kampagnen mit dem Ziel, unter der singhalesischen Bevölkerung ein moralisches Gewissen für die Opfer dieses Krieges zu erwecken und die wahren Hintergründe für die Fortsetzung der Kriegsmaschinerie aufzudecken. Die Form ihrer Kampagnen Sadu Jana Rava (voice of the people with good intentions) ist einfach und wirkungsvoll; gemeinsam mit einer Gruppe von Künstlern wendet sich das Bündnis mit Gesang, Erzählungen und Reden an die Bevölkerung, stets darauf bedacht die Leiden und Sorgen der Adressaten in ihr Programm miteinzubeziehen. Die Inhalte spiegeln die alltägliche Gewalt des Krieges wieder und konfrontieren die Zuhörer mit einer gesellschaftlichen Realität, die durch die Regierungspropaganda pervertiert wurde und die sie mit der von der Regierung eingeforderten Opferbereitschaft gelernt haben, zu akzeptieren:

"Hunger umgibt uns. Immer mehr unserer jungen Männer werden zu Champions bei den Paralympics. Wir schicken unsere Kinder in den Krieg und kaufen gleichzeitig Lose der Kriegsheldenlotterie. Patrioten, die vor langer Zeit ausgewandert sind, lächeln von Hochglanzjournalen, präsentieren stolz ihre Spenden von Prothesen für die Kriegsversehrten , die keine Chance hatten das Land zu verlassen. Auf dem Land nehmen sich vor Hunger verzweifelte Eltern das Leben, stürzen sich mit ihren Kindern in Flüsse. Hungrige Kinder sterben an giftigen Substanzen, weil sie auf der Suche nach Nahrung nichts anderes finden. Musical- Shows, veranstaltet, um damit das Kriegsbewusstsein voranzutreiben, werden zu eigenen Schlachtfeldern bei denen die Zuschaür sterben.

Aber das Establishment in der Hauptstadt geniesst das Leben, geschützt durch die Sicherheitsvorkehrungen.

Seht Euch an, wie tief wir gesunken sind! Wir schlafen ruhiger, wenn wir im Fernseher verfolgen können, wie die Felder und Häuser unserer tamilischen Nachbarn durch den Stahlregen von Multi- Barrel- Rocket- Launchers zerstört werden. Aber zur gleichen Zeit werden Tausende von Hektar unserer fruchtbarsten Ländereien an Multinationale Konzerne ausverkauft. Selbst auf unser frei erhältliches, kostbares Trinkwasser werden sie einen Eigentumsanspruch erheben. Unsere Regierung ist jederzeit bereit, den Multinationalen Konzernen die Freiheit zu geben, grenzenlos über unsere Ländereien zu verfügen. Aber wir glauben weiterhin, es sei eine nationale Notwendigkeit, die Ländereien der Mankulam- Ebene, die durch den Fleiss der armen tamilischen Landarbeiter aufgebaut wurde, zu verwüsten.

Denkt darüber nach, was für eine gewissenlose Gesellschaft wir geworden sind! Noch vor zehn Jahren waren die Strassen des Südens angefüllt mit den brennenden Leichen ermordeter Jugendlicher. Unsere Städte und Dörfer waren eingehüllt in Gewehrfeuer und Angst. Unsere Träume von Freiheit und Leben wurden erstickt.

Jetzt nehmen wir unsere kleinen Kinder zu Militärparaden und Flugzeugausstellungen der Airforce mit, um ihnen die Kampfbomber zu zeigen, die im September 1995 auf gleichaltrige tamilische Kinder in der Nagakovil- Schule in Jaffna Bomben abwarfen.

Hungersnot steht an unseren Türschwellen. Der Krieg bringt Heldenlegenden nach Colombo und versiegelte Särge nach Kurunegala. Die Multinationalen Diebe, die bereits unsere Ländereien, unser öffentliches Eigentum und die billige Arbeitskraft unserer Jugend gestohlen haben, werden keine Ruhe geben, bis sie unsere sämtlichen natürlichen Ressourcen kontrollieren.

Angesichts dieser Zerstörung, habt ihr keine Träume von Menschenwürde statt diese verachtenswerte Versklavung zu akzeptieren? Habt ihr keine Träume von Leben und Freiheit die ihr gegen die Realität von Tod und Hunger eintauschen könnt?

Wir träumen von einem gemeinsamen Vorgehen der Singhalesen, Tamilen und Muslime, um diesen Traum verwirklichen zu können. Das ist unser schönster Traum, der zur gleichen Zeit ein Alptraum werden kann für diejenigen, die uns in diese Armut und Versklavung getrieben haben."

Am 4. Februar 2001, zwei Tage vor dem 53. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Sri Lankas und genau 100 Tage nach dem Massaker an den tamilischen Gefangenen in Bandarawele trat das Bündnis unter dem gleichnamigen Motto zum ersten Mal vor der Fort Railway Station in Colombo mit seinem Programm an die Öffentlichkeit. Weitere Kampagnen im gesamten Colombo Distrikt folgten.

Kurz vor der singhalesischen und tamilischen Neujahrsfeier reiste das Bündnis in einem Autokonvoi für vier Tage (9.-12.April) mit seiner Anti- Kriegskampagne "Leben und Freiheit gegen Tod und Hunger" von Colombo über Kandy, Kurunegala, Dambulla, Anuradhapura nach Vavuniya. Bei jeder Station widmete sich der Friedenszug den regionalen Problemen und liess diese in sein Programm einfliessen.

So ist die historische Königsstadt Anuradhapura, Pilgerort der buddhistischen Mönche und kultureller Stolz der Singhalesen, heute einer der Hauptstützpunkte der srilankischen Armee. Aus wirtschaftlicher Not, um die Familie zu versorgen, leisten viele junge singhalesische Männer aus dieser Region den Kriegsdienst, während die jungen singhalesischen Frauen unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Freihandelszonen arbeiten, oder ihren Körper verkaufen. Mehr als 40.000 Frauen in der Gegend um Anuradhapura verdienen ihren Lebensunterhalt als Prostituierte. Musical-Shows mit Titeln wie "Der Brief eines Soldaten in die Freihandelszone" werden zum Schauplatz gewaltätiger Auseinandersetzungen. Diese "Unterhaltungsshows" sind oftmals derart aufreizend, dass es auch danach häufig zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen durch singhalesische Soldaten kommt.

