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Home » Länder » Sri Lanka » Ohlay First of May
Die neue Ohlay zum Ersten Mai 2001 mit folgenden Artikeln:
Am 13. März 2001 begannen die tamilischen Flüchtlinge und
die “Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und
MigrantInnen”
mit einer unbefristeten Mahnwache vor dem Bremer Hauptbahnhof. Sie
fordern
die Bremer Regierung dazu auf, einen Abschiebestop nach Sri Lanka zu
erwirken,
sowie die Bundesregierung, einen gerechten und fortdauernden Frieden in
Sri Kein Recht auf Gerechtigkeit und Frieden?
Die Zweifel an einem wirklichen Friedenswillen der srilankischen Regierung rühren aus den Erfahrungen her, die während der Friedensgespräche 1994/1995 gesammelt wurden. 1994 war die heutige srilankische Präsidentin Chandrika Kumaratunga mit dem Versprechen zur Wahl angetreten, in Verhandlungen mit der LTTE einzutreten und den Krieg zu beenden. Der überwältigende Wahlsieg Chandrikas Partei Peoples Alliance (Volksallianz) gab dem Friedenswillen der srilankischen Bevölkerung Ausdruck. Im Oktober 1994 fand unter der Aufsicht des Internationalen Roten Kreuzes (ICRC) ein erstes Treffen von Delegationen beider Kriegsparteien in Jaffna statt. Die Delegation der LTTE war aus hochrangigen, renommierten Kadern ausgewählt worden. Die unrepräsentative Besetzung der Regierungsdelegation mit Unterhändlern, die in keiner Weise mit der Problematik des Konfliktes vertrauten waren, liess erkennen, dass ihnen keine qualifizierte Verhandlungstätigkeit, sondern einzig eine Botenrolle zukommen sollte. Dennoch wurden die ersten Gespräche in dem Gefühl eines gemeinsamen Zieles geführt. Die LTTE hob das unendliche Leiden der tamilischen Bevölkerung unter den Bedingungen des Krieges hervor und verlangte die notwendige Aufhebung des Embargos, dass die srilankische Regierung seit Beginn des Krieges vor über 20 Jahren über die tamilischen Gebiete verhängt hatte. Weiter schlug sie einen Waffenstillstand vor, um eine klare Ausgangsbasis für folgende Gespräche zu schaffen. Seitens der Regierung wurde die Instandsetzung von Häusern und Strassen und die Streichung einiger Güter von der Embargoliste zugesichert. Tatsächlich haben die wenigen Güter die tamilischen Gebiete niemals erreicht, sondern wurden an den Armeestützpunkten zurückgehalten oder erst gar nicht geliefert. Obwohl das tamilischen Waffenstillstandsangebot von der Regierung nicht zur Kenntnis genommen wurde, verhängte die LTTE dennoch einen einwöchigen unilateralen Waffenstillstand, um dem Friedenswillen Nachdruck zu verleihen. Die srilankische Armee antwortete auf die ausgestreckte Hand der LTTE mit zahlreichen Angriffen, bei denen ein hochrangiger Offizier der LTTE gefangen genommen und anschliessend auf barbarische Weise geköpft wurde. Erst nach Ablauf des Waffenstillstands bot der srilankische Verteidigungsminister in einem Brief einen „Stop feindlicher Handlungen“ für lediglich zwei Wochen an. In dem Brief definiert der Verteidigungsminister allerdings klar die Unterschiede zwischen einem Waffenstillstand und dem Angebot der Regierung. Mit einem „Stop feindlicher Handlungen“ ist gemeint, dass beide Parteien in ihren militärischen Positionen in voller Waffenbereitschaft bleiben und die Möglichkeit haben, frischen militärischen Nachschub zu organisieren, um somit ein strategisches Ungleichgewicht zu ihren Gunsten zu schaffen. Ausserdem sollte nach Ansicht der srilankischen Regierung ihr Vorschlag als nicht so verbindlich gelten wie ein regulärer, von internationalen Beobachtern kontrollierter Waffenstillstand, den die LTTE favorisierte. Ein zweiwöchiges Aussetzen von Kampfhandlungen mit den beschriebenen Konsequenzen, welches unter Umständen um kurze Zeitabschnitte verlängert werden konnte, war sicher kein geeignetes Mittel, um gegenseitiges Vertrauen zu schaffen. Insbesondere das Bild einer im Paris der 68er-Umbrüche studierten, westlich orientierten Demokratin half Chandrika, dieses „Angebot“ der liberalen Weltöffentlichkeit als Beweis ihres guten Willens zu verkaufen. Diese Irreführung hatte zum Zweck, mit Hilfe der Öffentlichkeit die LTTE unter Druck zu setzen, und machte es für sie notwendig, dem Angebot gezwungener Maßen zuzustimmen. Während dieser gross angelegten Kampagne wurden direkte Verhandlungen von der Regierung taktisch vermieden und innerhalb von sechs Monaten nur vier direkte Gespräche von ein paar Stunden, aber über 70 Briefwechsel geführt. Die Regierungsbriefe wurden mehr und mehr in Form von Propagandamaterial verfasst. Tatsächlich wurde ein Teil dieser Briefe bewusst mit dem Zweck an die Presse lanciert, die LTTE in der öffentlichen Meinung als unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Chandrika vermittelte den Eindruck von intensiven Friedensbemühungen. Gleichzeitig trieb die srilankische Regierung die Neurekrutierung von Soldaten und die Versendung von Truppen und Kriegsgerät in das Kriegsgebiet voran, womit sie einen massiven Angriff auf die Region Jaffna vorbereitete. Obwohl die LTTE- Führung mehrfach auf die Gefährdung der Friedensgespräche hinwies, die von dieser bedrohlichen Entwicklung ausging, zwang die Unnachgiebigkeit der srilankischen Präsidentin die LTTE letzten Endes dazu, den Kampf wieder auf zunehmen.
