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Die Krise des Nigerdeltas und Nigerias Zukunft

von Dr. Beko Ransome-Kuti

Im November 1999 hat die nigerianische Regierung einige Battallione der Armee von Warri (Bundesstaat Delta) und Elele (Bundesstaat Rivers) abgezogen und im ölreichen Bundesstaat Bayelsa stationiert.

Einige Tage zuvor waren sieben Polizisten bei einem Zusammenstoß mit Jugendlichen in der Gegend um Odi im Staat Bayelsa getötet worden. Dies war Teil einer Auseinandersetzung zwischen der Regierung und ausländischen Ölkonzernen einerseits und widerständischen Ijaw-Jugendlichen andererseits. Die Jugendlichen, von denen viele arbeitslos sind, haben wiederholt gefordert, daß für das Rohöl, das aus dem Land ihrer Ahnen gefördert wird, eine Lizenzgebühr bezahlt wird.

Die Regierung behauptete, sie würde den Zusammenstoß untersuchen und die Jugendlichen vor Gericht bringen. Doch anstatt Kommissare, Sicherheitsbeamte oder die Polizei hinzuschicken, um den Fall zu untersuchen, die Täter zu identifizieren und zu verhaften, schickt die Regierung die Armee. Diese Aktion zeigt die wahren Absichten der Regierung, den Versuch die Menschen in Öl-produzierenden Gebieten einzuschüchtern und ruhig zu stellen, indem sie eine ganze Stadt auslöscht.

Als die Truppen am Stadtrand von Odi ankamen, haben sie die Stadt zwei Tage lang mit Mörsern beschossen, anstatt hineinzugehen um den Fall zu "untersuchen" und "die Banditen zu verhaften". Am Ende dieser offensichtlich kriminellen Bombardierung standen nur noch wenige Häuser in der Stadt. Dann ging die Armee hinein und tötete alle jungen Männer die sie unter die Finger bekamen in Odi und der Umgebung. Während dieser Aktion brannte sie noch mehr Häuser nieder.

Das ist es, was die Administration von Präsident Olusegun Obasanjo mit Odi und seinen Einwohnern gemacht hat; man kann es nur als Massaker und mutwillige Zerstörung beschreiben.

In ihrer Erklärung vom 2. Dezember 1999 mit dem Titel "Der Beginn eines Völkermords", sagt die Kampagne für Demokratie über das Massaker von Odi: "Kein vergleichbares Elend war in Nordirland zu sehen, wo ähnliche Morde routinemäßig von Gesetzeshütern ausgeführt wurden. Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika gab es nichts dergleichen, als nach dem Mord an Rev. Martin Luther King in den 60er Jahren allgemeines Chaos ausbrach. Diese Art von Zerstörung ist nur zu beobachten in Kriegen zwischen Feinden."

Die Massaker in Odi und die Zerstörung der Stadt war tatsächlich eine Botschaft der Regierung, daß sie keinerlei Opposition dulden und keine Unterbrechung der Ölförderung im Land tolerieren wird. Öl ist die Ware, durch die die aufeinanderfolgenden Regierungen in Nigeria seit 1965 über 90% ihres Einkommens bestritten haben, wovon das meiste in den Taschen der Machthabenden verschwand.

Für Öl ist die nigerianische Regierung bereit, das Land in Blut zu ertränken. Dies ist nicht das erste Mal, daß in diesem Land durch die Regierung vorsätzlich Blut vergossen wurde, um die Ölförderung sicherzustellen. Blutvergießen ist vielmehr ein Teil der Ölpolitik der Regierung. 1995 hat sie den Umweltschützer und berühmten Schriftsteller Ken Saro-Wiwa, zusammen mit acht anderen Aktivisten für Minderheitenrechte aus Ogoni, gehängt, weil sie die Ölförderung des Ölgiganten Shell auf Ogoniland angegriffen hatten.

Im Dezember 1998 hat die Regierung Jugendliche in Yenagoa, der Hauptstadt von Bayelsa, massakriert, weil sie die Kontrolle über die Ölressourcen, die auf dem Land ihrer Ahnen gefördert werden, verlangten. Einige Monate später wurden Truppen geschickt, um Kaiama, eine Stadt in Bayelsa, dem Erdboden gleich zu machen, wo Jugendliche Wochen zuvor eine Deklaration beschlossen hatten, in der sie verlangten, daß das Volk Kontrolle über seine Ölressourcen haben soll.