Der Friedenszug endete in Vavuniya, wo das Programm im Zentrum der Stadt und direkt vor den Flüchtlingslagern Poonthottam hauptsächlich die tamilische Zuhörerschaft erreichte. Im Gegensatz zu den Kampagnenstationen im Süden lag der Schwerpunkt des Programmes in Vavuniya darin, den Tamilen, die seit Jahren in den Flüchtlingslagern wie in "offenen Gefängnissen" leben, die Botschaft zu übermitteln, dass es auch noch in der singhalesischen Gesellschaft Kräfte gibt, die gewillt und bemüht sind, sich gemeinsam mit ihnen für ihre Rechte einzusetzen. Dabei ging es ihnen weniger darum eine Entschuldigung zu formulieren für etwas, das unentschuldbar ist, sondern vielmehr darum zu zeigen, dass sie all ihre Anstrengungen darauf konzentrieren, eine gesellschaftliche Veränderung im Süden der Insel zu erreichen - für ein Leben in Freiheit gegen den Hunger und Tod.
 

Tamilen aus Bremen, die akut von Abschiebung bedroht sind

Familie Pararajasingham

Kathiran und Mary Angela Pararajasingam kamen im Februar 1996 mit ihrer damals dreijährigen Tochter Sinthuja nach Deutschland. Die Ankunft in Deutschland bedeutete für die drei Tamilen das Ende einer monatelangen traumatischen Flucht. Nachdem die srilankische Armee im November 1995 Jaffna (Halbinsel im Norden Sri Lankas) besetzte, waren sie gezwungen ihren Heimatort zu verlassen. Die Flächenbom-bardierungen und die militärischen Operationen forderten zahlreiche Todesopfer und Verletzte unter der tamilischen Zivilbevölkerung, mehr als 500.000 Tamilen wurden von der Halbinsel Jaffna vertrieben.
Nach wochenlanger Flucht und Vertreibung innerhalb des Landes, erreichte die tamilische Familie die Hauptstadt Colombo. Aber auch dort waren sie nicht sicher. Kathiran wurde von srilankischen Sicherheitskräften inhaftiert und misshandelt. Nur durch Bestechungsgeld konnte er aus der Haft freigekauft werden, nicht ohne die Drohung der Sicherheitskräfte, dass seine nächste Verhaftung sein Todesurteil bedeuten würde. Daraufhin entschloss sich die Familie Sri Lanka zu verlassen. Seitdem lebt die Familie Pararajasingam in Bremerhaven. Zwei weitere Kinder (ein vierjähriger und ein einjähriger Sohn) sind in Deutschland geboren. Sinthuja ist mittlerweile 8 Jahre alt und besucht mit Erfolg die 3. Klasse der Fritz-Reuter-Schule in Bremerhaven. Sie hat viele Freunde gefunden, eine Rückkehr nach Sri Lanka ist für sie unvorstellbar und macht ihr große Angst. Kathiran arbeitet in einer Lebensmittelfabrik und versucht so für den Lebensunterhalt seiner Familie aufzukommen. Er leidet unter mittelschwerem Asthma bronchiale und benötigt ständig medizinische Behandlung und teure Medikamente, die er sich in Sri Lanka nicht leisten kann. Ein Abbruch der Behandlung würde seine Asthmaerkrankung verschlechtern, ein schwerer Asthmaanfall könnte tödlich für ihn enden.
Im letzten Jahr hat sich die Menschenrechtslage in Sri Lanka noch einmal erheblich verschlechtert. Allein im Jahr 2000 wurden über 18.000 Tamilen aufgrund des eskalierenden bewaffneten Konfliktes in willkürlicher Weise inhaftiert. Dennoch werden entgegen aller Warnungen von Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international Abschiebungen von Tamilen nach Sri Lanka durchgesetzt. Bisher wurden nahezu alle abgeschobenen tamilischen Flüchtlinge in Sri Lanka zumindest kurzfristig in Haft genommen. Besonders Kathiran würde demnach im Falle der Abschiebung einer Inhaftierung ausgesetzt werden, in der ihm Folter und Misshandlungen drohen. Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes würde er eine solche Haft mit hoher Wahrschein-lichkeit nicht überleben.
Wir bitten daher die Bremerhavener Ausländerbehörde, die Ausreise-aufforderung zurückzustellen, von einer Abschiebung abzusehen und der Familie Pararajasingam ein dauerhaftes Bleiberecht einzuräumen.
 