Es ist klar, dass die militärischen Ziele der srilankischen Regierung langfristig nicht zu erreichen waren. Der Weg des Militarismus, den Chandrika 1995 weiter vorangetrieben hat, hat das Land nicht nur ökonomisch an den Abgrund gebracht. Die Regierung hat mit der jahrelangen Kriegspropaganda unter dem Slogan „War for Peace“ und der landesweiten repressiven Politik gegen Tamilen wesentlich zu einer chauvinistischen Radikalisierung der singhalesischen Gesellschaft beigetragen, die in dem Massaker von Bandarawele ihren bisherigen traurigen Höhepunkt erreicht hat. In Bandarawele hatte am 25. Oktober 2000 ein Lynchmob aus der singhalesischen Zivilbevölkerung ein sogenanntes „Rehabilitationszentrum“ gestürmt und, von den singhalesischen Sicherheitskräften ungestört, 31 der 44 tamilischen Insassen ermordet. Erst als dieser Vorfall international bekannt wurde, nahm die Polizei etwa 200 an dem Lynchmob beteiligte Personen fest. Diese wurden kurze Zeit später aufgrund von massiven Protesten der örtlichen singhalesischen Bevölkerung wieder laufengelassen. Die Parlamentswahlen vom 10. Oktober 2000 in Sri Lanka markieren
einen
weiteren Meilenstein in der Geschichte des singhalesischen Chauvinismus
und dessen Auswirkungen auf die politische Situation der Insel. Zum
ersten
Mal haben sich alle extremistischen, singhalesisch- chauvinistischen
Kräfte
in der Partei “Sihala Urumaya” (Singhalesisches Vermächtnis)
zusammengeschlossen
und einen relativ hohen Anteil an Wählerstimmen erhalten, wenn man
bedenkt, daß seit der Gründung der Partei erst drei Monate
vergangen
waren. Zudem war es den singhalesisch- chauvinistischen Kräften
möglich,
die politischen Programme aller singhalesischen Parteien zu noch
extremeren
Positionen zu führen. Da die singhalesischen Parteien unfähig
waren, einen klaren antirassistischen Standpunkt einzunehmen, wurden
sie
durch das Anstacheln niederer Instinkte in ihrer Wählerschaft
automatisch
dazu gebracht, mit den faschistischen Kräften zu wetteifern.
Darüber
hinaus zeigte sich die Mobilisierungskraft der Sihala Urumaya darin,
daß
es ihr gelang, den von Norwegen vermittelten Friedensversuch, der auch
von anderen westlichen Regierungen unterstützt wurde, völlig
zu sabotieren. Und dies nicht nur durch massenhafte rassistische
Demonstrationen
sondern auch durch Bombenanschläge gegen die norwegische Botschaft
und von Norwegen finanzierte NGOs. Bisher ist noch nicht einmal der
Versuch
unternommen worden, diese Bombenanschläge aufzuklären.
Die letzte Aussage Chandrikas nach Beendigung des Waffenstillstands
macht deutlich, dass sievollends in die Linie der anti- tamilischen
Kriegstreiber
eingeschwenkt ist.
Mit dem einseitigen Waffenstillstand richtete sich die LTTE auch an
die Internationale Gemeinschaft, endlich ihren Einfluss geltend zu
machen
und Druck auf die srilankische Regierung auszuüben. Zur gleichen
Zeit
sondierte Chandrika in einer Europareise, ob die europäischen
Staaten,
vornehmlich Deutschland, eine friedlichen Lösung durch
Friedengespräche
oder die Fortsetzung des blutigen Krieges unterstützen werden. Mit
dem Verbot der LTTE in Grossbritannien und der Aussage des deutschen
Bundeskanzlers
Gerhard Schröder, dass „alle Anstrengungen unternommen werden
müssten,
den internationalen Terrorismus zu bekämpfen“ und „diese
gemeinsamen
Anstrengungen von einer entsprechenden Zusammenarbeit auf diesem Gebiet
begleitet“ werden müssten, wird die militaristische Position der
USA
übernommen und Chandrika offiziell der Rücken für die
Weiterführung
des Krieges gesichert. Die kurzfristige Sicherung hoher Profite, die
der
Krieg den Industrienationen einbringt, wird langfristig in eine totale
Zerstörung des Landes führen.
Bereits am 25. April, einen Tag nach dem Ende des Waffenstillstands
der LTTE, startete die srilankische Armee eine schon seit Januar
geplante
Grossoffensive, in der laut Quellen aus Colombo binnen 36 Stunden
über
100 Regierungssoldaten getötet und über 1000 zum Teil schwer
verletzt wurden. Russische Kampfjets und israelische Multi- Barrel-
Rocket-
Lauchers, grosskalibrige Raketenwerfer, haben tamilische Ortschaften
nahezu
ununterbrochen unter Beschuss genommen und eine ungekannte Zahl an
Opfern
unter der tamilischen Zivilbevölkerung gefordert. Dies ist die
Realität,
für die die Regierung Sri Lankas und die Internationale
Gemeinschaft
die Verantwortung tragen.
Sicherheitskräfte werden für Vergewaltigung nicht belangt Am 19. März wurden die beiden Frauen Sivamani and Wijikala in
Haft
von den Sicherheitskräften in Mannar vergewaltigt. Die
Täter
wurden für ihr Verbrechen nicht belangt, die Opfer hingegen
verbleiben
nach wie vor in Haft.