All diese Massaker und Zerstörungen fanden in einem kleinen Teil des Landes, Niger-Delta genannt, statt. Das Niger-Delta ist der südlichste Teil von Nigeria, der etwa 70.000 km² umfasst. Trotz seiner kleinen Fläche in Relation zum gesamten Land, und seiner Vernachlässigung, werden aus seinem Innersten täglich zwei Millionen Tonnen Rohöl gefördert.

Diese Gegend ist der vielleicht unterentwickeltste Teil des Landes, trotz der 43 Jahre, in denen sein nicht erneuerbarer Ölreichtum ausgebeutet wurde. Diese Region ist reich und arm zugleich; reich an natürlichen Ressourcen und verarmt durch die Ölkonzerne und die Bundesregierung, die die gesamten Ressourcen enteignet haben.

Durch diese Sachlage, den Mangel an Arbeitsplätzen, das nicht-Ansiedeln von Industrie und das fast vollständige Fehlen von Infrastruktur, steht das Niger-Delta heute für Verwahrlosung und Massenarmut. Im Niger-Delta Umweltbericht (NEDES) von 1997 wird erklärt:

"Armut ist vorherrschend im Niger-Delta und steht in Zusammenhang mit der Verschlechterung des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens und der Fischfanggebiete. Die betroffenen Menschen verarmten. In vielen Fällen wanderten sie aus, um Teil der städtischen Armen zu werden oder sie blieben in ihren Dörfern, um mit dem ertragarmen Land und den schlechten Gewässern zu ringen."
Oloibiri ist wohl der Teil des Niger-Deltas, der am besten zeigt, was die Zukunft für die Gegend bringen wird. Hier wurde 1956 zum ersten Mal Öl in kommerziellen Mengen gefördert; 75% der Menschen im Niger-Delta leben in ländlichen Gebieten ohne Wasseranschluss, Elektrizität und Strassen. Ihr Land wird durch die Ölförderung verwüstet, das Wasser durch auslaufendes Öl verschmutzt und die Luft vergiftet durch die ewig brennenden Gasflammen. Da ist es verständlich, daß ihnen der Geduldsfaden reißt. Dies ist ein Teil der Gründe für die sogenannte Niger-Delta Krise.
Diese Charakterisierung ist zutreffend, wenn man die inter-ethnischen Konflikte zwischen den Menschen in Betracht zieht, die Völker wie die Ijaw und Urhobo gegen ihre Brüder und Schwestern der Itsekiri aufstachelte. Diese blutigen Zusammenstöße zwischen den Unterdrückten und Ausgebeuteten werden von den Ölkonzernen angeheizt, die von dem Haß zwischen den Ethnien profitierten, in der Hoffnung, daß diese Art der Spaltung die Menschen beschäftigt, während die nackte Ausbeutung weitergeht.

Aber im Kontext des nationalen und internationalen Monopolkapitals ist diese Charakterisierung nicht richtig, denn in Wirklichkeit handelt es sich um eine Krise des Nigerianischen Staates. Das Land ist fast vollständig auf die Ölressourcen angewiesen; es ist argumentiert worden, daß das Öl die Basis für Nigerias Einheit darstellt. Da jegliche Unterbrechung des Ölgeschäfts das Land in den wirtschaftlichen Ruin treiben würde, ist die Krise zu einer nigerianischen Krise geworden. Es ist ein Teufelskreis; die Menschen protestieren gegen ihre Lebensbedingungen und gegen die Beschlagnahmung ihrer natürlichen Ressourcen durch die Zentralregierung. Diese Proteste führen manchmal zur Unterbrechung der Ölförderung, und die Regierung schickt bewaffnete Soldaten und Polizisten, die die Protestierenden verprügeln, damit die Ölproduktion weitergehen kann bis sie wieder unterbrochen wird.