Familie Ragu

Sinnadurai Ragu floh im Jahre 1988 vor dem Krieg in Sri Lanka und gelangte in den Irak, wo er bis 1990 gearbeitet hat. Im Zuge des Golfkrieges musste er jedoch von dort erneut fliehen und kam 1991 nach Deutschland. Im Dezember 1994 wurde er als Asylberechtigter anerkannt. Im Januar 1996 hat er die Tamilin Pushpaleea Selvarajah geheiratet. Inzwischen haben sie zwei Kinder im Alter von vier, bzw. zwei Jahren.
Im September 1998 sollte jedoch das weitere Schicksal der jungen Familie besiegelt werden. Das Verwaltungsgericht Bremen hob die Anerkennung als Asylberechtigten wieder auf, obwohl Tamilen in Sri Lanka nach wie vor hochgradig gefährdet sind. Inzwischen ist die Familie ausreisepflichtig und muss jetzt den berüchtigten „emergency passport“ beantragen.
Dabei wäre die Familie eigentlich ein Fall für die „Altfallregelung“. Diese greift für Familien mit Kindern, bei denen eine Einreise vor dem 1. Juli 1993 stattfand, was im Falle des Herrn Ragu zutrifft. Ausserdem verfügt die Familie über ein ausreichendes Einkommen und eine eigene Wohnung, und der Arbeitgeber versichert für den Fall einer dauerhaften Bleiberechtsregelung ein erhöhtes Gehalt.
Aber die Bremer Ausländerbehörde und der Innensenator üben sich in der Ablehnung des Gesuches auf Altfallregelung in Spitzfindigkeiten: die Familie ist nicht vor dem 1. Juli 1993 eingereist, zumal die Frau erst später eingereist sei, die Eheschliessung erst im Nachhinein stattfand und die Kinder erst hier in Deutschland geboren wurden.
Den Kindern soll jetzt ihre späte Geburt zum Verhängnis werden. Wären sie vor dem 1. Juli 1993 geboren worden, so würde ihnen das Recht in Deutschland bleiben zu dürfen zugestanden. Weil sie aber zu jung sind, werden sie im Falle einer Abschiebung bereits als kleine Kinder ein Gefängnis kennenlernen. Die Gerichte argumentieren, es sei ja auch nur für kurze Dauer – „zur Personalienfeststellung“ – in der Realität Sri Lankas wird die Dauer aber auch nur dann kurz sein, wenn die Familie jemand in Colombo erwarten wird, um eine Kaution zu bezahlen. Für den Vater wird die Dauer auf jeden Fall eine längere sein: Eine grosse Narbe an seinem Bauch reicht den srilankischen Behörden als Beweis, er habe vor seiner Flucht nach Deutschland bei der LTTE gekämpft.
Bereits seit elf Jahren lebt Thambirajah Sivapathy in Bremen. Trotzdem ist er jetzt akut ausreisepflichtig. Für die Altfallregelung ist er ein paar Monate zu spät nach Deutschland gekommen, und da kann der Senat natürlich gar nichts machen, er muss hier weg !
Dass er nach so langer Zeit in der Lage sein wird, jemanden in Colombo zu einer Kautionszahlung für ihn zu bewegen, ist äusserst unwahrscheinlich. Dass jemand, der elf Jahre in einem Land gelebt hat, ohne sich etwas zu schulden kommen zu lassen in ein Kriegsgebiet abgeschoben wird, scheint es nur in Deutschland zu geben. In jedem anderen europäischen Land wäre ein Flüchtling nach so langer Zeit eingebürgert worden !

 

Familie Theivendran

Die Kinder der Familie Theivendran, Vibitra (15), Swastika (13), und Vigoochanan (11) kamen 1997 nach Deutschland ihre Mutter folgte ihnen ein Jahr später, der weitere Verbleib des Vaters ist  nicht bekannt. Er ist entweder tot oder irgendwo auf der Flucht..
1990 ist die Zwillingsschwester der heute 13 Jährigen Swastika bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Seitdem ist die Familie ständig auf der Flucht vor erneuten Angriffen durch die srilankische Armee. 1995, als die Armee Jaffna eroberte, mussten sie von dort nach Mullaiteeva fliehen. 1997 kam auch dieser Ort unter heftigen Beschuss. Der Vater war gerade in einer anderen Stadt zum einkaufen, während die Mutter mit den Kindern schnellstens fliehen musste. Seitdem haben sie ihren Vater nie wieder gesehen.
Es gelang der Mutter ihre Kinder nach Deutschland in Sicherheit zu bringen. Sie selber blieb in Sri Lanka in der Hoffnung ihren Mann wiederzufinden. Aber ihre Bemühungen blieben vergeblich, sie konnte ihn nirgends finden. Ein Jahr später folgte sie ihren Kindern nach Deutschland, ohne eine Gewissheit über das Schicksal ihres Mannes zu haben. Schon 1988 wurde ihr Mann von der damals in ihrer Heimat stationierten indischen Armee verhaftet und schwer misshandelt, seine Schulter wurde ihm damals gebrochen, weil er Reis an die LTTE ausgegeben hatte. Jetzt ist er möglicherweise erneut inhaftiert und wird diesmal von der srilankischen Armee gefoltert.
Das Bundesamt hatte den Asylantrag der Familie Theivendran bereits als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt. Demnächst steht die Verhandlung vor Gericht an. Dabei wird sich entscheiden, ob die Flucht der Familie Theivendran ein Ende finden wird - oder nicht. Den in letzter Zeit gefällten Urteilen zufolge, reicht es aber nicht aus, vor mehreren Bombenangriffen geflohen zu sein, und dabei Familienmitglieder verloren zu haben. Kein Grund, um nicht wieder nach Sri Lanka abgeschoben zu werden.
 

Sivaraja Ananthan

Sivaraja Ananthan wurde bereits zur Ausländerbehörde vorgeladen, um für einen "emergency passport" zu unterschreiben. Dem ist er nachgekommen, um zu verhindern, in Abschiebehaft genommen zu werden.
Aber im Anbetracht der Gefahren, die Tamilen bei einer Abschiebung nach Sri Lanka drohen, hat er sich in sehr engagierter Weise an den Protesten der tamilischen Flüchtlinge in Bremen in der letzten zeit beteiligt. Kaum ein Tag, an dem er nicht mehrere Stunden auf der Mahnwache verbringt und auf die Menschenrechtsverletzungen in seiner Heimat aufmerksam macht
Im März stellte er einen Folgeantrag und brachte darin zum Ausdruck, daß er durch sein exilpolitisches Engagement, die Aktivitäten des Internationalen Menschenrechtsvereines sind den srilankischen Behörden durchaus bekannt, in Sri Lanka Gefahr läuft, von den srilankischen Behörden als aktiver Unterstützer der LTTE angesehen zu werden.
Nach nur wenigen Tagen wurde seine Asylantrag abgelehnt. Herr Lakemann vom Bundesamt behauptete, einfache Unterstützer der LTTE würden von den srilankischen Behörden gar nicht erst belangt werden, sondern nur hochrangige Kader. Er verweist hierzu auf das auswärtige Amt: "Das AA hat ferner darauf hingewiesen, dass nach Auskunft der Generalstaatsanwaltschaft in Colombo die einfache politischen Betätigung im Exil, auch wenn sie explizit gegen die srilankische Regierung gerichtet ist, nicht strafbar sei. Auch sei etwa das Anprangern von Menschenrechtsverletzungen der srilankischen Polizei- und Sicherheitskräfte strafrechtlich nicht relevant. Etwaige derartige Anklagen und Verurteilungen sind dem AA bisher nicht bekannt geworden."
Es ist erstaunlich, wie unverblümt das AA sogar noch zugibt, woher es seine Informationen über die Menschenrechtslage in Sri Lanka bezieht - von der Generalstaatsanwaltschaft eines Folterregimes. Als ob deutsche Regierungsvertreter erwarten, sie würden wenn sie die srilankischen Behörden danach fragen, eine detaillierte Schilderung erhalten, wie sie die abgeschobenen Flüchtlinge inhaftieren und foltern ? Erschreckend ist dabei, mit welcher Absolutheit diese in den Bericht des AA eingeflossenen Aussagen der srilankischen Generalstaatsanwaltschaft, zur Ablehnung von Asylanträgen durch deutsche Gerichte führen.
Dabei wurden nach Auskunft von N. Kandasamy,  dem Koordinator dür das "Centre for Human Rights and Development" in Colombo allein im vergangenen Jahr mindestens 18.000 Tamilen unter den "emergency regulations" und dem pta "prevention of terrorism act" verhaftet.