(Für Krishanty Kumaraswami, eine Schülerin
Auch nach deinem Tod
Leben unter willkürlichen Sicherheitsvorkehrungen Die srilankische Human Rights Comission (HRC) eröffnete Ende letzten Jahres einen Bericht, nachdem im gesamten Jahr 2000 über 18. 000 Tamilen auf Grundlage der Sicherheitsbestimmungen, den sogenannten Emergency Regulations (ER) und dem Prevention of Terrorism Act (PTA) inhaftiert wurden. Diese Zahlen geben Aufschluss darüber, in welchem Ausmass die srilankischen Sicherheitskräfte von diesen Sonderregelungen Gebrauch machen, um zumeist willkürlich ausschliesslich Tamilen kurzfristig oder längerfristig in Gewahrsam zu nehmen. Das PTA erlaubt u.a. eine Inhaftierung von Verdächtigen ohne Haftbefehl, ohne Anklageerhebung und ohne Kontakt zur Aussenwelt bis zu 18 Monaten. Zudem gestattet es das Durchsuchen von Wohnungen und Fahrzeugen ohne Durchsuchungsbefehl. Aussagen, die in der Haft gemacht wurden, können vor Gericht verwendet werden, auch wenn der oder die Angeklagte diese während der Verhandlung widerruft. Ergänzt wird das PTA von den ER, unter deren Notstandsverordnungen Personen ohne Haftbefehl festgenommen und auf unbestimmte Zeit ohne Anklage oder Gerichtsverfahren inhaftiert werden können. Nach jeweils 90 Tagen muss eine Haftverlängerung von einer richterlichen Kommission angeordnet werden. Wo keine Beweise ersichtlich sind, muss gemäss den Verordnungen die Freilassung verfügt oder Anklage erhoben werden. Eine Verlängerung der Haft kann nicht angefochten werden. Personen, die bereits aufgrund der Bestimmungen des PTA für 18 Monate inhaftiert wurden, können im Anschluss daran weiterhin unter den ER in Haft gehalten werden. Wie beim PTA können Aussagen, die in der Haft (unfreiwillig) gemacht wurden, vor Gericht verwendet werden, auch wenn diese von den Betroffenen während der Verhandlung widerrufen werden. Was von der srilankischen Regierung als "lebensnotwendige Sicherheitsvorkehrungen" postuliert wird, ist für Tamilen in allen Teilen des Landes, einschliesslich derjenigen, die gegen ihren Willen nach Sri Lanka zurückgeschoben werden, ein lebensbedrohender Alptraum, der sie jederzeit und überall heimsuchen kann. Laut Bericht des US State Departments sind allein in dem staatlichen Gefängnis in Kalutara über 700 tamilische Personen in Haft, viele von ihnen seit mehreren Jahren, ohne das je Anklage erhoben wurde. Dabei kam es bereits verschiedentlich zu übergriffen von singhalesischen Häftlingen oder dem Gefängnispersonal, bei denen jeweils tamilische Gefangene getötet oder verletzt wurden. Die oben genannten Zahlen sprechen in diesem Zusammenhang Bände. Die srilankischen Gefängnisse im ganzen Land sind überfüllt mit tamilischen Gefangenen, die lediglich unter dem "Terrorismusverdacht" jahrelang und oftmals unter Folter und schweren Misshandlungen festgehalten werden. Familienväter und Mütter, junge Männer und Frauen werden beim Einkauf, auf dem Schulweg, während der Arbeit oder in ihren Häusern verhaftet, einzig und allein aufgrund der Tatsache, Tamile/Tamilin zu sein. Dennoch geht das Auswärtige Amt und die deutsche
Auslandsvertretung
davon aus, dass Tamilen ausserhalb der Kriegsgebiete in den
südlichen
Landesteilen ein sicheres Leben führen können. Mit dieser
sogenannten
inländischen Fluchtalternative ist vor allem der Grossraum Colombo
gemeint, in dem aufgrund des Krieges mittlerweile ca. 300.000 Tamilen
leben,
denn mit Ausnahme der Teeplantagen leben kaum Tamilen im südlichen
Teil der Insel.
Nahezu alle tamilischen Flüchtlinge, die aus Deutschland aber auch aus anderen europäischen Ländern abegschoben werden, erhalten von der srilankischen Botschaft lediglich ein Passersatzpapier (emergency- passport), dessen Gültigkeit nach der Einreise in Sri Lanka erlischt. Dadurch besitzen diese keinerlei Identitätspapiere, geschweige denn die zuvor erwähnten anderen notwendigen Papiere, um einer sehr wahrscheinlichen Inhaftierung entgehen zu können. Die meisten Betroffenen werden aufgrund des emergency- passports schon bei der Einreise inhaftiert. Zum einen, weil vermutet wird, dass sie gegen die Ein- und Ausreisebestimmungen verstossen haben, zum anderen, um sie über ihren Auslandsaufenthalt und eventuelle politische Aktivitäten zu befragen. Diejenigen, die keine Verwandten oder Freunde in Colombo haben, erhalten keine Möglichkeit, durch Zahlung einer Kaution aus der Haft entlassen zu werden und sind somit einer längeren Inhaftierung und möglicher Misshandlung ausgesetzt. Mehr als 250 Tamilen sind auf Grundlage des Ein- und Auswanderungsgesetzes inhaftiert, weitere 100 Tamilen wurden auf dieser Basis zu einem Jahr Gefängnishaft und einer Geldstrafe von 50.000 Rupies verurteilt. Durch den mutigen Protest von 22 tamilischen Gefangenen -
abgeschobene
Flüchtlinge, die seit Wochen ohne richterliches Urteil in Haft im
Negombo- Gefängnis gehalten werden - gelangte erst kürzlich
die
oftmals beklagte erniedrigende und willkürliche Behandlung durch
srilankische
Sicherheitskräfte und Behörden an die Öffentlichkeit. Am
7. April begannen die tamilischen Gefangenen einen Hungerstreik und
forderten
ihre sofortige Freilassung auf Kaution, oder zumindest die
Vorführung
vor einen Richter. Ihr friedlicher Protest wurde umgehend durch das
brutale
Eingreifen von Gefängniswärtern erstickt, bei dem sieben der
wehrlosen Gefangenen schwere Verletzungen erlitten. Die Brutalität
mit der das Gefängnispersonal vorging, gibt einen Eindruck davon,
mit welcher Gewalt tamilische Gefangene unter Ausschluss
öffentlicher
Augen konfrontiert sind.