Für die Menschen im Niger-Delta ist die Regierung wie ein einarmiger Bandit, der Gesetze erläßt um ihr Land, Wasser, Öl und andere Ressourcen zu beschlagnahmen, und der bewaffnete Männer schickt, um sie zu töten. Sie glauben, daß der Grund für ihre Ausbeutung hauptsächlich darin besteht, daß sie eine Minderheit im Land darstellen. Sie machen darauf aufmerksam, daß vor der Entdeckung des Öls in kommerziellen Mengen das Prinzip der Wiedererlangung die Grundlage darstellte für das Teilen der Ressourcen und die Mittelbewilligung. Unter der Bins Kommission in den 50er Jahren gingen 100% der Mittelbewilligung an die Region, aus der die Ressourcen kamen. Dies wurde später auf 50% gekürzt. Unter der Unabhängigkeitsverfassung von 1960 und der republikanischen Verfassung von 1963 gingen 50% der Mittelbewilligung an die Region, aus der die Ressourcen stammten, 30% an alle Regionen und 20% an die Zentralregierung.

Dies war zu einer Zeit in der die drei größten Ethnien des Landes die Hauptressourcen lieferten. Der von den Hausa-Fulani dominierte Norden produzierte Erdnüsse, Felle und Leder, der von den Yorubas bevölkerte Westen war berühmt für seine Kakaoproduktion und der von den Igbos kontrollierte Osten hatte Kolabäume und Palmöl. Als das Öl jedoch dominant wurde, reduzierte sich die Mittelbewilligung von 50% auf 0%. Dies führte teilweise zu einem Aufstand der Ijaws, angeführt von einem früheren Studentenführer, Issac Adaka Boro. Diese Revolte wurde in zwölf Tagen niedergeschlagen.

Der Bürgerkrieg in Nigeria, der von 1967 bis 1970 wütete, hatte unter anderem den Kampf um die Kontrolle des Ölreichtums des Niger Delta als Auslöser. Heftige Unruhen nach dem Krieg führten zu einer Mittelbewilligung von 1%, und später 3%. Daraufhin wurde vom Militär ein 13%-System eingeführt, doch das Geld wurde in eine "Oil Minerals Producing Development Commission" (OMPADEC) gesteckt, die vollständig vom Militär kontrolliert wird.

Eine sehr kleine Gemeinschaft namens Ogoni löste die Protestbewegung der Menschen im Niger-Delta aus. Die Ogoni, angeführt von dem berühmten Schriftsteller Ken Saro-Wiwa, merkten, daß sie durch die Ölförderung, die Umweltverschmutzung und die Vernachlässigung seitens der Regierung vom Untergang bedroht waren. Sie vernetzten sich mit anderen indigenen Organisationen in der Welt und nutzten friedliche Massenproteste und zivilen Ungehorsam, um den Ölgiganten Shell und dessen Helfer, wie die American Wilbros und die Bundesregierung, zu bekämpfen. Die Antwort der Regierung war, Ogoniland mit Hilfe der Nord-dominierten Armee zu besetzen.

In Folge eines umstrittenen Zusammenstoßes in der Gokanaregion von Ogoniland, in dem vier prominente Ogoni-Söhne getötet wurden, weil sie verdächtigt worden waren, mit der Regierung zusammenzuarbeiten, wurden hunderte von Ogoni und auch Saro-Wiwa verhaftet. Es wurde ein korruptes Militärtribunal eingerichtet, vor das die verhafteten Ogoni gezerrt wurden. Neun von ihnen, auch Saro-Wiwa und ein hoher Regierungsbeamter wurden zum Tode verurteilt. Trotz internationaler Mahnungen und Bitten auch des Commonwealth wurden die Ogoniaktivisten gehängt.

Dies führte zum Ausschluß Nigerias aus dem Commonwealth und zur internationalen Isolation. Die Menschen im Niger-Delta ließen sich durch die Hinrichtungen jedoch nicht aufhalten, sie betrachteten sie als Herausforderung. Sie führten den Kampf fort und die Ijaws, die die vielleicht größte Ethnie im Niger-Delta darstellen, begannen als erste mit dem bewaffneten Guerrilla-Kampf. Im Dezember 1998, trafen sich Ijaw Jugendliche und verfassten die Kaiama-Erklärung, in der sie erklärten: "Wir sind einverstanden in Nigeria zu bleiben aber wir fordern Selbstbestimmungsrecht und Ressourcenkontrolle für das Volk der Ijaw." Außerdem forderten sie ein Ende der zentralistischen Regierungsform zu Gunsten eines föderativen Systems.