Warum ein Tribunal zur Lage in Nigeria?

jW sprach mit Viraj Mendis, Mitglied des Internationalen Menschenrechtsvereins Bremen

F: Der Internationale Menschenrechtsverein Bremen e.V. veranstaltet vom 26. bis 28. April ein Tribunal zur Lage der Menschenrechte in Nigeria. Gibt es einen besonderen Anlaß?
Wir sind als Koordinationsstelle für die Bewegung »Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und Migranten« von der Erklärungen der Bundesregierung sehr betroffen, politische Flüchtlinge seien zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Nigeria keiner Verfolgung ausgesetzt. Diese Aussage steht im krassen Widerspruch zu unseren Erkenntnissen. Eine breite Öffentlichkeit erreichte ja schon der »Fall Akubuo«. Derzeit nutzen die deutschen Behörden die Erklärung der Bundesregierung, um die Abschiebung mehrerer hochprofilierter Aktivisten der »Karawane«-Bewegung vorzubereiten. Und obwohl beispielsweise die Versuche, Akubuo abzuschieben, zweimal wegen der energische Kampagnen der »Karawane«-Bewegung aufgehalten wurden, stehen er und mehrere andere nigerianische Aktivisten noch immer in der unmittelbaren Gefahr einer bevorstehenden Abschiebung.
Das Grundargument der hiesigen Behörden ist, daß Nigeria jetzt eine Demokratie sei, in der man oppositionelle Aktivitäten ohne irgendwelche Gefahr ausüben kann. Sollte sich doch jemand in nigerianischen Gefängnissen wiederfinden oder angegriffen werden, läge das wohl daran, daß diejenigen selbst in anti-demokratische und kriegerische Aktivitäten verwickelt seien. In diesen Fällen, so scheint die Auffassung der Bundesregierung, hätten die nigerianischen Behörden recht.
Für uns ist es klar, daß es nicht das Erkenntnisinteresse über die wahre Menschenrechtssituation in Nigeria ist, das zu einer solchen Position seitens der BRD-Regierung geführt hat. Es ist für uns klar, daß Deutschlands ökonomische und strategische Interessen an Nigeria entscheidend sind für die Entschlossenheit, Flüchtlinge insbesondere politische - abzuschieben. Das Tribunal ist ein Versuch, die wirklichen Zustände in Nigeria offenzulegen.

F: Der Menschenrechtsverein lädt ein zu einer ersten Anhörung im Rahmen des Tribunals, welche weiteren Konferenzen sind geplant?
Mit dem Tribunal beginnen wir einen Prozeß. Die erste Anhörung gibt den oppositionellen Kräften und Menschenrechtsaktivisten die Gelegenheit, ihr Beweismaterial zu präsentieren. Wir werden einen Ausschuß bilden, um die längerfristigen Ziele des Tribunals zu verfolgen. Es sollen alle Sichtweisen behandelt und eine Jury gegründet werden, die in der Lage ist, das Beweismaterial zu sichten und zu einem unabhängigen Urteil zu kommen. Das Beweismaterial der Teilnehmer des ersten Teils des Tribunals werden wir auch ins Internet stellen. In weiteren Konferenzen wird dem Auswärtigen Amt und anderen öffentlichen Stellen die Möglichkeit gegeben, auf die Behauptungen der Flüchtlinge zu reagieren. Als Gäste werden alle wichtigen Vertreter der nigerianischen Oppositionsbewegung anwesend sein. Zu nennen wären da, um nur zwei aufzuführen, der sehr bekannte Beku Kuti, der Vorsitzende der »Campaign for Democracy« und Executive Director des »Center for Constitutional Governance«, sowie Dr. Frederick Fasheun, der Präsident des »Oduas People Congress«, der derzeit bedeutendsten Freiheitsbewegung Afrikas.

F: Aber gerade der OPC erfährt hierzulande oft die Bewertung einer gewaltbereiten, sogar terroristischen Organisation. Könnte Fasheuns Anwesenheit nicht als Affront verstanden werden?
Es ist ausreichend dokumentiert, daß der OPC über lange Zeiträume mit friedlichen demokratischen Methoden kämpft. Auch wenn die brutale Diktatur nackten Terror benutzt, um legitime Opposition auszurotten, hat der OPC ungewöhnliche Geduld gezeigt. Er wird nur von jenen als terroristisch bezeichnet, die einen massiven Eigennutz sehen, das nigerianische Regime zu unterstützen, oder die die Situation nicht kennen. Wir meinen, daß der OPC für Menschenrechte und sozialen Fortschritt kämpft.

F: Was wird das Tribunal, ist es mit allen seinen Konferenzen abgeschlossen, Ihrer Meinung nach bewirken können?
Wir sehen das Tribunal als einen erzieherischen Prozeß für uns alle. Seine Ergebnisse werden öffentlich sein. Für uns als Veranstalter ist die Bedeutung des Tribunals seit der anfänglichen Konzeption stetig gewachsen. Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen, daß Flüchtlinge aus Nigeria, wenn sie in Länder kommen, die wie Deutschland am meisten von der Ausplünderung ihrer Heimat profitieren, wieder gezwungen werden zurückzukehren. Es ist wichtig zu wissen, daß sich eine neue Stimmung unter nigerianischen Flüchtlingen entwickelt, die sich verstärkt dagegen zur Wehr setzen wollen. Dieser politische Kampf beispielsweise gegen die Erklärungen der Bundesregierung, Nigeria sei »sicher und demokratisch«, wird auch Teil der Anstrengungen, wieder im eigenen Land leben zu können. Mit der tatsächlichen Widerlegung solcher Behauptungen werden ja auch sorgfältig konstruierte Systeme von Fehlinformation zerbrochen und die tatsächlichen Lebensrealitäten des nigerianischen Volkes öffentlich gemacht.