Leben und Freiheit gegen Tod und Hunger Mit der Gründung der singhalesisch- nationalistischen Partei Sihala Urumaya (SU, singhalesisches Vermächtnis) wurde eine gesellschaftliche Entwicklung sichtbar, die von diversen singhalesisch- nationalistischen Organisationen in den letzten Jahren nahezu unbemerkt systematisch angetrieben und gelenkt wurde. Diesen nationalistisch-chauvinistischen Gruppierungen wurde es nicht nur möglich, einen Einfluss auf die Regierungspolitik auszuüben, sie hat auch mit dem Schüren des ohnehin schon tief verankerten nationalen Kriegsbewusstseins weite Teile der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit gegen die Tamilen aufbringen können. Das grausame Gefängnismassaker in Bandarawele zeigt nicht zum ersten Mal das erschütternde Ergebnis singhalesisch- chauvinistischer Agitation. Ein Lynchmob, bestehend aus mehreren hundert Personen aus der singhalesischen Bevölkerung, fiel über wehrlose tamilische Gefangene her, die angeblich, laut Regierungsprogramm, gerade in dieselbe singhalesische Gesellschaft "re-integriert" werden sollten. Chandrika Kumaratungas Regierung, die sich der internationalen Gemeinschaft noch immer effektiv als "Friedensbringerin" verkaufen kann, gelingt es nicht, wie sie vorgibt, der chauvinistischen Radikalisierung in der Bevölkerung Einhalt zu gebieten. Dies ist nicht weiter verwunderlich, hat doch die Regierungspolitik der vergangenen Jahre mit dem Slogan "war for peace" wesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen. Die jahrelangen Einwirkungen der Kriegspropaganda, die staatliche Repression, sowie die Auswirkungen der "Opferbereitschaft für die nationale Sache", haben zu einer derart starken Polarisierung der singhalesischen Gesellschaft geführt, dass es unvorstellbar erscheint, dass sich auch nur eine Stimme unter den Singhalesen öffentlich gegen den Krieg und für das Selbstbestimmungsrecht der Tamilen ausspricht. Tamilen, die in allen Teilen der Insel am meisten unter der Unterdrückung und dem unerbittlichen Krieg leiden, werden für die Missstände der Nation verantwortlich gemacht. Tatsächlich aber versucht seit Beginn dieses Jahres eine kleine Strömung gesellschaftlicher Kräfte, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Rechte und den Widerstand der Tamilen zu verteidigen, vor allem das Gehör der Singhalesen im Süden der Insel zu finden. Das srilankische Human Rights Action Comitee initiierte in Kooperation mit den linkspolitischen Parteien und Organisationen NSSP, Democratic Left Alliance, United Socialist Party und Dyasa Group diverse Kampagnen mit dem Ziel, unter der singhalesischen Bevölkerung ein moralisches Gewissen für die Opfer dieses Krieges zu erwecken und die wahren Hintergründe für die Fortsetzung der Kriegsmaschinerie aufzudecken. Die Form ihrer Kampagnen Sadu Jana Rava (voice of the people with good intentions) ist einfach und wirkungsvoll; gemeinsam mit einer Gruppe von Künstlern wendet sich das Bündnis mit Gesang, Erzählungen und Reden an die Bevölkerung, stets darauf bedacht die Leiden und Sorgen der Adressaten in ihr Programm miteinzubeziehen. Die Inhalte spiegeln die alltägliche Gewalt des Krieges wieder und konfrontieren die Zuhörer mit einer gesellschaftlichen Realität, die durch die Regierungspropaganda pervertiert wurde und die sie mit der von der Regierung eingeforderten Opferbereitschaft gelernt haben, zu akzeptieren: "Hunger umgibt uns. Immer mehr unserer jungen Männer werden zu Champions bei den Paralympics. Wir schicken unsere Kinder in den Krieg und kaufen gleichzeitig Lose der Kriegsheldenlotterie. Patrioten, die vor langer Zeit ausgewandert sind, lächeln von Hochglanzjournalen, präsentieren stolz ihre Spenden von Prothesen für die Kriegsversehrten , die keine Chance hatten das Land zu verlassen. Auf dem Land nehmen sich vor Hunger verzweifelte Eltern das Leben, stürzen sich mit ihren Kindern in Flüsse. Hungrige Kinder sterben an giftigen Substanzen, weil sie auf der Suche nach Nahrung nichts anderes finden. Musical- Shows, veranstaltet, um damit das Kriegsbewusstsein voranzutreiben, werden zu eigenen Schlachtfeldern bei denen die Zuschaür sterben. Aber das Establishment in der Hauptstadt geniesst das Leben, geschützt durch die Sicherheitsvorkehrungen. Seht Euch an, wie tief wir gesunken sind! Wir schlafen ruhiger, wenn wir im Fernseher verfolgen können, wie die Felder und Häuser unserer tamilischen Nachbarn durch den Stahlregen von Multi- Barrel- Rocket- Launchers zerstört werden. Aber zur gleichen Zeit werden Tausende von Hektar unserer fruchtbarsten Ländereien an Multinationale Konzerne ausverkauft. Selbst auf unser frei erhältliches, kostbares Trinkwasser werden sie einen Eigentumsanspruch erheben. Unsere Regierung ist jederzeit bereit, den Multinationalen Konzernen die Freiheit zu geben, grenzenlos über unsere Ländereien zu verfügen. Aber wir glauben weiterhin, es sei eine nationale Notwendigkeit, die Ländereien der Mankulam- Ebene, die durch den Fleiss der armen tamilischen Landarbeiter aufgebaut wurde, zu verwüsten. Denkt darüber nach, was für eine gewissenlose Gesellschaft wir geworden sind! Noch vor zehn Jahren waren die Strassen des Südens angefüllt mit den brennenden Leichen ermordeter Jugendlicher. Unsere Städte und Dörfer waren eingehüllt in Gewehrfeuer und Angst. Unsere Träume von Freiheit und Leben wurden erstickt. Jetzt nehmen wir unsere kleinen Kinder zu Militärparaden und Flugzeugausstellungen der Airforce mit, um ihnen die Kampfbomber zu zeigen, die im September 1995 auf gleichaltrige tamilische Kinder in der Nagakovil- Schule in Jaffna Bomben abwarfen. Hungersnot steht an unseren Türschwellen. Der Krieg bringt Heldenlegenden nach Colombo und versiegelte Särge nach Kurunegala. Die Multinationalen Diebe, die bereits unsere Ländereien, unser öffentliches Eigentum und die billige Arbeitskraft unserer Jugend gestohlen haben, werden keine Ruhe geben, bis sie unsere sämtlichen natürlichen Ressourcen kontrollieren. Angesichts dieser Zerstörung, habt ihr keine Träume von Menschenwürde statt diese verachtenswerte Versklavung zu akzeptieren? Habt ihr keine Träume von Leben und Freiheit die ihr gegen die Realität von Tod und Hunger eintauschen könnt? Wir träumen von einem gemeinsamen Vorgehen der Singhalesen, Tamilen und Muslime, um diesen Traum verwirklichen zu können. Das ist unser schönster Traum, der zur gleichen Zeit ein Alptraum werden kann für diejenigen, die uns in diese Armut und Versklavung getrieben haben." Am 4. Februar 2001, zwei Tage vor dem 53. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Sri Lankas und genau 100 Tage nach dem Massaker an den tamilischen Gefangenen in Bandarawele trat das Bündnis unter dem gleichnamigen Motto zum ersten Mal vor der Fort Railway Station in Colombo mit seinem Programm an die Öffentlichkeit. Weitere Kampagnen im gesamten Colombo Distrikt folgten. Kurz vor der singhalesischen und tamilischen Neujahrsfeier reiste das Bündnis in einem Autokonvoi für vier Tage (9.-12.April) mit seiner Anti- Kriegskampagne "Leben und Freiheit gegen Tod und Hunger" von Colombo über Kandy, Kurunegala, Dambulla, Anuradhapura nach Vavuniya. Bei jeder Station widmete sich der Friedenszug den regionalen Problemen und liess diese in sein Programm einfliessen. So ist die historische Königsstadt Anuradhapura, Pilgerort der buddhistischen Mönche und kultureller Stolz der Singhalesen, heute einer der Hauptstützpunkte der srilankischen Armee. Aus wirtschaftlicher Not, um die Familie zu versorgen, leisten viele junge singhalesische Männer aus dieser Region den Kriegsdienst, während die jungen singhalesischen Frauen unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Freihandelszonen arbeiten, oder ihren Körper verkaufen. Mehr als 40.000 Frauen in der Gegend um Anuradhapura verdienen ihren Lebensunterhalt als Prostituierte. Musical-Shows mit Titeln wie "Der Brief eines Soldaten in die Freihandelszone" werden zum Schauplatz gewaltätiger Auseinandersetzungen. Diese "Unterhaltungsshows" sind oftmals derart aufreizend, dass es auch danach häufig zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen durch singhalesische Soldaten kommt. Der Friedenszug endete in Vavuniya, wo das Programm im Zentrum der
Stadt
und direkt vor den Flüchtlingslagern Poonthottam
hauptsächlich
die tamilische Zuhörerschaft erreichte. Im Gegensatz zu den
Kampagnenstationen
im Süden lag der Schwerpunkt des Programmes in Vavuniya darin, den
Tamilen, die seit Jahren in den Flüchtlingslagern wie in "offenen
Gefängnissen" leben, die Botschaft zu übermitteln, dass es
auch
noch in der singhalesischen Gesellschaft Kräfte gibt, die gewillt
und bemüht sind, sich gemeinsam mit ihnen für ihre Rechte
einzusetzen.
Dabei ging es ihnen weniger darum eine Entschuldigung zu formulieren
für
etwas, das unentschuldbar ist, sondern vielmehr darum zu zeigen, dass
sie
all ihre Anstrengungen darauf konzentrieren, eine gesellschaftliche
Veränderung
im Süden der Insel zu erreichen - für ein Leben in Freiheit
gegen
den Hunger und Tod.
Tamilen aus Bremen, die akut von Abschiebung bedroht sind
jW sprach mit Viraj Mendis, Mitglied des Internationalen Menschenrechtsvereins Bremen F: Der Internationale Menschenrechtsverein Bremen e.V.
veranstaltet
vom 26. bis 28. April ein Tribunal zur Lage der Menschenrechte in
Nigeria.
Gibt es einen besonderen Anlaß?
F: Aber gerade der OPC erfährt hierzulande oft die Bewertung
einer gewaltbereiten, sogar terroristischen Organisation. Könnte
Fasheuns
Anwesenheit nicht als Affront verstanden werden?
F: Was wird das Tribunal, ist es mit allen seinen Konferenzen
abgeschlossen,
Ihrer Meinung nach bewirken können?
Interview mit Annett Bartl von der Junge Welt
Ein Offener Brief von einem verdächtigen Tamilen Als die "Hiru" mich bat, über die Tamilen im Süden zu schreiben, war ich der Ansicht, daß wir nichts zu schreiben hätten als unsere Autobiografien. Ich sprach mit meinen Freunden, denn ich war neugierig, ob sie andere Erfahrungen gemacht hatten als ich. Das war jedoch nicht der Fall. Wir trennten uns, nachdem wir immer und immer wieder über dieselben Dinge gesprochen hatten. Nach ein paar Tagen solcherlei Monotonie entschloß ich mich, das zu schreiben, was ich zu schreiben hatte und vergaß die anderen. Freunde, denkt nicht, ich würde unsere Freundschaft geringschätzen. Aber wir leben in zwei Welten, zwei Welten erschaffen und erhalten durch Rassismus. Vielleicht bin ich nicht in der Lage, Euch Rassismus in Begriffen der politischen Rhethorik zu erklären, aber Rassismus durchdringt selbst die Luft, die wir atmen. Ihr mögt Euch fragen, was diese zwei Welten sind. Stellt sie Euch so vor: Ihr lauft durch Straßen die angefüllt sind von Menschen, redet laut, Ihr seid empört über die Ungerechtigkeit, die Ihr seht, kritisiert Eure Feinde ohne Angst, Ihr argumentiert unermüdlich um Eure Überzeugungen zu verteidigen und schlaft friedlich am Ende eines langen Tages. Meine Welt ist anders, ich laufe durch Straßen aber spreche nicht laut, sehe Ungerechtigkeit aber bleibe still. Ich kenne meine Feinde, aber ich kritisiere sie nicht. Ich behalte meine Überzeugungen für mich und höre die von anderen an. Selbst vor dem Schlaf fürchte ich mich unendlich. Alles, was Ihr im Süden seht, sehe ich auch, aber mit anderen Augen. Die Straßen, die Ihr seht, sind nicht diejenigen, die ich sehe. Nichts könnte Euch weniger kümmern als