Als Bestandteil ihres Protestes begannen die Ijaw einige Ölfördertürme auf dem Land ihrer Ahnen zu schließen. Dies führte zu massiven Truppenbewegungen und zur Besetzung der Gegend im Januar 1999. Diese Besetzung wird weiterhin mit viel Blutvergießen und Massenexekutionen an Ijaw Jugendlichen durch Sicherheitskräfte fortgeführt. Seitdem haben auch andere Ethnien im Niger-Delta Deklarationen verfasst. Die Erklärung der Urhobo besagt, daß das Urhoboland über $25.7 Billionen an Öl geliefert hat, "ohne etwas davon zu sehen". Die Urhobos verlangen die Wiedereinsetzung des "Prinzips der Herkunft, mit vollständiger Übereignung und Kontrolle über Öl und Gas in unserem Gebiet als der einzige Ausweg aus 40 Jahren Ausgrenzung und Entbehrung."

Das Volk der Oron, das sich am 25. Juni 1999 traf, war das letzte, das eine Erklärung verfasste. Ein Teil der Erklärung lautet: "Das qualvollste ist die kontinuierliche Verschmutzung unserer Küstengewässer, Flüsse und Ströme durch das Abladen von giftigen Substanzen im Ozean. Diese Taten haben den Reichtum unseres Ozeans in Gefahr gebracht und eine Verarmung der Fischer verursacht, indem sie das Leben in den Küstenregionen und den Fischgründen zerstören ... Wir leben von der See, sterben auf See und, wie wir jetzt sehen, sind die Aussichten gefährlich trüb und werden jeden Tag schlechter."

Am 29. Mai 1999 ging das Land von einem Militärregime über zu einer zivilen Regierung. Die neue Regierung unter General Olusegun Obasanjo versprach Veränderungen im Leben der Menschen, auch derer im Niger-Delta. Doch fünf Monate später stellen sie sich als leere Versprechungen heraus. Präsident Obasanjo hat einen Gesetzesentwurf über eine Niger-Delta Entwicklungskommission in der Nationalversammlung eingebracht. Dieser Gesetzesentwurf wurde von den Menschen im Niger-Delta abgelehnt, da er nur eine Neuauflage der OMPADEC des Militärs darstellt, diesmal von der Regierung kontrolliert.
 

Schlussfolgerung

Die Krise im Niger-Delta kann nicht unabhängig von der Nigerianischen Krise bewältigt werden. Die Nigerianische Krise umfasst das Gefühl der Entfremdung der Menschen, das Fehlen einer akzeptablen Verfassung, den Mangel an Teilnahme an der Regierung und die Weigerung der Politiker und des Militärapparats, die notwendigen geographischen und politischen Umstrukturierungen im Land vorzunehmen.

Teil der Lösung der Krise ist die Umstrukturierung der Streitkräfte und Sicherheitskräfte und eine Erlaubnis zur Kontrolle der Ressourcen durch alle Ethnien. Hierfür, und um eine friedliche Lösung der Krise zu sichern, ist es notwendig eine souveräne nationale Konferenz einzuberufen, in der sich alle Nigerianer oder ihre Repräsentanten zusammensetzen und die Zukunft des Landes diskutieren können.
 

References/Quellenangaben :

Niger Delta Environmental Survey. Phase 1 Report. Vol. I-IV,
Environmental Resources Management Lagos. Sept. 1999.
The Human Ecosystems of the Niger Delta: An ERA Handbook Kraft Books. Ibadan.
Nigeria: Report of the Commission appointed to enquire into the fears of Minorities and the means of allaying them. (Willink Commission Report) Her Majesty's Stationery Office. London.
1960 Independence Constitution.
1963 Republican Constitution.
The Ogoni Bill of Rights
The Kaiama (Ijaw) Declaration
Resolutions of the First Urhobo Economic Summit.
Bill of Rights of the Oron People.