Interview mit  Annett Bartl von der Junge Welt
 

Ein Offener Brief von einem verdächtigen Tamilen

Als die "Hiru" mich bat, über die Tamilen im Süden zu schreiben, war ich der Ansicht, daß wir nichts zu schreiben hätten als unsere Autobiografien. Ich sprach mit meinen Freunden, denn ich war neugierig, ob sie andere Erfahrungen gemacht hatten als ich. Das war jedoch nicht der Fall. Wir trennten uns, nachdem wir immer und immer wieder über dieselben Dinge gesprochen hatten. Nach ein paar Tagen solcherlei Monotonie entschloß ich mich, das zu schreiben, was ich zu schreiben hatte und vergaß die anderen.

Freunde, denkt nicht, ich würde unsere Freundschaft geringschätzen. Aber wir leben in zwei Welten, zwei Welten erschaffen und erhalten durch Rassismus. Vielleicht bin ich nicht in der Lage, Euch Rassismus in Begriffen der politischen Rhethorik zu erklären, aber Rassismus durchdringt selbst die Luft, die wir atmen.

Ihr mögt Euch fragen, was diese zwei Welten sind. Stellt sie Euch so vor:

Ihr lauft durch Straßen die angefüllt sind von Menschen, redet laut, Ihr seid empört über die Ungerechtigkeit, die Ihr seht, kritisiert Eure Feinde ohne Angst, Ihr argumentiert unermüdlich um Eure Überzeugungen zu verteidigen und schlaft friedlich am Ende eines langen Tages. Meine Welt ist anders, ich laufe durch Straßen aber spreche nicht laut, sehe Ungerechtigkeit aber bleibe still. Ich kenne meine Feinde, aber ich kritisiere sie nicht. Ich behalte meine Überzeugungen für mich und höre die von anderen an. Selbst vor dem Schlaf fürchte ich mich unendlich.

Alles, was Ihr im Süden seht, sehe ich auch, aber mit anderen Augen. Die Straßen, die Ihr seht, sind nicht diejenigen, die ich sehe. Nichts könnte Euch weniger kümmern als die, die neben Euch im Bus sitzen. Bei mir ist es nicht so. Ein Flugzeug, das über Eure Köpfe hinwegfliegt, ist für Euch bloß ein flüchtiger Blick. Für mich ist es ein anderer Blick. Ihr könnt in Eurer Sprache ohne Angst sogar über Politik sprechen, aber in meiner Sprache wage ich nicht einmal, über Blumen und Schmetterlinge zu sprechen. Das ist der Grund, warum ich sage, daß uns Meilen trennen, obwohl wir nur einen Atemzug entfernt sind.

Tadelt mich nicht dafür, daß ich emotional schreibe. Wir Tamilen haben uns seit langem daran gewöhnt, ohne Emotionen zu leben. Eure Welt und meine sind erschaffen durch unsere Gefühle.

Ich habe nichts als brüderliches Verständnis für Eure mutigen Aufrufe, einen gemeinsamen Kampf zu führen, aber wir leben in zwei Welten, getrennt durch mein tamilisch-sein. Ich schreibe hier über meine Welt.

Oft bin ich gezwungen, über mich zu denken wie über einen Dieb, einen Kriminellen. Ich bin nicht überrascht, daß Ihr den Grund dafür nicht kennt. Über den Grund bin auch ich mir nicht vollkommen klar. Ich vermute es liegt daran, daß ich als Tamile geboren wurde. Ich bin gezwungen, so zu denken, denn mein Verhalten hat sich fast unbewußt verändert. Es ist allerdings verständlich, daß mein Verhalten sich verändert hat, wenn so viele mich mit Mißtrauen betrachten.

Ich weiß, ich befinde mich nicht allein in dieser Situation. Viele andere, die als Tamilen geboren wurden, kennen sie ebensogut. Nicht nur die Kontrollposten von Polizei und Armee erschrecken mich immer wieder - auch in Bussen und Zügen geht es mir so. Die Angst, durchsucht zu werden, begleitet mich wohin ich auch gehe. Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe, mich so zu fürchten, aber jedesmal sagt mein Unterbewußtsein, es sei, weil ich Tamile bin.

Vor langer Zeit las ich in Zügen und Bussen in meiner eigenen Sprache. Aber nun habe ich es mir angewöhnt, nicht das kleinste Wort Tamilisch zu lesen an solchen Orten. Ich möchte nicht einmal an die mißtrauischen "Singhalesischen Gesichter" denken, die mich beobachteten, als meine Blicke wanderten und zu lange an einem Satz hängenblieben, der in meiner Sprache geschrieben war. In solchen Momenten fühle ich mich wie ein Fremder. Ich laufe ängstlich durch die Straßen, fahre ängstlich in einem Bus, betrete ängstlich ein Büro - Angst ist ein Teil von meinem, von unseren Leben.

Immer wieder habe ich versucht als Singhalese durchzugehen, doch alles was geschieht ist, daß ich noch hilfloser werde. Warum geht es mir so? Es liegt daran, daß Eure Welt nicht meine ist. Manchmal richtet sich die Farbe meiner eigenen Haut gegen mich. In solchen Momenten bleibt mir nichts als meine Verzweiflung. Oft isoliert mich die Farbe meiner Haut, die Form meines Gesichts oder mein Akzent. Für viele Soldaten macht die dunkle Haut die Tamilen erkennbar. Dann bringt mich meine dunkle Haut in Schwierigkeiten, wie andere Tamilen auch. Ich weiß, daß Eure "Singhalesische Farbe" Euch niemals in Schwierigkeiten bringt.