die, die neben Euch im Bus sitzen. Bei mir ist es nicht so. Ein Flugzeug, das über Eure Köpfe hinwegfliegt, ist für Euch bloß ein flüchtiger Blick. Für mich ist es ein anderer Blick. Ihr könnt in Eurer Sprache ohne Angst sogar über Politik sprechen, aber in meiner Sprache wage ich nicht einmal, über Blumen und Schmetterlinge zu sprechen. Das ist der Grund, warum ich sage, daß uns Meilen trennen, obwohl wir nur einen Atemzug entfernt sind. Tadelt mich nicht dafür, daß ich emotional schreibe. Wir Tamilen haben uns seit langem daran gewöhnt, ohne Emotionen zu leben. Eure Welt und meine sind erschaffen durch unsere Gefühle. Ich habe nichts als brüderliches Verständnis für Eure mutigen Aufrufe, einen gemeinsamen Kampf zu führen, aber wir leben in zwei Welten, getrennt durch mein tamilisch-sein. Ich schreibe hier über meine Welt. Oft bin ich gezwungen, über mich zu denken wie über einen Dieb, einen Kriminellen. Ich bin nicht überrascht, daß Ihr den Grund dafür nicht kennt. Über den Grund bin auch ich mir nicht vollkommen klar. Ich vermute es liegt daran, daß ich als Tamile geboren wurde. Ich bin gezwungen, so zu denken, denn mein Verhalten hat sich fast unbewußt verändert. Es ist allerdings verständlich, daß mein Verhalten sich verändert hat, wenn so viele mich mit Mißtrauen betrachten. Ich weiß, ich befinde mich nicht allein in dieser Situation. Viele andere, die als Tamilen geboren wurden, kennen sie ebensogut. Nicht nur die Kontrollposten von Polizei und Armee erschrecken mich immer wieder - auch in Bussen und Zügen geht es mir so. Die Angst, durchsucht zu werden, begleitet mich wohin ich auch gehe. Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe, mich so zu fürchten, aber jedesmal sagt mein Unterbewußtsein, es sei, weil ich Tamile bin. Vor langer Zeit las ich in Zügen und Bussen in meiner eigenen Sprache. Aber nun habe ich es mir angewöhnt, nicht das kleinste Wort Tamilisch zu lesen an solchen Orten. Ich möchte nicht einmal an die mißtrauischen "Singhalesischen Gesichter" denken, die mich beobachteten, als meine Blicke wanderten und zu lange an einem Satz hängenblieben, der in meiner Sprache geschrieben war. In solchen Momenten fühle ich mich wie ein Fremder. Ich laufe ängstlich durch die Straßen, fahre ängstlich in einem Bus, betrete ängstlich ein Büro - Angst ist ein Teil von meinem, von unseren Leben. Immer wieder habe ich versucht als Singhalese durchzugehen, doch alles was geschieht ist, daß ich noch hilfloser werde. Warum geht es mir so? Es liegt daran, daß Eure Welt nicht meine ist. Manchmal richtet sich die Farbe meiner eigenen Haut gegen mich. In solchen Momenten bleibt mir nichts als meine Verzweiflung. Oft isoliert mich die Farbe meiner Haut, die Form meines Gesichts oder mein Akzent. Für viele Soldaten macht die dunkle Haut die Tamilen erkennbar. Dann bringt mich meine dunkle Haut in Schwierigkeiten, wie andere Tamilen auch. Ich weiß, daß Eure "Singhalesische Farbe" Euch niemals in Schwierigkeiten bringt. Nicht nur solche natürlichen Unterschiede unterdrücken mich an Kontrollposten. Ich habe keine Ahnung warum ich es nicht schaffe, in solchen Momenten das Singhalesisch zu sprechen, das ich perfekt beherrsche. Genau dies wird die Anschuldigung sein, die sie gegen mich erheben werden. Die endlose Inquisition, umringt von Gewehren und Pistolen ist furchterregend, doch furchterregender ist der Blick mißtrauischer Verachtung in den Augen singhalesischer Nachbarn im Bus. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich zur Polizei und dem Gramasevaka ging um Ersatz zu bekommen für den Personalausweis, den ich vor einiger Zeit verlor. Die Polizei verlangt eine Bescheinigung des Gramasevakas, der Gramasevaka verlangt eine Bescheinigung von der Polizei. Selbst meine Anzeige, daß ich meinen Ausweis verloren hatte, wurde bloß fünfmal aufgenommen. Ich hatte die Angelegenheit nicht weiterverfolgt, denn mein Leben schien mir zu entgleiten. Doch jede Sekunde, die ich im Süden lebe, werde ich nach meinem verlorenen Ausweis gefragt, damit mein tamilisch-Sein von Eurem singhalesisch-Sein unterschieden werden kann. Ich kann mich gut erinnern, wie die Dinge vor acht oder neun Jahren waren. Aber die jungen Männer, die ihre Gesichter versteckten aus Angst vor ihren Folterern und Mördern schlendern heute durch die Straßen des Südens. An den Kontrollposten machen sie halt um mit den Soldaten zu quatschen und zu scherzen und sie lachen mit ihnen ohne Angst. Wir Tamilen sind furchtbar allein, denke ich. Wenn ich, der Singhalesisch spricht, der in Colombo geboren wurde, dies ertragen muß - ich weiß nicht ob Ihre es Euch vorstellen könnt, was jene ertragen müssen, die aus dem Norden oder dem Osten kommen. Diese psychische Qual ist viel schwerer zu ertragen als körperliche Folter. Wann wird diese Situation beendet sein. Das ist eine Frage, auf die wir Tamilen keine Antwort wissen. Uns gibt man alle möglichen Antworten: "bis die terroristischen Tigers zerstört sind ... bis der Sozialismus kommt ..." Dies sind nichts weiter als Ausflüchte, eine Flucht für die, die sich darauf berufen. Niemals Antworten auf die Fragen unserer Existenz. Jene, die fliehen vor unaufhörlichen Bombardements und willkürlichen Festnahmen, werden auch im Süden nicht verschont. Ein Mensch aus dem Norden, der nach Colombo kommt, wird weder Arbeit noch Unterkunft finden, viel weniger ein freundliches Lächeln. Diese Flüchtlinge fürchten sogar, einen Bus zu besteigen, der zu Orten wie Welawatta, Kotahena, Mattakkuliya oder Dehiwala fährt, wo die meisten Tamilen leben. Wenn ein Tamile in Colombo übernachten muß - sei es für eine Nacht - muß er die Polizei informieren. Wenn ein Wohnungsinhaber einen Verwandten unterbringt, muß er die Polizei unterrichten, selbst noch über das kleinste Detail - die Dauer das Aufenthalts, Adressen, Ausweisnummern. Es ist die Pflicht eines Wohnungsinhabers, seinen Gast registrieren zu lassen. Jeder Tamile, der die Straße betritt, muß ein "Offizielles Polizeizertifikat" besitzen. Er muß noch nicht mal aus dem Norden oder Osten sein, um dieser Anordnung gehorchen zu müssen. Heute sprechen wir unsere Sprache nicht laut auf der Straße; unsere Frauen vermeiden es häufig, das "Pottu" zu tragen, denn das ist immer ein Zeichen der Rasse. An Kontrollposten ist es normal, daß jeder, der aus dem Norden oder Osten kommt, Einzelheiten preisgibt wie seinen Namen, Adresse, Grund seines Aufenthalts in Colombo, die Dauer des Aufenthalts und so weiter und so fort. Aber ich weiß nicht, ob Ihr gesehen habt, wie Leute aufgefordert wurden, sich auszuziehen, und wie sie auf Narben untersucht wurden. Eine bloße Narbe kann verantwortlich dafür sein, daß das Leben eines jungen Tamilen ernsthaft gefährdet ist. Wenn die Person nicht lange Zeit im Süden gelebt hat und nicht richtig Singalesisch spricht, wird die Situation noch gefährlicher. Solche Umstände reichen für eine sofortige Festnahme. Ich werde über einen Fall berichten, den ich kenne. Ein Bekannter von mir, ein Flüchtling aus dem Norden, wurde verhaftet. Er wurde zwar geschlagen und gefoltert, aber nicht getötet. Nachdem er lange Zeit in einem Gefangenenlager geschmachtet hatte, wurde er vor Gericht gestellt. Das Verfahren zog sich fast fünf Jahre hin. Sein Berater riet ihm, zu "gestehen", daß er ein LTTE-Mitglied gewesen sei und daß er zum Zeitpunkt seiner Verhaftung eine Feuerwaffe samt Munition besessen habe. Weiter erklärte der Berater, daß die fünf Jahre Haft von der Strafe abgezogen würden. Da er keine Alternative hatte, "gestand" er. Obwohl er nach seiner Freilassung das Land verlassen wollte, um sicher zu sein, war das nicht möglich, denn seine Eltern mußten all ihren Besitz veräußern, um die Gerichtskosten zu begleichen. Zu seinem eigenen "Schutz" trat er einer Organisation bei, die mit der Regierung im Osten kollaboriert. Noch immer ist er "sicher", aber Menschen wie er sind gezwungen, sich keine Gedanken über die Zukunft zu machen. Die Erfahrungen der Inhaftierten sind oft ähnlich. Ihre "Geständnisse" werden ausnahmslos auf Singhalesisch niedergeschrieben und sie müssen diese dann unterschreiben - ob sie die Sprache verstehen oder nicht. Der einzige Ausweg besteht darin, die Polizisten zu bestechen. Das Schmiergeld reicht von zehntausend Rupien bis zu hunderttausend oder mehr. Die Verhandlungen zwischen den Verwandten und den Inhaftierten führen Vermittler, die von beiden Seiten eine "Gebühr" bekommen. Legale Gebühren sind noch höher. Wenn überhaupt haben es höchstens eine handvoll Tamilen geschafft, einen Inhaftierten frei zu bekommen, ohne in die Mittellosigkeit getrieben worden zu sein. Die Gründe dafür, daß die Urteile in allen Verfahren gegen Inhaftierte so verspätet fallen, sind oft ähnlich. Gewöhnlich liegt es daran, daß die Inhaftierten sich weigern, die "Anschuldigungen" zu gestehen, so wie der verhaftende Polizeibeamte es gerne hätte. Doch je länger sie sich weigern, zu "gestehen", desto länger dauert die Haft. Viele gestehen Dinge, die sie nie getan haben, weil sie darin ihren einzigen Ausweg sehen. Wer einmal verhaftet wurde, hat das garantierte Recht, für immer ein "Terrorist" zu sein. Jeder entwaffnete Tamile ist eine Sprosse in der Karriereleiter eines Polizeibeamten und wenn der besagte Offizier ein begabter Krimierzähler ist, braucht er sich über seine Karriere keine Sorgen zu machen. Für den, der einmal verhaftet worden ist, wird Colombo zur inoffiziell verbotenen Zone. Es wird sehr gefährlich, einfach dorthin zu kommen und von dort zu gehen, ganz zu schweigen vom Arbeiten und Wohnen. Selbst während des Terrors im Süden war es ziemlich üblich, daß Zeitungen über jene berichteten, die von den Sicherheitskräften oder paramilitärischen Gruppen getötet wurden. Heute aber berichten die Medien des Südens überhaupt nicht über die Tamilen, die verhaftet oder getötet werden. Nach der singhalesischen Presse sind alle Tamilen von Geburt an Terroristen. Meine Gefühle für meine singhalesischen Freunde, die die Vergangenheit vergessen zu haben scheinen, endet nicht in Desillusion. Ich bedauere sie zutiefst. "Diese Dinge passieren in Kriegssituationen", mögt Ihr vielleicht sagen. Aber wenn Angst und Unterdrückung normal sind, wie kann der Wunsch nach Befreiung unnormal sein? Wenn militärische Repression zur Normalität wird, wie kann Widerstand eine "einzige Verschwörung" sein? Seid nicht empört über diesen giftigen tamilischen Rassismus, den dieser verdächtige Tamile verbreitet! Aber wenn es Rassismus ist, unsere tiefsten und sehnsüchtigsten Hoffnungen, uns von Unterdrückung und Angst zu befreien, die uns gequält haben über Jahrzehnte, wenn das Rassismus ist, dann bin ich ein bösartiger Rassist, wahrlich ein Rassist der übelsten Sorte. Ich möchte nachdenken über Eure brüderliche Einladung, einen gemeinsamen Kampf zu führen. Es ist in der Tat ein edles Gefühl und ich empfinde nichts Negatives dabei. Niemand von uns Tamilen jagt einem isolationistischen Irrglauben nach - wie könnten Menschen wie ich uns fernhalten von Eurem Ruf? Das ist allerdings nicht die Frage. Nur Gleiche können sich vereinen und kämpfen. Doch, sind wir Gleiche? Laßt mich diesen Widerspruch entwirren. Ihr Singhalesen aus
dem
Süden leidet unter der Arbeitslosigkeit. Ihr werdet erdrückt
von den Lebenshaltungskosten, unterdrückt durch soziale
Ungerechtigkeit
und Ihr werdet niedergehalten durch Unterdrückung und Repression.