Nicht nur solche natürlichen Unterschiede unterdrücken mich an Kontrollposten. Ich habe keine Ahnung warum ich es nicht schaffe, in solchen Momenten das Singhalesisch zu sprechen, das ich perfekt beherrsche. Genau dies wird die Anschuldigung sein, die sie gegen mich erheben werden. Die endlose Inquisition, umringt von Gewehren und Pistolen ist furchterregend, doch furchterregender ist der Blick mißtrauischer Verachtung in den Augen singhalesischer Nachbarn im Bus.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich zur Polizei und dem Gramasevaka  ging um Ersatz zu bekommen für den Personalausweis, den ich vor einiger Zeit verlor. Die Polizei verlangt eine Bescheinigung des Gramasevakas, der Gramasevaka verlangt eine Bescheinigung von der Polizei. Selbst meine Anzeige, daß ich meinen Ausweis verloren hatte, wurde bloß fünfmal aufgenommen. Ich hatte die Angelegenheit nicht weiterverfolgt, denn mein Leben schien mir zu entgleiten. Doch jede Sekunde, die ich im Süden lebe, werde ich nach meinem verlorenen Ausweis gefragt, damit mein tamilisch-Sein von Eurem singhalesisch-Sein unterschieden werden kann.

Ich kann mich gut erinnern, wie die Dinge vor acht oder neun Jahren waren. Aber die jungen Männer, die ihre Gesichter versteckten aus Angst vor ihren Folterern und Mördern schlendern heute durch die Straßen des Südens. An den Kontrollposten machen sie halt um mit den Soldaten zu quatschen und zu scherzen und sie lachen mit ihnen ohne Angst. Wir Tamilen sind furchtbar allein, denke ich.

Wenn ich, der Singhalesisch spricht, der in Colombo geboren wurde, dies ertragen muß - ich weiß nicht ob Ihre es Euch vorstellen könnt, was jene ertragen müssen, die aus dem Norden oder dem Osten kommen. Diese psychische Qual ist viel schwerer zu ertragen als körperliche Folter.

Wann wird diese Situation beendet sein. Das ist eine Frage, auf die wir Tamilen keine Antwort wissen. Uns gibt man alle möglichen Antworten: "bis die terroristischen Tigers zerstört sind ... bis der Sozialismus kommt ..." Dies sind nichts weiter als Ausflüchte, eine Flucht für die, die sich darauf berufen. Niemals Antworten auf die Fragen unserer Existenz.

Jene, die fliehen vor unaufhörlichen Bombardements und willkürlichen Festnahmen, werden auch im Süden nicht verschont. Ein Mensch aus dem Norden, der nach Colombo kommt, wird weder Arbeit noch Unterkunft finden, viel weniger ein freundliches Lächeln. Diese Flüchtlinge fürchten sogar, einen Bus zu besteigen, der zu Orten wie Welawatta, Kotahena, Mattakkuliya oder Dehiwala fährt, wo die meisten Tamilen leben.

Wenn ein Tamile in Colombo übernachten muß - sei es für eine Nacht - muß er die Polizei informieren. Wenn ein Wohnungsinhaber einen Verwandten unterbringt, muß er die Polizei unterrichten, selbst noch über das kleinste Detail - die Dauer das Aufenthalts, Adressen, Ausweisnummern. Es ist die Pflicht eines Wohnungsinhabers, seinen Gast registrieren zu lassen. Jeder Tamile, der die Straße betritt, muß ein "Offizielles Polizeizertifikat" besitzen. Er muß noch nicht mal aus dem Norden oder Osten sein, um dieser Anordnung gehorchen zu müssen.

Heute sprechen wir unsere Sprache nicht laut auf der Straße; unsere Frauen vermeiden es häufig, das "Pottu"  zu tragen, denn das ist immer ein Zeichen der Rasse.

An Kontrollposten ist es normal, daß jeder, der aus dem Norden oder Osten kommt, Einzelheiten preisgibt wie seinen Namen, Adresse, Grund seines Aufenthalts in Colombo, die Dauer des Aufenthalts und so weiter und so fort. Aber ich weiß nicht, ob Ihr gesehen habt, wie Leute aufgefordert wurden, sich auszuziehen, und wie sie auf Narben untersucht wurden. Eine bloße Narbe kann verantwortlich dafür sein, daß das Leben eines jungen Tamilen ernsthaft gefährdet ist. Wenn die Person nicht lange Zeit im Süden gelebt hat und nicht richtig Singalesisch spricht, wird die Situation noch gefährlicher. Solche Umstände reichen für eine sofortige Festnahme.

Ich werde über einen Fall berichten, den ich kenne. Ein Bekannter von mir, ein Flüchtling aus dem Norden, wurde verhaftet. Er wurde zwar geschlagen und gefoltert, aber nicht getötet. Nachdem er lange Zeit in einem Gefangenenlager geschmachtet hatte, wurde er vor Gericht gestellt. Das Verfahren zog sich fast fünf Jahre hin. Sein Berater riet ihm, zu "gestehen", daß er ein LTTE-Mitglied gewesen sei und daß er zum Zeitpunkt seiner Verhaftung eine Feuerwaffe samt Munition besessen habe. Weiter erklärte der Berater, daß die fünf Jahre Haft von der Strafe abgezogen würden. Da er keine Alternative hatte, "gestand" er. Obwohl er nach seiner Freilassung das Land verlassen wollte, um sicher zu sein, war das nicht möglich, denn seine Eltern mußten all ihren Besitz veräußern, um die Gerichtskosten zu begleichen. Zu seinem eigenen "Schutz" trat er einer Organisation bei, die mit der Regierung im Osten kollaboriert. Noch immer ist er "sicher", aber Menschen wie er sind gezwungen, sich keine Gedanken über die Zukunft zu machen.

Die Erfahrungen der Inhaftierten sind oft ähnlich. Ihre "Geständnisse" werden ausnahmslos auf Singhalesisch niedergeschrieben und sie müssen diese dann unterschreiben - ob sie die Sprache verstehen oder nicht. Der einzige Ausweg besteht darin, die Polizisten zu bestechen. Das Schmiergeld reicht von zehntausend Rupien bis zu hunderttausend oder mehr. Die Verhandlungen zwischen den Verwandten und den Inhaftierten führen Vermittler, die von beiden Seiten eine "Gebühr" bekommen. Legale Gebühren sind noch höher. Wenn überhaupt haben es höchstens eine handvoll Tamilen geschafft, einen Inhaftierten frei zu bekommen, ohne in die Mittellosigkeit getrieben worden zu sein.