Wenn Ihr Widerstand leistet, wenn Ihr Euch organisiert, wenn Ihr Euch
entschließt,
Euch zu erheben, dann ist Euer Leben wahrlich in Gefahr. Es wird
gewiß
Euer Schicksal sein, von der Polizei angegriffen und verhaftet zu
werden,
verschleppt und getötet zu werden oder dergleichen.
Deshalb sind wir nicht Gleiche. Fühlt Euch nicht angegriffen durch die Härte meiner Worte. Ihr seid wahrlich privilegiert; nicht aufgrund von Besitz oder Klasse oder aristokratischen Ehren, sondern aus rassischen Gründen. Wenn Ihr wegen des Namens in Eurem Ausweis verhaftet werdet, weil Ihr es wagt, in Eurer Sprache zu sprechen. Weil es Euch nicht in Gefahr bringt, die Zeichen Eurer Kultur offen zu zeigen; selbst dann, wenn Ihr verhaftet werdet, könnt Ihr wenigstens eine Aussage in Eurer eigenen Sprache machen. Von allem, was Ihr schreibt und sagt, sind die Freiheiten, die Ihr
mir
in Eurer "zukünftigen sozialistischen Gesellschaft" versprecht, in
der Tat am erbaulichsten.
Ihr, die Ihr mehr als siebzig Prozent der Bevölkerung seid, seid Ihr unterdrückt durch den Rassismus der Tamilen, die gerade zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachen? Kann eine Regierung, die von der Mehrheit von Euch, über siebzig Prozent, gewählt wurde, zum Werkzeug des Rassismus der Tamilen werden, die gerade einmal zwölf Prozent der Gesamtheit ausmachen? Unsere Leben sind die Zielscheibe dieser finsteren Witze. Es ist nicht schwer, den Rassismus zu besiegen. Ich habe ihn oft fliehen gesehen, gnadenlos geschlagen von jubelnden Bühnen, doch am Fußboden unterhalb der Bühne ist es nicht einfach, zu schlagen. Er versteckt sich in verborgenen Gedankenmustern, vorsichtigen Worten und verdächtigen Handlungen, die darauf warten, ihre scheußlichen Fratzen zu zeigen. Es ist nichts als Unterdrückung, die meine Brüder und
Schwestern
verletzt und empört. Als Arbeiter Selbstmord begingen, als sie
nach
dem Generalstreik von 1980 entlassen worden waren, sagtet Ihr, sie
leiden
an der Unterdrückung.
Aber ich verstehe nicht, daß ihr meine Brüder und
Schwestern,
die Zyankalikapseln bei sich tragen, in der Blüte ihrer Jugend und
in Selbstmordangriffen sterben, "fehlgeleitet" seien von "fremden
Interessen"
oder manipuliert seien von ausländischen Verschwörungen.
Meine singhalesischen Freunde,
Die rassistische Unterdrückung der Tamilen und ihr Widerstand In den Berichten über Sri Lanka wird stets der Eindruck erweckt, der alltägliche Terror würde von den TamilInnen selbst hervorgerufen, insbesondere durch ihre Befreiungsbewegung, den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE). Dabei werden die Tatsachen auf den Kopf gestellt. Die TamilInnen mußten über Jahrzehnte eine extreme Form von Rassismus ertragen. Als sie schließlich begannen, dagegen Widerstand zu leisten, verfolgten sie eine strikte, an Ghandi orientierte Linie der Gewaltfreiheit. Die singhalesischen Herrscher, denen die Macht von der 1948 abrückenden britischen Kolonialdiktatur übertragen wurde, haben die singhalesische Mehrheit in kolonialistischer Mentalität sehr erfolgreich gegen die tamilische Bevölkerung aufgehetzt. Die singhalesische Elite – und in zunehmenden Maße auch die singhalesische Bevölkerung, gewöhnten sich schnell daran, parasitär den von unter sklavenartigen Bedingungen lebenden und auf englischen Teeplantagen arbeitenden TamilInnen erwirtschafteten Wohlstand, zu ihrer Lebensgrundlage zu machen. Als aber die Erträge aus diesen Teeplantagen geringer wurden, verbreiteten singhalesische Politiker auf der gesamten Insel eine chauvinistische Hysterie gegen die TamilInnen, um sie von allen Posten in der Verwaltung und Wirtschaft zu vertreiben, damit diese geringer qualifizierten SinghalesInnen zur Verfügung standen. Der Gebrauch der tamilischen Sprache wurde weitgehend unmöglich
gemacht; TamilInnen, die eine Universität besuchen wollten,
mußten
weit bessere Noten vorweisen als singhalesische BewerberInnen. Teile
des
Nordens und Ostens der Insel (Tamil Eelam), in denen mehrheitlich
TamilInnen leben und seit ebenso langer Zeit wie die SinghalesInnen im
Rest des Landes gelebt haben, wurden gewaltsam durch die SinghalesInnen
kolonialisiert.
Nach 27 Jahren kraftvoller Opposition und den jüngsten militärischen Erfolgen auf der nördlichen Halbinsel Jaffna, die beweisen, daß die LTTE nicht mehr nur auf die Guerillataktik angewiesen, sondern der srilankischen Armee in einem konventionellen Krieg an Waffenstärke zeitweise sogar überlegen ist, sollte es klar sein, daß die srilankische Regierung keinen militärischen Sieg erreichen kann – es sei denn, man entzieht der LTTE ihre Basis und tötet die Mehrheit der tamilischen Bevölkerung. Somit bedeutet die Logik, die von der Regierung befolgt wird, nur eines: Völkermord. |
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