Die Gründe dafür, daß die Urteile in allen Verfahren gegen Inhaftierte so verspätet fallen, sind oft ähnlich. Gewöhnlich liegt es daran, daß die Inhaftierten sich weigern, die "Anschuldigungen" zu gestehen, so wie der verhaftende Polizeibeamte es gerne hätte.  Doch je länger sie sich weigern, zu "gestehen", desto länger dauert die Haft. Viele gestehen Dinge, die sie nie getan haben, weil sie darin ihren einzigen Ausweg sehen. Wer einmal verhaftet wurde, hat das garantierte Recht, für immer ein "Terrorist" zu sein. Jeder entwaffnete Tamile ist eine Sprosse in der Karriereleiter eines Polizeibeamten und wenn der besagte Offizier ein begabter Krimierzähler ist, braucht er sich über seine Karriere keine Sorgen zu machen. Für den, der einmal verhaftet worden ist, wird Colombo zur inoffiziell verbotenen Zone. Es wird sehr gefährlich, einfach dorthin zu kommen und von dort zu gehen, ganz zu schweigen vom Arbeiten und Wohnen.

Selbst während des Terrors im Süden war es ziemlich üblich, daß Zeitungen über jene berichteten, die von den Sicherheitskräften oder paramilitärischen Gruppen getötet wurden. Heute aber berichten die Medien des Südens überhaupt nicht über die Tamilen, die verhaftet oder getötet werden. Nach der singhalesischen Presse sind alle Tamilen von Geburt an Terroristen.

Meine Gefühle für meine singhalesischen Freunde, die die Vergangenheit vergessen zu haben scheinen, endet nicht in Desillusion. Ich bedauere sie zutiefst.

"Diese Dinge passieren in Kriegssituationen", mögt Ihr vielleicht sagen. Aber wenn Angst und Unterdrückung normal sind, wie kann der Wunsch nach Befreiung unnormal sein? Wenn militärische Repression zur Normalität wird, wie kann Widerstand eine "einzige Verschwörung" sein? Seid nicht empört über diesen giftigen tamilischen Rassismus, den dieser verdächtige Tamile verbreitet! Aber wenn es Rassismus ist, unsere tiefsten und sehnsüchtigsten Hoffnungen, uns von Unterdrückung und Angst zu befreien, die uns gequält haben über Jahrzehnte, wenn das Rassismus ist, dann bin ich ein bösartiger Rassist, wahrlich ein Rassist der übelsten Sorte.

Ich möchte nachdenken über Eure brüderliche Einladung, einen gemeinsamen Kampf zu führen. Es ist in der Tat ein edles Gefühl und ich empfinde nichts Negatives dabei. Niemand von uns Tamilen jagt einem isolationistischen Irrglauben nach - wie könnten Menschen wie ich uns fernhalten von Eurem Ruf? Das ist allerdings nicht die Frage. Nur Gleiche können sich vereinen und kämpfen. Doch, sind wir Gleiche?

Laßt mich diesen Widerspruch entwirren. Ihr Singhalesen aus dem Süden leidet unter der Arbeitslosigkeit. Ihr werdet erdrückt von den Lebenshaltungskosten, unterdrückt durch soziale Ungerechtigkeit und Ihr werdet niedergehalten durch Unterdrückung und Repression. Wenn Ihr Widerstand leistet, wenn Ihr Euch organisiert, wenn Ihr Euch entschließt, Euch zu erheben, dann ist Euer Leben wahrlich in Gefahr. Es wird gewiß Euer Schicksal sein, von der Polizei angegriffen und verhaftet zu werden, verschleppt und getötet zu werden oder dergleichen.
Auch ich werde wie Ihr erdrückt von derselben Arbeitslosigkeit, den Lebenshaltungskosten, der sozialen Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Repression. Doch es gibt einen Unterschied; nehmt an, daß ich keinen Widerstand leiste, mich nicht organisiere, mich nicht zu einem Aufstand entscheide, also nicht kämpfe - Trotzdem werde ich das Opfer von Polizeiübergriffen, Verschleppung und Tod. Dennoch hat mein Schicksal nicht den leisesten Hauch von jener Wirkung auf die Gesellschaft, die Eures hat. Denkt selbst an die Verhaftung des stellvertretenden Staatssekretärs für Arbeit, Dharmalingam, vor einiger Zeit im Tempel von Narahenpita.

Deshalb sind wir nicht Gleiche. Fühlt Euch nicht angegriffen durch die Härte meiner Worte. Ihr seid wahrlich privilegiert; nicht aufgrund von Besitz oder Klasse oder aristokratischen Ehren, sondern aus rassischen Gründen. Wenn Ihr wegen des Namens in Eurem Ausweis verhaftet werdet, weil Ihr es wagt, in Eurer Sprache zu sprechen. Weil es Euch nicht in Gefahr bringt, die Zeichen Eurer Kultur offen zu zeigen; selbst dann, wenn Ihr verhaftet werdet, könnt Ihr wenigstens eine Aussage in Eurer eigenen Sprache machen.

Von allem, was Ihr schreibt und sagt, sind die Freiheiten, die Ihr mir in Eurer "zukünftigen sozialistischen Gesellschaft" versprecht, in der Tat am erbaulichsten.
Doch nichts davon wird uns vor dem Tod retten, der uns heute Nacht ereilt in der Verkleidung von Granaten und unbekannten Scharfschützen. Deshalb müssen wir kämpfen. Ich verstehe nicht, warum unser Kampf darum, Unterdrückung und Angst loszuwerden, für das Leben und die Würde, warum dies "Rassismus der Tamilen" sein soll.

Ihr, die Ihr mehr als siebzig Prozent der Bevölkerung seid, seid Ihr unterdrückt durch den Rassismus der Tamilen, die gerade zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachen? Kann eine Regierung, die von der Mehrheit von Euch, über siebzig Prozent, gewählt wurde, zum Werkzeug des Rassismus der Tamilen werden, die gerade einmal zwölf Prozent der Gesamtheit ausmachen? Unsere Leben sind die Zielscheibe dieser finsteren Witze.

Es ist nicht schwer, den Rassismus zu besiegen. Ich habe ihn oft fliehen gesehen, gnadenlos geschlagen von jubelnden Bühnen, doch am Fußboden unterhalb der Bühne ist es nicht einfach, zu schlagen. Er versteckt sich in verborgenen Gedankenmustern, vorsichtigen Worten und verdächtigen Handlungen, die darauf warten, ihre scheußlichen Fratzen zu zeigen.

Es ist nichts als Unterdrückung, die meine Brüder und Schwestern verletzt und empört. Als Arbeiter Selbstmord begingen, als sie nach dem Generalstreik von 1980 entlassen worden waren, sagtet Ihr, sie leiden an der Unterdrückung.
Wenn Bauern in Polonnaruwa und Dambulla Selbstmord begehen, sagt Ihr, sie leiden an der Unterdrückung. Und Ihr habt sicherlich Recht - Unterdrückung trieb sie zu diesem letzten Akt der Verzweiflung.

Aber ich verstehe nicht, daß ihr meine Brüder und Schwestern, die Zyankalikapseln bei sich tragen, in der Blüte ihrer Jugend und in Selbstmordangriffen sterben, "fehlgeleitet" seien von "fremden Interessen" oder manipuliert seien von ausländischen Verschwörungen.
Ich kann nicht verstehen, warum Ihr die schreckliche Realität der Unterdrückung, die sie erleiden und für die sie mit ihren Leben Zeugnis ablegen, abschätzig als Lüge betrachtet.
Mein Unverständnis trennt meine Welt von Eurer und macht mir mein tamilisch-Sein bewußt, das Ihr verachtet.

Meine singhalesischen Freunde,
Ich schrieb, was ich sagen mußte, ohne jede Boshaftigkeit. Seid nicht verärgert, wenn Ihr nicht mehr stolz auf mich sein könnt. Alles was ich tat, war, die Seele eines verdächtigen Tamilen vor Euch bloßzulegen.
Der Mensch, der Seite an Seite mit Dir auf der Straße geht, niedergedrückt von seinen verborgenen Ängsten und in stiller Verzweiflung ist dieser verdächtige Tamile. Der Mensch, der darum kämpft, Deinen inquisitorischen Augen zu entkommen ist dieser verdächtige Tamile.
Doch mit sich führt er gut versteckt eine wahrlich beängstigende Waffe; die dunkle, unterdrückte, unverfälschte Wut, die Euren Verdächtigungen, Eurem Mißtrauen und Eurer Verachtung entstammen. Nicht er sondern Ihr seid deren wahre Besitzer.
 

Die rassistische Unterdrückung der Tamilen und ihr Widerstand

In den Berichten über Sri Lanka wird stets der Eindruck erweckt, der alltägliche Terror würde von den TamilInnen selbst hervorgerufen, insbesondere durch ihre Befreiungsbewegung, den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE). Dabei werden die Tatsachen auf den Kopf gestellt.  Die TamilInnen mußten über Jahrzehnte eine extreme Form von Rassismus ertragen. Als sie schließlich begannen, dagegen Widerstand zu leisten, verfolgten sie eine strikte, an Ghandi orientierte Linie der Gewaltfreiheit. Die singhalesischen Herrscher, denen die Macht von der 1948 abrückenden britischen Kolonialdiktatur übertragen wurde, haben die singhalesische Mehrheit in kolonialistischer Mentalität sehr erfolgreich gegen die tamilische Bevölkerung aufgehetzt. Die singhalesische Elite – und in zunehmenden Maße auch die singhalesische Bevölkerung, gewöhnten sich schnell daran, parasitär den von unter sklavenartigen Bedingungen lebenden und auf englischen Teeplantagen arbeitenden TamilInnen erwirtschafteten Wohlstand, zu ihrer Lebensgrundlage zu machen.  Als aber die Erträge aus diesen Teeplantagen geringer wurden, verbreiteten singhalesische Politiker auf der gesamten Insel eine chauvinistische Hysterie gegen die TamilInnen, um sie von allen Posten in der Verwaltung und Wirtschaft zu vertreiben, damit diese geringer qualifizierten SinghalesInnen zur Verfügung standen.

Der Gebrauch der tamilischen Sprache wurde weitgehend unmöglich gemacht; TamilInnen, die eine Universität besuchen wollten, mußten weit bessere Noten vorweisen als singhalesische BewerberInnen. Teile des Nordens und Ostens der Insel (Tamil Eelam), in denen mehrheitlich  TamilInnen leben und seit ebenso langer Zeit wie die SinghalesInnen im Rest des Landes gelebt haben, wurden gewaltsam durch die SinghalesInnen kolonialisiert.
Vor diesem Hintergrund ist es schier unglaublich, daß die TamiInnlen ihren Protest über zwei Jahrzehnte gewaltfrei gehalten haben. Als die tamilischen Parlamentarier zum ersten Mal den Wunsch nach Autonomie äußerten, wurden sie aus dem Parlament geworfen. Das unvermeidliche geschah letztlich, als gewaltfreie Sitzproteste  und Hungerstreiks vom Militär gewaltsam niedergeschlagen wurden – die tamilische Jugend bewaffnete sich ebenfalls und formte die LTTE. Seit dieser Zeit erhält die LTTE breite Unterstützung durch die tamilische Bevölkerung und entwickelte sich zur unschlagbaren Verteidigerin der Rechte des tamilischen Volkes. Die LTTE, die aus der ärmsten und unterdrückten Schicht der tamilischen Bevölkerung hervortrat, hat die tamilische Gesellschaft grundlegend verändert. Die tamilischen Frauen haben das mittelalterliche Kasten- und Feudalwesen gebrochen, um in jedweder Hinsicht gleichberechtigt am gesellschaftlichen Fortschritt der TamilInnen teilzunehmen – einschließlich einem rund 50%igen Anteil an den kämpfenden Einheiten der
LTTE.

Nach 27 Jahren kraftvoller Opposition und den jüngsten militärischen Erfolgen auf der nördlichen Halbinsel Jaffna, die beweisen, daß die LTTE nicht mehr nur auf die Guerillataktik angewiesen, sondern der srilankischen Armee in einem konventionellen Krieg an Waffenstärke zeitweise sogar überlegen ist, sollte es klar sein, daß die srilankische Regierung keinen militärischen Sieg erreichen kann – es sei denn, man entzieht der LTTE ihre Basis und tötet die Mehrheit der tamilischen Bevölkerung. Somit  bedeutet die Logik, die von der Regierung befolgt wird, nur eines: Völkermord.